Reinhard Hüppe

Der Geschäftsführer des Fachverbandes Automation, des größten im ZVEI, kennt die Industrie aus dem Effeff. Hier herrscht babylonische Sprachverwirrung: Safety oder Security?

09. Juni 2005

So plötzlich ist das gar nicht. Das Thema Sicherheit im Sinne von Safety, also die Vermeidung von Personen- und Sachschäden, ist bei der Produktentwicklung schon lange eingeführt, da ja das Maschinenschutzgesetz nicht erst seit gestern existiert. Was jetzt in den Mittelpunkt rückt, ist Security, also der Schutz vor unbefugten und ungewollten Zugriffen beziehungsweise Datenmanipulationen.

2 | Seit Jahren sind Sicherheitssteuerungen beziehungsweise Maschinensteuerungen mit integrierten Sicherheitsfunktionen am Markt verfügbar. Reicht das nicht?

Im Sinne von Safety: ja, vielleicht; im Sinne von Security, nein. Mit dem Einzug von Office- und Internettechnologien in die Welt der industriellen Automatisierung haben wir uns aber auch deren Probleme in die Prozeß- und Fabrikwelt geholt. Datentransfer via Ethernet ist nur noch eine Frage des »Wie«, aber nicht mehr des »Warum?« Dadurch sind aber jetzt sicherheitsrelevante Angriffsmöglichkeiten entstanden, wie sie bei den in der Vergangenheit häufi g physikalisch abgeschotteten und proprietären Systemen nicht bekannt waren.

3 | Welche Rolle wird in diesem Zusammenhang das Thema Condition Monitoring spielen?

Condition Monitoring spielt im Safety-Bereich eine große Rolle. Die Verfügbarkeit von Produktionsanlagen ist der Erfolgsfaktor im Wettbewerb, besonders am Standort Deutschland. Hier sind wir auf überdurchschnittliche Produktivität einfach angewiesen. Die dazu notwendige vorbeugende Wartung wird durch Condition Monitoring sehr erleichtert, wenn nicht sogar erst möglich.

4 | Können Sie es verstehen, wenn gestandene Praktiker wettern, daß die einzuhaltenden Sicherheitsnormen Automatisierungsprojekte unnötig verteuern, weil sie von Technokraten gemacht seien?

Jein. Die Normen sind ja das Ergebnis von Experten aus der Industrie und deren Anwendern. Wenn Unternehmen nicht die richtigen Personen in diese Normungsgremien entsenden, tun sie sich selbst keinen Gefallen, und das tut sich keine Firma an. Hier den Mittelweg zu finden zwischen »unbedingt notwendig« und »nice to have« ist sicher nicht ganz einfach.

5 | Wie arbeiten Sie und Ihr Fachverband bei der Normierung mit?

Wir sind hier sehr aktiv. Unsere Mitgliedsunternehmen mit ihren Mitarbeitern sind im Prinzip ein großer Pool von Experten. Durch deren Mitarbeit in vielfältigen Arbeitskreisen und Fachausschüssen lassen sich gut die »richtigen« Fachleute für die Normungsarbeit erkennen, und dann ist für mich Motivierungs- und Überzeugungsarbeit angesagt.

6 | Was steht uns diesbezüglich noch ins Haus?

Nur Gutes! Grundlage jeder Norm ist ja die einheitliche Sichtweise einer Branche oder Industrie zu der entsprechenden Problematik. Zum Thema »Security in der Automation« haben wir es zum Beispiel geschafft, mit Vertretern von NAMUR, PNO, GMA, VDMA, DKE und ZVEI einen Workshop von Anwendern und Anbietern zu organisieren, um hier eine Koordination der umfangreichen Aktivitäten zu erreichen, damit dann die internationale Normung entsprechend positiv beeinflußt werden kann.

Erschienen in Ausgabe: 02/2005