Sicheres Retrofit

Fertigungsautomation

Beratung - Wie bei vielen anderen Gesetzen und Normen sorgen auch bei der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG Novellierungen und andere Papiere dafür, dass sie praktikabel umsetzbar ist. Doch auch dabei tuen Aufklärung und Beratung Not, denn sichere Arbeitsplätze müssen stets gewährleistet sein.

14. September 2015

Bei der Modernisierung von Maschinen und Anlagen geht es vielfach darum, kosteneffizienter zu produzieren, durch Automatisierung den Output und gleichzeitig die Produkt- und Fertigungsqualität zu erhöhen oder einfach nur um die Sicherung der weiteren Betreibbarkeit für den Fall, dass Komponentenlieferanten die Ersatzteilversorgung einstellen. Dabei werden den Maschinen und Anlagen oft neue Funktionalitäten hinzugefügt oder die Leistung bestehender Einheiten erhöht. Dies kann neue Gefährdungen oder ein erhöhtes Gefährdungsrisiko (höhere Verletzungsschwere und/oder Wahrscheinlichkeit des Eintretens) bedeuten. Sicherheitstechnisch meist weniger problematisch ist der Austausch einer Steuerung, zum Beispiel weil die vorhandene Steuerung technisch veraltet ist, ihre Leistung für aktuelle Aufgaben nicht mehr ausreicht oder weil keine Ersatzteile mehr verfügbar sind. Doch dabei müssen dann häufig einige oder alle sicherheitsbezogenen Steuerkreise neu gestaltet werden, etwa für Türabfragen, Zweihandschaltungen, BWS-Systeme.

Das größte Problem dabei ist die Umsetzung neuer Sicherheitsanforderungen im Antriebssystem, insbesondere wenn frequenzgeregelte Antriebe eingesetzt werden oder pneumatische/hydraulische Systeme sicherheitsbezogen stillgesetzt werden müssen. Damit stellt sich die Frage: Muss jede Schutzeinrichtung und jeder sicherheitsbezogene Steuerkreis tatsächlich, wie oft behauptet, auf den neuesten Stand der Technik sprich: neue Maschinenrichtlinie nachgerüstet werden? Ist das überhaupt möglich? Die Antwort ist ein entschiedenes »Jain«, will heißen: die Entscheidung muss für jeden Einzelfall getroffen werden. Mit Maximalforderungen kommt man in der Praxis nicht weiter, oder sie führen zu wirtschaftlich unvertretbaren Lösungsansätzen.

Rechtliche Bewertung

Als Hilfestellung für die Entscheidungsfindung hat das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (BMAS) im März 2015 ein neues Interpretationspapier »Wesentliche Veränderung von Maschinen« herausgegeben, das als Download auf www.baua.de verfügbar ist. Das Papier soll helfen zu entscheiden, in welchen Fällen bei Retrofits an gebrauchten Maschinen und Anlagen die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG anzuwenden ist, das heißt der neueste Stand der Technik zu berücksichtigen ist.

Der wesentliche Punkt dabei ist die Frage nach neuen Gefährdungen beziehungsweise erhöhten Risiken. Wenn solche vorliegen, muss versucht werden, durch »einfache Schutzeinrichtungen« ein angemessenes Sicherheitsniveau zu erreichen. Zu diesen einfachen Schutzeinrichtungen können gehören:

- Abdeckungen und Einhausungen,

- Türen und Klappen mit steuerungstechnischer Verriegelung,

- sensorische Schutzeinrichtungen wie Lichtvorhang und Laserscanner.

Anders als im Vorgängerpapier, entscheidet nicht die Höhe des Risikos darüber, ob eine »wesentliche Veränderung« vorliegt, sondern die Frage, wie tief in die sicherheitsbezogene Steuerung eingegriffen wird. Zu unterscheiden sind drei Fälle:

- Die Steuerung verfügt bereits über Hardware (und gegebenenfalls die passende Software) zur Verarbeitung sicherheitsbezogener Signale. Es werden lediglich zusätzliche Ein- und Ausgangssignale hinzugefügt. Diese Situation wird oft bei Maschinen anzutreffen sein, die schon nach der alten Maschinenrichtlinie gebaut wurden und nicht älter als 15 Jahre sind. Meist handelt es sich bei der Modernisierung dann nicht um eine wesentliche Veränderung.

- Die Steuerung verfügt nicht über sicherheitsbezogene Hard- und Software, aber die neuen Sicherheitsfunktionen können außerhalb der Steuerung mit diskreter Schaltungstechnik (Sensor, Sicherheitsschaltgerät, zuverlässiger Aktor) aufgebaut werden, sodass sicherer Halt/Abschaltung erreicht werden kann. Auch in diesem Fall liegt keine wesentliche Veränderung vor.

- Komplexere Eingriffe in die Sicherheitssteuerung, zum Beispiel das Hinzufügen neuer Betriebsarten mit Zustimmung und zuverlässiger Geschwindigkeits- oder Kraftreduzierung, sind erforderlich und die Steuerung verfügt nicht über die hard- und softwareseitigen Voraussetzungen für solche Funktionen. Dieses Problem tritt oft auf, wenn Maschinen, die deutlich älter als 20 Jahre sind, mit neuen Automatisierungseinrichtungen ausgestattet werden sollen. Ein so tiefer Eingriff wird als wesentliche Veränderung aufgefasst.

Lautet die Entscheidung »eine wesentliche Veränderung liegt vor«, ist klar, dass die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG und aktuelle Normen angewendet werden müssen. Doch was ist zu tun und welchen technischen Stand muss man zugrunde legen, wenn »keine wesentliche Veränderung« vorliegt?

Gebrauchte Maschinen- und Anlagen unterliegen beim Betreiber dem Arbeitsschutzrecht. In der EU ist dies noch immer stark national geprägt. Jedoch gibt es eine grundlegende EG-Richtlinie, die einheitliche Mindestanforderungen an die technische Sicherheit von Arbeits-mitteln festlegt: die sogenannte Arbeitsmittel-benutzungsrichtlinie 2009/104/EG. Sie enthält wie die Maschinenrichtlinie einen Anhang I mit technischen Anforderungen. Jedes Arbeitsmittel – egal wie alt – muss diesen Mindestvorschriften genügen (in Deutschland jetzt in den Paragraphen 5 bis 9 und im Anhang I der Betriebssicherheitsverordnung zu finden).

Praxisgerechte Unterstützung

Aus der Integration von ProfiServices M. Schulz, einem Beratungsunternehmen im niederrheinischen Erkelenz, in die Axelent GmbH, Stuttgart, ist im Juni 2014 der Geschäftsbereich Axelent ProfiServices hervorgegangen. Einer der Tätigkeitsschwerpunkte ist die Betreuung der sicherheitstechnischen Aspekte von Retrofits an Maschinen und Anlagen. Axelent ProfiServices verfügt über erfahrene Sicherheitstechniker, die nicht nur mit allen Aspekten der CE-Kennzeichnung vertraut sind, sondern auch Sicherheitskonzepte für Altanlagen zusammen mit dem Betreiber oder umsetzenden Maschinenbauer entwickeln können.

Matthias Schulz, Leiter des Geschäftsbereiches Axelent ProfiServices, hebt als Erfolgsfaktoren hervor: »Bei einem Retrofitprojekt sollten die sichere Arbeitsplatzgestaltung und die späteren Arbeitsabläufe von vornherein sorgfältig betrachtet werden. Dazu ist es unserer Erfahrung nach sehr hilfreich, wenn Anwender und Sicherheitsfachkräfte des Betreibers eng mit dem Planer oder Maschinenbauer zusammenarbeiten. Ein sicherer Arbeitsplatz muss in jedem Fall erreicht werden.«

Motek: Halle 7, Stand 7240

Erschienen in Ausgabe: 06/2015