Wir sind ein Systemintegrator

INTERVIEW - Reis Robotics gilt in der Roboter- und Automatisierungsbranche als ein innovatives Unternehmen, dessen Stimme Gewicht hat. Der Grandseigneur der deutschen Roboterhersteller, Walter Reis, hat schon rechtzeitig die Weichen auf Erfolg gestellt. Dr. Eberhard Kroth als Technischer Geschäftsführer und Dr. Michael Wenzel als Kaufmännischer Geschäftsführer führen das fort. Mit ihm sprachen wir über das Markt- und Branchengeschehen, neue Produkte und seine Erwartungen an die factory automation.

26. März 2002

Herr Doktor Wenzel, seit Mitte der 90er Jahre legt die VDMA-Fachgemeinschaft Robotik und Automation beeindruckende Umsatz- und Installations-Statistiken vor. Wie lange segelt die Automations-Branche noch auf dieser Konjunkturwelle?

Wenzel: Ohne die Zahlen für 2000 vorwegzunehmen, welche die Fachgemeinschaft Robotik und Automation auf der Factory Automation in Hannover präsentieren wird, kann ich sagen, daß das vergangene Jahr abermals sehr erfolgreich für die Branche war. Mancher versucht freilich, aus verschiedenen Fakten, wie etwa dem Rückgang der Verkaufszahlen in der Automobil-Industrie, zu schließen, daß jetzt die Krise an die Türen der Automatisierer klopft. Das ist reine Kaffeesatzleserei, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Natürlich sind wir uns alle im Klaren darüber, daß die Konjunktur nicht ewig auf diesem hohen Level boomen kann. Doch selbst wenn kurz- oder mittelfristig eine Umsatzkonsolidierung eintreten sollte, für die ich - und hierbei kann ich nur für unser Unternehmen und unsere Auftragssituation sprechen - allerdings keine Anzeichen sehe, dann gibt es immer noch jede Menge Automatisierungs- und Rationalisierungsrojekte, deren Realisierung angedacht ist. Wie sich allerdings in zwei, drei Jahren die Marktsituation speziell für jene Bereiche neben der Robotik darstellt, also Montage, Handhabung, die Komponenten und Systeme dafür und so weiter, vermag ich nicht zu sagen.

Wie kann man sich fit machen, um eine solche Konsolidierungsphase oder auch einen Konjunktur-Einbruch erfolgreich zu meistern?

Wenzel: Da gibt es keine Patentrezepte, wobei nach meinem Dafürhalten zumindest folgende Voraussetzungen unabdingbar sind: Erstens: Den Kunden einen größtmöglichen und quantifizierbaren Mehrwert bieten. Zweitens: Den Kunden möglichst umfangreiche Pre- und After-Sales-Serviceleistungen bieten. Drittens: Den Kunden eine attraktive, kundenorientierte Produktpalette in einem - viertens - angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Fünftens: Das applikations- und systemspezifische Know-how muß in house verfügbar sein, und das wiederum heißt: qualifizierte Mitarbeiter. Sechstens: Eine möglichst breite Zielgruppen-Basis. Aber diese Dinge sind Allerweltsweisheiten, die genauso in Konjunkturzeiten gelten.

Diesbezüglich sind bei Reis ja schon vor Jahren die Weichen gestellt worden ... - Wenzel: ... was nur logisch war. Wir haben unsere Wurzeln im klassischen Maschinenbau; Pressenfertigung. Mit dem Einstieg in die Robotertechnik wurde sehr schnell deutlich, daß deren Anwender deutlich andere Anforderungen bezüglich Service und Anwendungs-Know-how stellen. Klar, diese Technik steckte ja noch in den Kinderschuhen. Demzufolge hat man diese Bereiche manpower-mäßig verstärkt, ihnen eine gewisse Autonomie eingeräumt mit Rechten und Pflichten, und so sind sukzessive unsere Struktur, die Geschäftsfelder und die Komptenz gewachsen. Wir sind ein Systemintegrator, und zwar auf führender Position.

Wie sieht diese Struktur, von der Sie sprachen, aus?

Wenzel:Wir haben vier Bereiche: Dienstleistungen, Anwendungstechnologien, Fertigung und Entwicklung, und zwar sowohl von Produkten als auch von kundenspezifischen beziehungsweise projektbezogenen Sonderlösungen; Greifeinrichtungen beispielsweise, Spanntechnik und so weiter. Je nach den konkreten Inhalten jedes einzelnen Projektes werden aus diesen Bereichen und ihren Gruppen die entsprechenden Spezialisten zu Projektteams zusammengezogen, um die jeweils optimale Automatisierungslösung zu erarbeiten und zu realisieren.

Zweifelsohne ein Vorteil gegenüber jenen Roboterherstellern, die solche Projekte von Systemhäusern abwickeln lassen. - Wenzel: Nun, das muß jeder selbst entscheiden, wobei wir es tatsächlich als Vorteil empfinden, wenn Engineering, Anwendungs-Know-how und Pre- und After-sales-Service im eigenen Hause und damit jederzeit verfügbar sind. Außerdem: Im Zuge der Wirtschaftskrise der 90er Jahre sind viele Systemhäuser auf der Strecke geblieben und damit auch das Projekt- und Anwendungs-Know-how. Gerade dieses ist aber entscheidend für unser Geschäft. Das kann man nicht outsourcen.

In welchem Umfang hat Reis am Erfolg der Automatisierungs-Branche im letzten Jahr partizipiert und wie sind die Pläne für das laufende Geschäftsjahr?

Wenzel: Es gehört zu unserer Unternehmensphilosophie, keine Zahlen nach außen zu geben. Vielleicht nur soviel: Die neue Steuerung RobotStar V ist sehr gut am Markt angenommen worden, weil sie wesentlich mehr Features und damit Alleinstellungsmerkmale bietet als ihre Vorgängerin, die RobotStar IV. Bedienerfreundlichkeit, einfache Benutzerführung und Programmierbarkeit - das ist es, worauf Anwender gesteigerten Wert legen. Deshalb auch wird die RobotStar V weiterentwickelt.

Erfreulich ist auch, daß wir unseren Exportumsatz steigern konnten. Schwerpunktmärkte sind dabei Frankreich, Spanien und Italien, also Länder, die Wirtschaftswachstum verzeichnen und in denen die Konjunktur auch weiterhin boomen wird.

Unser gegenwärtiger Auftragsbestand - mehr als 50 Prozent über dem des vergleichbaren Vorjahreszeitraumes - ist übrigens ein neuerliches Rekordergebnis. Das macht uns zuversichtlich, wieder ein mindestens 20prozentiges Umsatzplus zu erwirtschaften. Wir beschäftigen gegenwärtig etwa 680 Mitarbeiter, das sind knapp 50 mehr als noch vor Jahresfrist. Doch so langsam wird es schwer, für die anstehenden Aufgaben qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Daß es allen Unternehmen so geht, ist nur ein relativ schwacher Trost.

Stichwort: Unternehmensphilosophie. Erläutern Sie bitte ein paar Kernsätze?

Wenzel: Ich möchte bei den Mitarbeitern bleiben, weil das ein gutes Beispiel für unsere Philosophie ist. Wir legen großen Wert auf eine umfassende Aus- und Weiterbildung. Das beginnt schon in der Lehrzeit, wo die Auszubildenden alle betrieblichen Bereiche durchlaufen. Insofern ist das berufsspezifisch Trennende, beispielsweise zwischen Industriemechaniker und Elektrotechniker, bei uns aufgehoben.

Ich teile durchaus die Kritik, die Sie im Editorial der Februar-Ausgabe Ihrer Fachzeitschrift Flexible Automation dem fehlerhaften Lehr- und Ausbildungsplan eines Mechatronikers zuteil werden ließen. Aber bei uns laufen Mechanik und Elektronik, oder anders gesagt Hardware und Software, von mir aus auch Maschinenbau und Steuerungstechnik, schon jahrelang nicht neben- sondern miteinander. Insofern haben wir also genauso lange ›richtige‹ Mechatroniker ausgebildet, vielleicht sogar Robotiker, obwohl es diesen Lehrberuf nicht gibt.

Jeder Mitarbeiter kann und soll auch innerhalb seines Funktionsbereiches Verantwortung übernehmen und die Lorbeeren dafür ernten. Daß das augenscheinlich klappt, zeigt sich an unserer sehr geringen Fluktuationsrate.

Sie sprachen vorhin auch von ›anstehenden Aufgaben‹. Welche sind das?

Wenzel:Wir werden neue, weitere Anwendungsbereiche für Roboter erschließen, auch außerhalb der Branchen in denen wir bereits jetzt aktiv sind. Mehr Informationen dazu gibt es, wenn die Dinge tatsächlich spruchreif sind.

Deuten die Produktinnovationen, die Reis auf der factory automation präsentieren wird - der RV4, zwei Palettierroboter, die Sicherheitssteuerung SafetyController - eventuell schon die eine oder andere Richtung an? - Wenzel:Wen das interessiert, der muß es sich in Hannover ansehen. Der kompakte sechsachsige Kleinroboter RV4, für Traglasten bis vier Kilo ausgelegt, ist universell einsetzbar für alle industriellen Anwendungsaufgaben in den Bereichen Handhabung und Montage kleiner Teile, Schweißen, Beschichten, Kleben, Bearbeiten und Fügen. Dafür spricht auch seine Wiederholgenauigkeit von 0,05 Millimeter.

Die beiden fünfachsigen Palettierroboter RP40 und RP80 mit 40 beziehungsweise 80 Kilo Traglast und Reichweiten von 2,8 respektive 2,6 Metern zum Palettieren, Depalettieren und Kommissionieren ergänzen unsere entsprechende Gerätereihe im unteren Traglastbereich, aus der wir ja im vergangenen Jahr den RP150 präsentiert hatten. Ein besonderer Aspekt ist, daß wir bei den beiden neuen Geräten auf die Schubstangenkinematik verzichtet haben zugunsten einer höheren Beweglichkeit und Flexibilität. Ein weiterer Aspekt ist die Fähigkeit beider Palettierroboter, auf dem Oberarm eine Zusatzlast von bis zu 20 Kilo mitzuführen, zum Beispiel kundenspezifische Steuereinrichtungen oder Prozeßausrüstung, und das ohne Einschränkung hinsichtlich Geschwindigkeit und Genauigkeit - plusminus 0,5 Millimeter übrigens.

Die Sicherheitssteuerung SatetyController ist mit ihren sicherheitstechnischen Möglichkeiten tatsächlich einzigartig, weil sie über Software frei konfigurierbar ist und nach EN 954-1 Steuerungsklasse III personensicher arbeitet. Diese zukunftsweisende Technologie eröffnet neue Möglichkeiten in der Sicherheitstechnik und eröffnet ein Höchstmaß an Flexibilität und beendet die Ära, Industrieroboter mittels elektrischer und mechanischer Maßnahmen in der Bewegungsfreiheit einzugrenzen, um Personensicherheit zu gewährleisten.

Last but not least zeigen wir auf der factory automation neue Möglichkeiten der Offline-Programmierung von Robotern mit realistischer Simulation.

Mit welchen Erwartungen geht Reis nach Hannover?

Wenzel: Wir erwarten, genau wie alle anderen Aussteller, speziell die Mitglieder im VDMA, eine signifikante Steigerung der Besucherzahlen aus dem Ausland. Dazu haben wir mit der Deutschen Messe AG nochmals eine Reihe von Maßnahmen vereinbart, die zum Teil schon jetzt greifen sollten, in Gänze jedoch spätestens im nächsten Jahr.

Welche Aktivitäten sind das konkret?

Wenzel: Da geht es beispielsweise um die Verbesserung der Verkehrsanbindung ausländischer Metropolen mit Hannover, um die gezielte Ansprache von Meinungsbildnern, die als Multiplikatoren wirken. Dazu gehört ebenfalls die Aktion „Go for Hightech“ am Messe-Samstag, wo wir Technik-interessierte Schüler der Oberstufe, Berufsschüler und Studenten auf die Messe einladen, um sie über die Berufschancen in der Industrie zu informieren.

Bei all diesem orientieren wir zunächst und vor allem auf den europäischen Raum, weil die factory automation den Anspruch einer europäischen Leitmesse zweifelsfrei rechtfertigt. Dieser Status wird und muß zumindest mittelfristig ausstrahlen auf Industrienationen in Übersee und bei den dortigen Unternehmern, Entscheidungsträgern, Fachleuten ein gesteigertes Interesse wecken, nach Hannover zu kommen. Erst wenn sich das in einem deutlichen Besucherzuwachs aus Übersee niederschlägt, kann man die factory automation wirklich als „Weltmesse“ bezeichnen. Dieses Prädikat muß erst noch erarbeitet werden.

Erschienen in Ausgabe: 02/2001