Puszta, Paprika, Pneumatik

UNGARN - Nicht erst seit dem Fall der politischen und wirtschaftlichen Grenzen zwischen Ost- und Westeuropa ist Ungarn in den Fokus westlicher Unternehmen gerückt. Schon seit den 60er-Jahren unterhielten deutsche Unternehmen Beziehungen dorthin.

07. November 2005
Bild 1: Puszta, Paprika, Pneumatik
Bild 1: Puszta, Paprika, Pneumatik

Seit 1970 im Osteuropa-Geschäft, kennt der Österreicher Friedrich J. Bader diesen Markt und seine Befindlichkeiten in- und auswendig. Der Geschäftsführer Regionalmanagement Mittel- und Osteuropa (MOE) der Bosch Rexroth AG logiert allerdings nicht mehr in Wien. Er koordiniert schon lange von Warschau aus alle relevanten Aktivitäten des Konzerns in der Region. Diese umfasst nicht weniger als 27 Länder; von Ost- und Südeuropa über das Baltikum bis nach Eurasien und die Mongolei.

„Seit den 70er-Jahren bis zur wirtschaftspolitischen Grenzöffnung zwischen Ost- und Westeuropa“ erzählt Friedrich J. Bader, „haben wir in die Comecon-Staaten vor allem Lizenzen verkauft. Das waren die besten Türöffner, um zu den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft Kontakte zu knüpfen. Über den Handel haben wir direkt und indirekt Politik gemacht.“

Und Dr. Alfons A. Weber, Senior Executive Vice President mit Regionalverantwortung für Asien sowie Mittel- und Osteuropa, ergänzt: „Die Länder des ehemaligen RGW waren ja keine industrielle Wüste. Rexroth hatte beispielsweise exzellente Kontakte in die UdSSR. Insofern brach nach dem Fall der Mauer für uns kein neues Zeitalter an. Aber die bestehenden Kontakte haben uns natürlich sehr geholfen, unsere Aktivitäten dort sowie in anderen Ländern schnell auszuweiten.“

Lieber Kunde, wir sind schon da

In Ungarn wurde die erste eigene Rexroth-Gesellschaft bereits 1989 eröffnet. 1990 geschah das gleiche in der ehemaligen Tschechoslowakei, ein Jahr später in Polen. 2001 nahm die vierte Landesgesellschaft in Russland ihre Tätigkeit auf. Daneben gibt es sieben Repräsentanzbüros und insgesamt 48 Vertriebs- und Servicepartner in den bereits genannten Ländern, um die gewünschte Präsenz und Marktabdeckung sicherzustellen.

István Ács, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Bosch Rexroth Kft. mit Sitz in Budapest, gibt einen kleinen Einblick in die Besonderheiten des ungarischen Marktes: „Obwohl der Norden und Nordosten Ungarns industrialisiert ist, ist er verglichen mit westlichen Industriezentren wirtschaftliches Entwicklungsland. Deshalb unterstützt der Staat Investitionen steuerlich. Dies nicht zuletzt, weil die einheimische Industrie ebenso zurückgeht wie die Landwirtschaft, wogegen der Dienstleistungssektor wächst. Ein großes Problem stellt für viele Ungarn die Mobilität dar. Etwa 90 Prozent sind Hausbesitzer. Die wollen von Haus und Hof nicht weg.“ Vielleicht auch deshalb liegt die Arbeitslosenquote bei etwa zehn Prozent. 400.000 registrierte Beschäftigungslose wies die Statistik Anfang des Jahres aus.

Von den 36,2 Milliarden Euro ausländischen Investitionen, die bis Mitte Dezember 2004 in Ungarn getätigt waren, kamen knapp 30 Prozent aus Deutschland. Größter Einzelinvestor ist die Audi AG, die in Györ eine Motorenfertigung unterhält. Hier werden auch die TT-Modelle gebaut. In den Werkzeugmaschinen in der Fertigung sind vor allem Hydraulikaggregate und Ventile von Bosch Rexroth im Einsatz. Das Unternehmen wird auch demnächst elektronisch gesteuerte Schraubsysteme für die Endmontage des TT-Nachfolgers liefern. Auftragswert: 1,5 Millionen Euro.

Der bislang größte Einzelauftrag aus Ungarn kam jedoch im Frühjahr 2001: Bosch Rexroth sollte für das neue Ungarische Nationaltheater am Donauufer die gesamte Bühnentechnik projektieren, liefern, installieren und den Probebetrieb fahren. Entstanden ist ein Meisterwerk der Bühnentechnik, das die Ober- und Untermaschinerie sowie die gesamte Leittechnik umfasst.

Seit Ende 2004 wird in einem eigenen Werk (Investitionsvolumen 16 Millionen Euro) in Eger auch produziert: Etwa 250 Mitarbeiter fertigen summa summarum 7.000 verschiedene Pneumatik-Komponenten und -Systeme, vornehmlich für Anwendungen im Maschinenbau, in der Logistik-automation und der Aluminiumherstellung und für den Schiffsbau. Es sind mehrheitlich kleine Serien und kundenspezifische Lösungen, die das Werk im Nordosten Ungarns verlassen.

Hinter der Marktstrategie, dort vor Ort zu sein, wo die Kunden sind, also auch in Ungarn, stehen handfeste wirtschaftliche Überlegungen: Das Lohn- und Gehaltsniveau beträgt etwa 20 Prozent des in Deutschland Üblichen. Und dabei hat es sich in den letzten sieben Jahren schon verdoppelt.

Im Umkehrschluss heißt das: Fünf, sechs Arbeitsplätze in Ungarn sichern einen hochdotierten Arbeitsplatz bei Bosch Rexroth in Deutschland. Und die Fertigung von Produkten, die spezielles Know-how erfordern, in den deutschen Leitwerken zu erhalten, ist schließlich erklärtes Ziel zumindest soweit wirtschaftlich vertretbar.

Betrachtet man sich die Wettbewerbssituation in Mittel- und Osteuropa, dann zahlt sich das frühzeitige Engagement von Rexroth bereits richtig aus: 130 Millionen Euro hat das Unternehmen im vergangenen Jahr in Mittel- und Osteuropa umgesetzt; 25 Prozent mehr als 2003. Die Anteile der Landesgesellschaften in Tschechien, Polen und Ungarn daran betrugen jeweils 27, 25 und 17 Millionen Euro.

Nach eigenen Angaben sieht sich Bosch Rexroth auf dem ungarischen Markt in der Industriehy-draulik sowie in der Linear- und Montagetechnik auf Platz eins. Im Bereich Pneumatik misst man sich mit dem Führenden Festo. Bei den elektrischen Antrieben und Steuerungen haben »lediglich« Siemens und Danfoss die Nase vorn. Nationale Wettbewerber? Fehlanzeige.

Da nimmt es nicht Wunder, wenn Friedrich J. Bader mit einem gewissen Understatement konstatiert: „Wir sind definitiv der einzigste Anbieter von Drive-und-Control-Systemen und -Komponenten aus einer Hand.“ Dass in den Ländern in seinem „Beritt“ verschiedene nationale Unternehmen teilweise noch Produkte nach alten Rexroth-Lizenzen fertigen (und gar nicht so erfolglos vertreiben), ficht Bader nicht an: „Diese Lizenzen sind seit über 15 Jahren nicht weiterentwickelt worden. Wenn die Applikationskriterien und damit die Anforderungen auf Kundenseite steigen, fallen diese Lizenzprodukte schon aus der Betrachtung.“

Die entsprechende Begründung liefert Marktkenner Alfons Weber gleich nach: „In Mittel- und Osteuropa gelten mittlerweile die gleichen Gesetze des Marktes wie in Westeuropa, Asien oder Amerika. Die Kunden haben die gleichen hohen Ansprüche an die Qualität, Performance, Ausfallsicherheit und Langlebigkeit von Antriebs- und Steuerungslösungen oder von Montagetechnik. Nur jene Anbieter, die diese Ansprüche zur vollsten Zufriedenheit erfüllen, werden an dem riesigen Potenzial der MOE-Region partizipieren.“

Nach Schätzungen von Bosch Rexroth dürfte hier das Marktvolumen für Antriebs- und Steuerungsprodukte von derzeit etwa einer Milliarde Euro auf 1,3 Milliarden im Jahre 2010 anwachsen.

Apropos Potential: Ungarn ist ein relativ kleines Land mit einem überschaubaren Markt. Die weiter östlich gelegenen Märkte der Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrusslands, werden zunehmend interessanter.

Blick zum Nachbarn

„Russland hat genug Geld für Investitionen. Es ist gegenüber dem Ausland Netto-Gläubiger“, sagt Dipl.-Ök. Piotr Macerszmidt, ein gebürtiger Pole und Vorsitzender der Geschäftsleitung von Bosch Rexroth in Russland und Kaufmännischer Leiter des Regionalmanagements Mittel- und Osteuropa. „Mitte 2005 beliefen sich die Gold- und Devisenreserven auf etwa 150 Milliarden US-Dollar.“

So verlockend dies und auch die Steuergesetzgebung sein mag Gewinnsteuer 24 Prozent, Umsatzsteuer 18 Prozent, Vermögenssteuer zwei Prozent des Buchwertes, Lohnsteuer 13 Prozent linear... Russland hat gewaltige Probleme. Nicht nur mit Tschetschenien, sondern vor allem mit sich selbst. Es mangelt an Know-how und an qualifiziertem Fachpersonal. Auf jeden Arbeitslosen kommen drei offene Stellen. Die Bürokratie feiert fröhliche Urständ, die Korruption blüht, die Rechtssicherheit ist fraglich, die Inflation hoch, das Bankensystem schwach.

Dessen ungeachtet hat Bosch Rexroth für Mittel- und Osteuropa die Parole „Wachstum“ ausgegeben: Im türkischen Bursa werden elf Millionen Euro in ein neues Produktionswerke für Hydraulikkomponenten investiert. In Blaj, in Rumänien, entsteht für 25 Millionen eines für Lineartechnik-Komponenten. Beide Werke sollen spätestens in zwei Jahren die Produktion aufnehmen.

In Russland hat sich Bosch Rexroth auch schon einen der größten Einzelaufträge in der Unternehmensgeschichte gesichert: Für etwa 220 Millionen Euro modernisiert das Unternehmen als Generalauftragnehmer das Moskauer Bolschoi Theater.

Erschienen in Ausgabe: 06/2005