Rezession am Rohstoffmarkt?

Editorial

Deutsche Wirtschaftsexperten und Politiker erwarten vom »Aufschwung XL« (O-Ton Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle) in diesem Jahr sehr Großes:

31. August 2010

Ein zweiprozentiges Wirtschaftswachstum. Zum freilich hinkenden Vergleich: In China wuchs 2008 das Bruttoinlandsprodukt um 9,6 Prozent. »Nur« 8,7 Prozent waren es im vergangenen Jahr, als das Land der Mitte Deutschland den Rang des Exportweltmeisters abgelaufen hatte.

Heuer sah es zum Ende des zweiten Quartals so aus, als hätte China Japan vom Platz der zweitgrößten Wirtschaftsmacht verdrängt. Zahlenspielereien. Denn bezogen auf die jeweilige Bevölkerungszahl 127 Millionen Menschen in Japan, 1,3 Milliarden in China erwirtschaftet ein Japaner aktuell etwa 10.000 Dollar im Quartal, ein Chinese jedoch nur 1.000 Dollar. Gleichwohl droht in diesem Jahr der chinesischen Wirtschaft mit voraussichtlich elf Prozent Plus beim Gesamt-BIP die Überhitzung.

Ein derart rasantes Wachstum braucht natürlich Futter. Futter in Form von Rohstoffen. Dr. Jörg-Meinhard Rudolph, Geschäftsführer des Ostasieninstituts der FH Ludwigshafen, hat im Gespräch mit einer Online-Nachrichtenagentur vorgerechnet: »Wenn man in China pro Kopf so viel Öl verbrauchen würde wie es die Amerikaner tun, hätte die weltweite Ölproduktion im Jahr 2008 gerade einmal für den chinesischen Markt ausgereicht.«

Was so lapidar nach Statistik klingt, offenbart die Kehrseite des chinesischen Wirtschafts-Booms. Das Land braucht alles und bekommt alles: Eisenerz aus Argentinien, Bauxit aus Australien, Stahl aus Brasilien, Kupfer aus Chile, Erdöl aus Angola, Nigeria, dem Sudan und dem Irak, Erdölerzeugnisse aus Venezuela, Holz aus Gabun, Kamerun und dem Kongo, Nickel aus Kuba und Russland, Zinkerz aus Kanada, ..., Edelmetalle von überall.

Bei ihren Einkäufen agieren die chinesischen Konzerne nicht zimperlich: Skrupel, Geschäfte mit Diktaturen oder Terrorstaaten zu machen, kennt man nicht. Geld spielt dank staatlicher Subventionen keine Rolle. Dabei interessieren außer Rohstoffen und den Halbzeugen, die man daraus machen kann, vor allem Übernahmen und Teilhaberschaften in Größenordnungen, die es erlauben, Marktentwicklungen zu kontrollieren und -preise zu diktieren.

Besonderes Augenmerk gilt Seltenerdmetallen wie Scandium, Yttrium oder Neodym. China, mit 95 Prozent selbst weltgrößter Förderer dieser Materialien, kauft auf, was am Markt zu haben ist: 31.310 Tonnen allein im ersten Halbjahr 2009. Gleichzeitig beschränkt die Regierung die Exportquote auf ein Viertel der jährlichen Fördermenge und hebt begleitend die Ausfuhrzölle um 25 Prozent an. Für sechs der 17 Seltenerdmetalle ist ein Embargo angedacht.

Die künstliche Verknappung soll andere Industrieländer daran hindern, mit diesen Materialien zu forschen, um Schlüsseltechnologien und darauf basierende Produkte zu entwikkeln, für die chinesischen Unternehmen das Know-how fehlt. Droht also jetzt am Rohstoffmarkt eine Rezession?

Erschienen in Ausgabe: Sonderheft Motek Spezial/2010