Wirkungsgrad 96 Prozent

Bernhard Erdl - Der Geschäftsführer, Chef-Entwickler und Gründer ist seit 1980 das Gesicht der Puls GmbH. automation-Chefredakteur Joachim Vogl sprach mit ihm über das Salz in der Produktsuppe, Reflexionen beim Blick in die Glaskugel und die Standfestigkeit von Beinen in Handelskonflikten.

02. Mai 2019
 Wirkungsgrad 96 Prozent
(Bild: Puls)

Herr Erdl, Ende vergangenen Jahres wurde Puls von Frost & Sullivan mit dem Manufacturing Leadership Award ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung, respektive Auszeichnungen generell, für Sie beziehungsweise für Ihr Unternehmen?

Wir wurden von Frost & Sullivan mit dem Manufacturing Leadership Award für unsere vernetzbaren Stromversorgungen und digitalen Services ausgezeichnet. Bei diesen Produkten nutzen wir viele Ansätze aus dem Design Thinking und gehen in die enge Abstimmung mit unseren Kunden. Das hat den Entwicklungsprozess unseres 960-Watt-Netzteils mit IO-Link-Schnittstelle, Dimension QT40.241-B2, maßgeblich geprägt. Über den Award freuen wir uns sehr. Deutlich wichtiger ist uns jedoch, dass unsere Kunden von dem Ergebnis in der Praxis profitieren.

Ihre Hutschienen-Netzteile werden in den Bereichen Automobilindustrie, Logistiksysteme, Gebäudeautomation, Medizintechnik, Energiesektor, Bahnanwendungen und Maschinenbau eingesetzt. Welche dieser Bereiche sind die umsatzstärksten, und wo sehen Sie die Ursachen dafür?

Wir haben unsere Wurzeln im Maschinenbau, der Fabrikautomatisierung und Logistik. Das sind alles Bereiche, in denen unsere Stärken, wie Effizienz, kompakte Baugröße, Robustheit und Langlebigkeit elementar sind. Doch auch im Bahnbereich und neuerdings auch in der Medizintechnik setzen immer mehr Anwender unsere Produkte ein. Hier sehen wir ein ausgesprochen großes Potenzial.

Könnten Sie sich auch vorstellen, Stromversorgungen für den Consumer-Markt anzubieten?

Die Antwort ist ein klares Nein. Die stärksten Argumente für Puls-Produkte waren schon immer der sehr hohe Wirkungsgrad und eine Mindestlebensdauer von etwa zehn bis 15 Jahren. Diese Qualitäten sind besonders bei Industriekunden gefragt. Im Consumer- Bereich spielen solche Faktoren eher eine Nebenrolle. Deshalb sehe ich hier keinen Markt für uns.

Fachmessen sind für Puls offenbar nicht relevant, obwohl es davon zahlreiche gibt. Woher kommt das?

Unsere Strategie ist: Wir gehen direkt zum Kunden und leisten persönlichen, technischen Support. Hierfür haben wir ein globales Support-Netzwerk von gut ausgebildeten Applikationsingenieuren aufgebaut. Sie unterstützen unsere Kunden von der Planung bis hin zu Fragen bei der Installation und Bedienung. Einen solchen individuellen Service finden die Kunden auf den Fach- messen nicht. Hier wird höchstens an der Oberfläche gekratzt.

Puls-Produkte sind dafür bekannt, Rekorde beim Thema Wirkungsgrad zu erzielen. Wo und wann ist Ihrer Meinung nach das Ende der Fahnenstange erreicht?

Unsere 480-Watt-Stromversorgung CP20.481 liegt aktuell bei einem Wirkungsgrad von 96,3 Prozent und ist damit Spitzenreiter im Markt. Technisch könnten wir auch 98 Prozent realisieren. Das wäre für den Mainstream-Anwender aber zu teuer und unwirtschaftlich. Das von unseren Entwicklern vollbrachte Kunststück ist, den maximalen Wirkungsgrad zu einem be- zahlbaren Preis zu liefern. Dafür verwenden wir viel Zeit. Erfreulicherweise können wir diesen hohen Entwicklungsaufwand aufgrund unserer hohen Stückzahlen letztlich wieder amortisieren.

Vita

Bernhard Erdl

- Seit den frühen siebziger Jahren Visionär und führender Experte in der Entwicklung von getakteten Stromversorgungen.

- 1980 gründete er die Puls GmbH als Münchner Garagenfirma.

- Immer auf der Jagd nach dem höchsten Wirkungsgrad, der längsten Lebensdauer und dem perfekten Schaltungsdesign.

- Ein wichtiges Erfolgsgeheimnis war die Entscheidung, sein Unternehmen frühzeitig auf Stromversorgungen für die DIN-Schienen-Montage zu spezialisieren.

Wo und wie begegnet Puls dem Thema Automatisierung, respektive wo gibt es Weiterentwicklungsmöglichkeiten in Ihren Werken – weltweit – beim Thema Fertigungsautomation?

Wir haben bereits vor vier Jahren unseren ersten Roboter in unserem Werk in Tschechien in Betrieb genommen und konnten seitdem viel Erfahrung sammeln. Inzwischen haben wir in China eine komplette Prüfstraße mit Industrierobotern bestückt, um voll automatisierte Hochspannungs- und Funktionstests durchführen zu können.

Ich sehe die robotergestützte Automatisierung als einen wichtigen Schritt, um den steigenden Personalkosten, auch in China, zu begegnen. In unserer Lead-Factory in Tschechien haben wir Robo-Lab eingerichtet, in dem wir eigene Grundlagenforschung in der Robotik betreiben. Der jüngste Erfolg ist, dass unsere Roboter selbst filigrane Arbeiten ausführen können, beispielsweise die dünne Schutzfolie von unseren Gehäusen abziehen.

Anfang 2019 haben Sie in Japan eine eigene Niederlassung ge- gründet. Erzählen Sie uns bitte mehr davon. Wie hoch ist beispielsweise die Investitionssumme, die Zahl der Mitarbeiter vor Ort oder die Größe des Areals?

Ausschlaggebend für die Gründung waren die ersten erfolgreichen Design-Ins bei renommierten Großkunden, die unser Team in Singapur ermöglicht hat. Was Puls für japanische Kunden und Partner besonders interessant macht, sind unsere hohe Technologie und die wertebasierte Firmenphilosophie. Sie sehen darin eine Chance, mit einem vertrauenswürdigen Partner den nächsten Schritt in Richtung Industrie 4.0 zu gehen.

»Unsere Strategie ist: Wir gehen direkt zum Kunden und leisten persönlichen, technischen Support.«

— Bernhard Erdl

Unsere Vertriebsniederlassung ist in Nagoya angesiedelt. Für die Leitung konnten wir einen japanischen Manager mit fließenden Deutschkenntnissen gewinnen. Aktuell stellt er sich vor Ort seine Mannschaft zusammen und konzentriert sich auf die Auswahl von geeigneten qualifizierten Applikationsingenieuren.

In Südkorea, auch ein entscheidender Markt für Ihr Unternehmen, werden Sie von einem Partner vertreten. Welche Rolle spielen Partnerschaften grundsätzlich in Ihrem Geschäftsmodell, und wie ist da der Stand der Dinge? Welche weiteren Partnerschaften oder Niederlassungen streben Sie an?

Als fokussierter Spezialist ist eine Zusammenarbeit mit ergänzenden Vertriebspartnern ein fester Bestandteil unserer Strategie. Mit vielen unserer weltweiten Partner arbeiten wir bereits seit Jahrzehnten erfolgreich zusammen. Das ist möglich, weil wir offen und fair miteinander umgehen. Wir sprechen auf Augenhöhe.

Der Unternehmensbereich Puls Vario entwickelt kundenspezifische Lösungen. Welchen Anteil hat dieser Bereich am Gesamtumsatz, und gibt es hier Verschiebungen? In welchem zahlenmäßigen Verhältnis stehen bei Ihnen Individualanfertigungen zu Standardkomponenten?

Der Fokus von Puls liegt ganz klar auf der Entwicklung und Fertigung von Standard-Stromversorgungen. Mit dem Unternehmensbereich Puls Vario entwickeln wir hingegen Modifikationen von Standardgeräten und Value-Add-Lösungen. Bei Value-Add kombinieren wir 80 Prozent Standard-Netzteiltechnologie mit 20 Prozent kundenspezifischen Komponenten. Diese Lösungen sind günstiger, zuverlässiger und viel schneller realisierbar, als vollkundenspezifische Entwicklungen. Uns sind hier die Synergien zwischen Standard und kundenspezifisch besonders wichtig. So bieten wir unseren Kunden immer das optimale Gesamtpaket. Inzwischen tragen Nichtstandard-Stromversorgungen etwa 20 Prozent zum Umsatz bei.

Welche Produktneu- und -weiterentwicklungen werden Sie im Laufe des Jahres 2019 präsentieren, und welche Vorteile haben die Anwender von diesen Lösungen?

Im Moment erleben wir eine große Nachfrage nach unserer neuen 3-Phasen-Stromversorgung mit IO-Link-Schnittstelle. Das Besondere an dieser Weltneuheit ist, dass es den Anwendern Echtzeitinformationen zu Leistungs-, Temperatur- und Zustandsdaten direkt aus dem System heraus liefert. Diese Daten helfen dabei, die Anlagenverfügbarkeit zu steigern und die Kosten für Wartung und Betrieb zu senken. Jetzt steht der Produktlaunch unserer neuen 4- und 8-Kanal-Power-over-Ethernet- Injektoren an. Die Geräte leisten 30 Watt pro Kanal und sind auch mit integriertem Netzteil erhältlich. Die Produktserie haben wir in Bezug auf Zuverlässigkeit, Robustheit und Sicherheit für das Industrial Ethernet optimiert. Unsere technologieführende Produktfamilie Dimension erhält 2019 Neuzugänge bei den Gleich- spannungswandlern sowie weitere Leistungsklassen in der erfolgreichen CP-Serie. Die kostenorientierte Produktfamilie Piano wird mit vier neuen Geräten in den unteren Leistungsbereich mit 30-Watt-, 60-Watt- und 90-Watt-Geräten erweitert. Außerdem wird sich auch bei den Sicherungsmodulen der Pisa-Serie und im Bereich IP67 noch einiges tun ...

Gibt es einen aktuellen Anwendungsfall, den Sie hervorheben möchten, weil er zum Beispiel technisch besonders innovativ oder weil der Anwender für Sie ein absolutes Aushängeschild ist?

In einem kundenspezifischen Projekt haben wir eine modulare und kosteneffiziente Lösung entwickelt, mit der wir aus vier 8-Kilowatt-Einheiten bis zu 32 Kilowatt aufbauen. Worauf wir hier besonders stolz sind: Das komplette System ist vollständig konvektionsgekühlt, trotz der hohen Leistung. Es wird also kein Lüfter eingesetzt. Das ist nur dank des hohen Wirkungsgrads von 96 Prozent und einem geschickten thermischen Design möglich. Dieses Beispiel zeigt nachdrücklich, dass man die Optimierung der Kernfunktionen einer Stromversorgung nie aus den Augen verlieren darf. Das sind in erster Linie Wirkungsgrad, Lebensdauer, Zuverlässigkeit und kompakte Bauform. Jedes neue Feature ist wertlos, wenn diese Basis nicht stimmt.

Wie wirkt sich das nach wie vor aktuelle Thema Fachkräftemangel in Ihrem Hause aus, und wie begegnen Sie diesem? Welchen Anreiz können Sie potenziellen Arbeitnehmern bieten?

Natürlich kostet uns die Besetzung von technischen Positionen häufig mehr Zeit, als uns lieb ist. Da geht es uns genauso, wie jedem anderen internationalen Elektronikunternehmen auch. Wir haben jedoch in den vergangenen zwei Jahren eine moderne Arbeitswelt geschaffen, mit der sich unsere Mitarbeiter verbunden fühlen. Bei unserer New-Work-Strategie verknüpfen wir die digitale Zusammenarbeit eng mit einer flexiblen und ansprechenden Büroumgebung. Dieses besondere Arbeitsumfeld in Kombination mit dem ausgezeichneten Ruf unserer Produkte spricht sich im Markt herum. Deshalb kommen auch regelmäßig interessante Bewerber von sich aus auf uns zu. Trotz Fachkräftemangels konnten wir beispielsweise unsere Ressourcen in den Bereichen Entwicklung und IT deutlich verstärken.

»Unsere 480-Watt-Stromversorgung CP20.481 liegt aktuell bei 96,3 Prozent und ist damit Spitzenreiter im Markt.«

— Bernhard Erdl, Geschäftsführer der Puls GmbH

Wie sehen Ihre strategischen Ziele und Pläne mittel- bis langfristig aus?

Die Zoll-Politik der USA hat uns veranlasst, insbesondere unsere Fertigungsstrategie zu überdenken. Wir hatten ursprünglich geplant, unsere Kapazitäten in unserem chinesischen Werk deutlich auszubauen. Durch die Strafzölle auf Elektronikimporte aus China in die USA mussten wir reagieren. Etwa 30 Prozent unseres Umsatzes erwirtschaften wir in den USA. Wegen der Sonderzölle investieren wir nun verstärkt in unser Werk in Tschechien, um die USA in Zukunft von diesem Werk aus beliefern zu können. Unsere Strategie der zwei Standbeine hat sich rückblickend voll bewährt. Bei den Fertigungskosten ist kein großer Unterschied mehr zwischen China und Tschechien. Wir sind gerade im Begriff, die Fertigungskapazität in Tschechien zu verdoppeln und gleichzeitig beide Werke völlig redundant aufzubauen. Das bedeutet, wir können einen Produkttyp sowohl in Tschechien als auch in China fertigen. Das gibt unseren Kunden Sicherheit und Unabhängigkeit von politischen Entwicklungen und Umwelteinflüssen. Unseres Wissens nach sind wir der einzige Stromversorgungshersteller, der das gleiche Produkt an mehreren Standorten parallel fertigen wird. Das ist ein entscheidender Beitrag zur Risikominimierung für unsere Kunden.

Erschienen in Ausgabe: 03/2019