Zeit ist Geld

Ralf Moseberg - Der Leiter International Sales der Schaeffler KG hält zahlreiche Patente. Er und seine Kollegen müssen technische Trends frühzeitig erkennen, um mit geeigneten Systemen und Komponenten optimale Automatisierungslösungen zu generieren; beispielsweise für Highspeed-Anwendungen.

30. März 2007

Im Werkzeugmaschinenbau ist Highspeed in Form der Hochgeschwindigkeits-Bearbeitung seit Jahren schon etabliert. Warum gewinnen Highspeed-Anwendungen nun auch in anderen Industriezweigen immer mehr an Bedeutung?

In der Industrie gilt der Grundsatz: Zeit ist Geld. Daher verlangen alle produzierenden Unternehmen nach hochproduktiven Maschinen mit hohem Durchsatz. Unter diesen Prämissen optimieren auch unsere Kunden ihre Maschinen immer weiter. Highspeed in der Lineartechnik bedeutet für uns: Geschwindigkeiten bis zu zehn Meter pro Sekunde zu realisieren. Im Werkzeugmaschinenbau sind bislang Geschwindigkeiten von maximal vier Meter pro Sekunde bekannt, zum Beispiel beim Langhubschleifen.

Welche Beispiele für relevante Applikationen in anderen Branchen können Sie nennen?

Die Bestückungsautomaten in der Productronic etwa. Wenn im Backend-Bereich Platinen mit Bauelementen bestückt werden, muss das so schnell wie möglich ablaufen. Hier besteht ganz klar die Anforderung, noch mehr Bauelemente in noch kürzerer Zeit zu positionieren. Dazu sind enorme Geschwindigkeiten bei den Maschinenelementen erforderlich. Andere Anwendungen findet man in der Automatisierungstechnik, der Druck- und Papierindustrie oder in Verpackungsmaschinen.

Welche Anforderungen werden dabei an Linearführungssysteme gestellt und wie entspricht die INA-Lineartechnik diesen?

Wesentlich ist hier die hohe Laufleistung, die bei weit mehr als einhunderttausend Kilometern liegt. Das geschieht zwar bei moderater Belastung, dafür aber mit höchster Dynamik. Basis unserer Aktivitäten für Highspeed-Anwendungen ist der erfolgreiche KUVE-B-Baukasten mit einer Vielzahl an Kugelumlaufeinheiten: vierreihig, vollkugelig und modular aufgebaut. Das heißt, innerhalb einer Baugruppe können Führungsschienen mit allen Wagentypen kombiniert werden. Die Kugelumlaufeinheiten sind geeignet für Beschleunigungen bis 150 Meter pro Sekunde- Quadrat und Geschwindigkeiten bis 360 Meter pro Minute. Wir haben neue Werkstoffe entwickelt, um diese hochdynamischen Anforderungen mit Stahlwälzkörpern erfüllen zu können. Dabei werden nicht einmal außergewöhnliche Anforderungen an die Tribologie gestellt. Uns ist es ebenfalls gelungen, mit Standardkomponenten eine Kugelumlaufeinheit zu entwickeln, welche die hohen Anforderungen der dynamischen Hochgeschwindigkeits-Bewegungen erfüllt ohne dafür aufwendige Technologien verwenden zu müssen. Das ist ein wesentlicher Vorteil für die Kunden.

Highspeed-Applikationen mit Standard-Modulen aus dem Baukasten zu realisieren, ist aber nicht die Regel, oder?

Wir haben unseren Baukasten mit standardnahen Führungskomponenten erweitert. Und dieser erfüllt die ehrgeizigen Anforderungen von Highspeed-Applikationen voll und ganz. Darauf können wir stolz sein. Bei den Highspeed- Anwendungen waren bislang Hybridlösungen Stand der Technik. Dabei müssen kostenintensive Materialien verwendet werden. Diese haben jedoch gegenüber unseren Lösungen ganz klare technologische Nachteile. Ich möchte hier nur nennen: geringere Crashsicherheit, geringere Tragzahlen, geringere Wirtschaftlichkeit.

Wie hoch ist in etwa der Anteil applikationsspezifisch angepasster Lösungen?

Mit den wachsenden Anteilen der Lineartechnik in der Automatisierung und im Maschinen- und Anlagenbau während der vergangenen Jahre haben sich natürlich auch die angepassten Lösungen deutlich erhöht. Durch unsere Neu- und Weiterentwicklung der vierreihigen Kugelumlaufeinheit KUVE reduzieren wir die Zahl der Einzellösungen deutlich zugunsten des Standards. Auf jeden Fall beraten wir unsere Kunden über unsere Außendienstingenieure ganz gezielt, um die für jeden einzelnen Anwendungsfall richtige Lösung zu finden.

Welche Elemente müssen mehrheitlich angepasst beziehungsweise konstruktiv verändert werden?

Aus Kundensicht müssen bei der Lösung von INA-Lineartechnik keine Anpassungen durchgeführt werden. Die Führungswagen der Hochgeschwindigkeits- Systeme sind voll und ganz mit den Standardtypen der vierreihigen Kugelumlaufeinheit KUVE-B austauschbar. Ausführliche Details zeigen wir im April auf der Hannover Messe.

Wie laufen die Tests ab, welche die benötigten Komponenten absolvieren müssen, bevor sie ausgeliefert werden? Und wie sieht es mit dem Service aus?

Grundsätzlich sind Hochgeschwindigkeits-Komponenten in Applikationen zu finden, die sehr hohe Laufleistungen absolvieren müssen. Darauf haben wir die Freigabetests angepasst. Wir testen heute Laufleistungen bis einhunderttausend Kilometer und mehr. Unsere Lebensdauerberechnung haben wir ebenfalls in speziellen Tests verifiziert. Damit können wir die Laufleistung der speziellen Kundenapplikation im Voraus absolut zuverlässig berechnen. Das verstehen wir auch unter Service. Den Service bei zum Beispiel technischen Fragen stellen wir mit unserem internationalen Netzwerk aus Anwendungs- und Vertriebsingenieuren sicher. Das findet direkt vor Ort, ganz nah beim Kunden und in seiner Sprache statt.

Wie gestaltet sich in aller Regel die Zeitschiene zwischen Auftragserteilung und Auslieferung zum Kunden?

Derartige Entwicklungen sind ja keine Sonderlösungen. Die Highspeed-Profilschienenführung ist ein Bestandteil unseres KUVE-B-Baukastens. Damit ist sie in kürzester Zeit nach Auftragseingang lieferbar. Das kommt unseren Kunden natürlich sehr entgegen.

Nach welchen Kriterien vergeben Maschinen- und Anlagenbauer gegenwärtig Ausrüsterbeziehungsweise Lieferaufträge, wenn es um Highspeed-Anwendungen geht?

Neben der technischen Leistungsfähigkeit steht natürlich die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund.

Gab es bisher auch Anwendungsfälle, vor denen Sie gänzlich kapitulieren mussten?

Kapitulieren mussten wir noch nie. Bislang haben wir die dynamischen Hochgeschwindigkeits- Anwendungen zum Teil durch Sonderlösungen realisiert. Heute können wir auf ein weiteres Element unseres Baukastensystems zurückgreifen.

Inwieweit werden aus Sonderlösungen Standardlösungen?

Generell passen wir unser Produktportfolio ständig an die anwendungsspezifischen Anforderungen an. Sonderlösungen werden dann in den Standard-Baukasten übernommen, wenn sie die Optimierungsphasen erfolgreich durchlaufen haben.

Gibt es in Ihrem Unternehmen bereits eine »applikationsgebunde Erfahrungsdatenbank «, auf die Ihre Vertriebsingenieure zugreifen können, wenn dennoch eine Sonderlösung gefordert ist?

Selbstverständlich konzentrieren wir unser applikationstechnisches Wissen, damit wir unsere Kunden auch branchen- und produktübergreifend beraten und aus unserem riesigen Portfolio das richtige Produkt zur Verfügung stellen können. Wir verfahren hier nach dem Motto »für jede Anwendung die richtige Produktlösung«.

Ist mit den bisherigen Applikationen das Spektrum für Highspeed-Anwendungen ausgeschöpft oder in welchen Branchen sehen Sie noch Potenzial?

Durch den zunehmenden Einsatz der Direktantriebstechnik werden Hochgeschwindigkeits- Anwendungen weiter zunehmen. Das gilt übrigens nicht nur für lineare, sondern auch für rotative Achsen. Mit unserer Direktantriebs- Tochter IDAM sind wir in der Lage, den kompletten Antrieb, das System zu liefern. Damit verschaffen wir unseren Kunden einen Wettbewerbsvorsprung.

Wie schlägt sich die Konjunkturbelebung in den Auftragsbüchern Ihres Unternehmens nieder? Haben Sie noch Kapazitäten?

Da wir stets eine vorausschauende Investitionsplanung betreiben, sind wir sehr gut aufgestellt und können dem Markttrend bestens folgen. Schneller und mit besseren Komponenten am Markt als der Wettbewerb zu sein, gilt als das Rezept schlechthin für wirtschaftlichen Erfolg.

Wie hoch ist das F+E-Budget in Ihrem Hause?

Es ist Tradition bei der Schaeffler-Gruppe, dass sie ihre wirtschaftlichen Zahlen nicht in Euro und Cent publiziert. Das gilt auch für unser F+E-Budget. Ich kann jedoch sagen, dass es so umfassend ? und überdurchschnittlich ist, dass wir im Wettbewerb weiter die Nase vorn haben werden und unsere Innovationen weiter intensivieren.

Können Sie sagen, woran man gegenwärtig arbeitet beziehungsweise was die Besucher der Hannover Messe auf dem Stand der Schaeffler AG sehen werden?

Aus verständlichen Gründen möchte ich darüber, an welchen Entwicklungsprojekten wir im Moment arbeiten, nicht sprechen. Auf unserem Messestand in Hannover zeigen wir außer den bereits erwähnten Details zur vierreihigen Kugelumlaufeinheit KUVE-B zahlreiche weitere Neuerungen, mit denen die Kunden die Leistungen ihrer Aggregate und Anlagen steigern können, Innovationen die weniger Bauraum brauchen, die Lebensdauer erhöhen und Energie sparen. Ein weiteres wichtiges Thema auf unserem Messestand ist TCO Total Cost of Ownership, das unsere Kunden mit Sicherheit sehr interessieren wird.

VITA

Ralf Moseberg

- Maschinenbaustudium an der Uni Kaiserslautern,

- 1991 Entwicklungsingenieur bei der INA Lineartechnik oHG,

- 1995 Gruppenleiter Entwicklung Profilschienenführungen,

- 1997 Abteilungsleiter Anwendung, Vertrieb Profilschienenführungen,

- 2000 Bereichsleiter Anwendung, Vertrieb und Konstruktion Profilschienenführungen,

- 2007 Leiter International Sales und Anwendungstechnik Geschäftsbereich Lineartechnik

Erschienen in Ausgabe: 02/2007