»Smart Factory ist unser Ziel«

Dr. Yoshiharu Inaba - Nicht der einzelne Roboter steht im Fokus, sondern das Vernetzen des Systems – davon ist der Chairman und Representative Director der Fanuc Corporation überzeugt. Er sprach mit Redaktionskollege Manfred Flohr von ›maschine+werkzeug‹ über Trends und Märkte.

18. Dezember 2019
»Smart Factory ist unser Ziel«
(Bild: Bernhard Foitzik/Fanuc)

Herr Doktor Inaba, im April dieses Jahres sind Sie als CEO von Fanuc zurückgetreten. Ist das jetzt für Sie der richtige Zeitpunkt, um auf die vergangenen 16 Jahre zurückzublicken oder sehen Sie weiter nach vorne – da Sie ja Chairman und Representative Director bleiben werden?

Ich bin jetzt 71 Jahre alt, und das ist ein guter Zeitpunkt, um die Verantwortung auf die jüngere Generation zu übertragen. Mein Nachfolger Kenji Yamaguchi ist 51 Jahre alt und damit 20 Jahre jünger als ich. Er ist zweifellos fähig, das Unternehmen als CEO zu führen. Ich selbst kann weiter aktiv sein, zumal ich natürlich sehr viele Leute kenne und damit einen Beitrag für das Unternehmen leisten kann. Natürlich wird das nicht ewig gehen.

Sie werden also verstärkt Forschung und Entwicklung betreiben?

Ja, es gibt viel zu tun.

Und Sie sehen eine schwierigere Phase als gute Gelegenheit dafür?

Ja, durchaus. Wenn die Konjunktur sich stabilisiert, werden wir alle Hände voll zu tun haben.

Auf der Weltrangliste von automation sind Sie an vorderster Stelle platziert, mehr als 590.000 Industrieroboter hat Fanuc eigenen Angaben zufolge bereits weltweit installiert. Wie sind Ihre langfristigen Ziele als Marktführer?

Die Zahl ist bereits überholt. Aktuell sind wir bei 630.000 ausgelieferten und installierten Robotern im Markt. Der Robotikmarkt wächst auf der ganzen Welt, weshalb wir uns darauf vorbereiten, noch mehr Roboter auszuliefern. Wir haben kürzlich eine neue Fabrik eröffnet, mit der wir unsere Fertigungskapazität auf 11.000 Roboter pro Monat erhöht haben. Wenn nötig, werden wir das noch weiter steigern. Der Markt wächst nicht nur im Bereich von Robotern, die einfache Aufgaben übernehmen, wie etwa solche zum Schweißen, sondern auch in komplexeren Bereichen wie der Montage und dem Materialhandling. In zunehmend mehr Bereichen können Roboter eingesetzt werden. Ich denke, dass der Markt für Roboter in naher Zukunft noch leicht auf das Fünf- bis Zehnfache wachsen kann.

Bis wann erwarten Sie, bei einer Million Robotern angelangt zu sein?

Ich denke, in einigen Jahren werden wir so weit sein.

Vita

Dr. Yoshiharu Inaba

- Dr. Yoshiharu Inaba ist Chairman und Representative Director der Fanuc Corporation.

- Bis April 2019 war er CEO der Fanuc Corporation. Dr. Inaba übernahm 2003 diesen Posten von seinem Vater, Dr. Seiuemon Inaba.

- Die technologischen Anfänge von Fanuc – erste NC-Steuerung – reichen bis ins Jahr 1956 zurück. Unternehmensgründung durch Dr. Seiuemon Inaba: 1972.

Ist das für Fanuc ein Ziel?

Nein, das ist lediglich ein Punkt entlang der Wegstrecke.

Inwieweit spüren Sie die kurzfristige Stagnation des Robotik-Booms in einigen Regionen der Welt, und wann rechnen Sie mit einer Erholung?

Diese Stagnation spiegelt den Zustand der Wirtschaft wider. Wenn das Wirtschaftswachstum schwach ist, ist zu erwarten, dass die Nachfrage nach Robotern sinkt. Aber die Nachfrage wird mit Sicherheit eines Tages wieder zunehmen.

Im Cobot-Markt könnte es bei Ihnen besser laufen, Ihre realen Verkaufszahlen differieren von den geplanten Zielen. Woran liegt es? Mit welchen Strategien wollen Sie hier gegensteuern?

Das braucht Zeit. Wir haben unsere kollaborativen Roboter an den Markt gebracht, aber die Kunden benötigen Zeit, um herauszufinden, wie sie solch einen neuen Roboter-Typ nutzen. Wir haben es hier mit einem neuen Typ von Robotern zu tun, und viele Kunden probieren noch aus, wie sie diese kollaborativen Roboter einsetzen können. Wir nutzen derzeit außerdem Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz selbst. Fanucs kollaborative Roboter haben eine EU-konforme Sicherheitszertifizierung, aber diese Roboter müssen als Teil eines gesamten Produktionssystems betrachtet werden. Viele Unternehmen, die kollaborative Roboter nutzen, haben ihre eigenen Sicherheitsanforderungen. Damit unsere kollaborativen Roboter an konkreten Arbeitsplätzen eingesetzt werden können, müssen die Endkunden diese zunächst als sicher anerkennen. Das dauert häufig seine Zeit. Ich gehe aber davon aus, dass in absehbarer Zukunft jeder zweite Roboter ein kollaborativer Roboter sein wird.

»Der Markt für Roboter kann in naher Zukunft um das Fünf- bis Zehnfache wachsen.«

— Dr. Yoshiharu Inaba, Fanuc

Aber zunächst müssen Sicherheitsstandards geändert werden?

Es geht nicht um Änderungen der Sicherheitsstandards. Die Kombination von kollaborativen Robotern mit Peripheriegeräten stellt ein Produktionssystem dar, und solche Produktionssysteme müssen in ihrer Gesamtheit sicher sein. Fanucs kollaborative Roboter selbst haben eine Sicherheitszertifizierung durch den TÜV, was beweist, dass sie sicher sind.

Wie sieht Ihrer Vorstellung nach die Produktion der Zukunft aus? Welche neuen Möglichkeiten bieten Cobots und das IoT?

Wir sind bestrebt, eine Smart Factory zu realisieren, indem wir intelligente Roboter und künstliche Intelligenz einsetzen. In der Vergangenheit haben wir versucht, die Performance der individuellen Maschinen, Roboter oder Prozesse zu verbessern. Heute sind Werkzeugmaschinen, Roboter und Sensoren miteinander vernetzt. Sie fungieren jetzt als ein einziges intelligentes Fertigungssystem, nicht mehr einzeln. Wir haben da noch eine Menge zu tun, müssen noch viele Funktionen entwickeln. Aber so eine Smart Factory zu realisieren, ist definitiv unser Ziel.

Werden in dieser Fabrik der Zukunft noch Menschen arbeiten oder nur noch Roboter?

In der Fertigung werden wir stets auch Menschen brauchen. Die Roboter entwickeln sich immer weiter und werden zunehmend komplexer. Wir brauchen aber viele so geschickte Hände und Finger, wie sie in der Robotik nur schwer und mit hohem Aufwand zu realisieren sind. Der Mensch ist sehr geschickt, da reicht ein Roboter nicht heran. Die Hände des Menschen sind heute nicht zu ersetzen. In hundert Jahren mag das anders sein.

Hundert Jahre sind aber sehr lange …

Ja, in der Tat. In absehbarer Zeit ist es unmöglich, auf jeden Fall aber zu teuer, den Menschen ganz zu ersetzen. Wir brauchen weiterhin menschliche Mitarbeiter. Sie werden auch weiter die Fabriken steuern. Allerdings wird sich die Art und Weise verändern, in der Menschen arbeiten. Die Arbeit wird leichter werden und die Arbeitszeit wird kürzer. Heute haben wir häufig eine Fünf-Tage-Woche mit täglich sieben bis acht Arbeitsstunden. In der Zukunft wird es der verstärkte Einsatz von Robotern ermöglichen, nur noch drei bis vier Tage pro Woche zu arbeiten und die tägliche Arbeitszeit auf vier bis fünf Stunden zu beschränken. Wir werden unser Leben also besser genießen können. Zugleich werden Menschen immer älter. Da es nicht genügend jüngere Leute gibt, werden wir auch deshalb mehr Roboter brauchen.

Heute sind ja noch Nachtschichten weit verbreitet.

Die Fertigung wird sich auf jeden Fall signifikant verändern. Menschen werden bald nicht mehr in der Nacht arbeiten müssen. Das ist unnatürlich.

Sie haben auf der EMO auch einen Cobot in Kombination mit mobiler Plattform gezeigt. Welches Marktpotenzial sehen Sie hier? Planen Sie hier einen Ausbau ihres Angebots? Wenn ja, zu welchem Anteil?

Sowohl für den Maschinenbau als auch für industrielle Roboter kommt ganz allgemein etwa die Hälfte der Kunden aus der Automobilindustrie. Wir sind aber dabei, den Markt auf weitere Industriebereiche auszudehnen. Dazu gehören zum Beispiel Materialhandhabung, die Lebensmittelindustrie oder die Kosmetikbranche. Viele Branchen kommen infrage. Wir statten Roboter mit unterschiedlichen Fähigkeiten aus, um die Anforderungen in den jeweiligen Bereichen zu erfüllen.

»Die Hände des Menschen sind heute nicht zu ersetzen. In hundert Jahren mag das anders sein.«

— Dr. Yoshiharu Inaba, Fanuc

Gibt es da eine Nachfrage nach mobilen Plattformen?

Ja, sie sind für die Automatisierung sehr wichtig. Vor allem in der Materialhandhabung sehen wir hier viele Einsatzmöglichkeiten.

Auf der EMO haben viele Werkzeugmaschinenhersteller demonstriert, wie mit Umati Maschinendaten genutzt werden können. Welche Bedeutung hat diese Standardschnittstelle für Fanuc?

Sie ist für uns sehr wichtig. Wie ich schon vorhin sagte, geht es uns heute nicht mehr so sehr um die Stärken des einzelnen Roboters, sondern eher um die Vernetzung des gesamten Produktionssystems als ein System. Dafür ist eine einheitliche Schnittstelle nötig. Umati ist in dieser Hinsicht sehr wichtig. Jede Industrie braucht so einen Standard. Damit werden die Produktionssysteme sehr flexibel und effizient. Neben Umati haben wir in den USA noch MT Connect. Beides sind globale Standards, die heute verfügbar sind und ebenfalls von uns unterstützt werden.

Der Griff in die Kiste, also das Greifen von ungeordnet liegenden Bauteilen durch einen Roboter, ist oft eine Herausforderung. Mit welchen Lösungen gehen Sie diese Herausforderung an? Woran forschen Sie hier?

Das Bin Picking ist sehr wichtig für Materialhandhabung und Montage und auch für das Be- und Entladen von Maschinen. Das ist eine Basistechnologie für uns. Wir sind gerade dabei, neue Funktionen mithilfe von künstlicher Intelligenz und Deep Learning zu entwickeln. Das läuft bereits, aber wir haben hier noch viel zu tun, um die Methode leichter bedienbar zu machen. Die Erkennungszeiten sollten dabei noch kürzer werden. Für uns ist das Verfahren sehr wichtig, weshalb wir hier in verschiedenen Bereichen aktiv sind. In den meisten Fällen ist die heutige Bin-Picking-Technologie bereits gut einsetzbar.

Wie kann die Erkennungszeit verkürzt werden?

Rechenleistung ist nur einer der Faktoren. Wir müssen vor allem das Deep Learning weiter voranbringen, um die Algorithmen schneller zu machen. Zumindest ist mehr CPU-Leistung nötig.

Zur EMO sind Sie auch in Europa mit Fanucs Industrial-IoT-Plattform Field System gestartet. Sie bieten etwa Apps zur Kontrolle und zum Visualisieren des Produktionsprozesses, aber auch zur Zustandsüberwachung und Anomalieerkennung von Maschinen. Wie war das Feedback Ihrer Kunden, als Sie das System zuvor in Japan gestartet haben? Welche Apps werden besonders nachgefragt?

Wir haben ja gerade erst damit begonnen und sind dabei, noch viele zusätzliche Funktionen zu entwickeln. Field System zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass es ein Edge-Computing-System ist und keine Cloud benötigt. Eine Internetverbindung ist lediglich erforderlich, um Applikationen herunterzuladen oder Serviceleistungen in Anspruch zu nehmen. In unseren eigenen Werken haben wir bereits über 1.600 Roboter und Werkzeugmaschinen vernetzt und basierend auf Anforderungen der Bediener Apps entwickelt.

»Wir sind dabei, neue Funktionen mithilfe von künstlicher Intelligenz zu entwickeln.«

Kunden, die Field System einsetzen, ist vor allem daran gelegen, damit höhere Effizienz und Flexibilität zu bekommen. Wir stellen dafür Standardapplikationen bereit, entwickeln aber auch sehr kundenspezifische Lösungen. Auf der EMO haben wir bereits ein dutzend Applikationen von Drittanbietern gezeigt, die wir allen Kunden anbieten können. Individuelle Lösungen sind natürlich immer nur für einen bestimmten Kunden bestimmt.

In Japan war das System schon etwas früher verfügbar als bei uns. Welche Erwartungen setzen Sie in den europäischen Markt?

Die Märkte in den USA, Europa und Japan unterscheiden sich kaum. Alle unsere Kunden wünschen sich eine Smart Factory, in der alle Produktionsanlagen über künstliche Intelligenz miteinander vernetzt sind. Das ist für sie eine Voraussetzung für die individualisierte Massenfertigung.

Welches Potenzial sehen Sie für den Bereich der künstlichen Intelligenz bei industriellen IoT-Anwendungen? Woran forschen Sie hier?

Die künstliche Intelligenz ist sehr wichtig, um zur Smart Factory zu kommen. Wir konzentrieren uns hier ganz auf den Produktionsprozess und statten dabei sowohl Roboter als auch CNC-Steuerungen mit mehr Intelligenz aus. Das ist die Aufgabe von Menschen.

Erschienen in Ausgabe: 09/2019
Seite: 10 bis 13