Nicht nur Normen zählen

Manipulationssicherheit – Mit der Einhaltung von Normen ist ein Konstrukteur noch nicht auf der sicheren Seite. Er muss den Menschen einbeziehen, der sich die Arbeit durch Manipulationen zu erleichtern sucht.

20. August 2008
Scharnier- Sicherheitsschalter lassen sich nicht nur gut in Konstruktionen integrieren, sie verhindern auch Manipulationen wirksam.
Bild 1: Nicht nur Normen zählen (Scharnier- Sicherheitsschalter lassen sich nicht nur gut in Konstruktionen integrieren, sie verhindern auch Manipulationen wirksam.)

Wenn ein Konstrukteur Schutzeinrichtungen einer Maschine oder Anlage konfiguriert, beherzigt er meist alle relevanten Richtlinien und Normen der Maschinensicherheit. Das heißt aber noch nicht automatisch, dass er alles richtig gemacht hat. Ein wichtiges Stichwort heißt Manipulationsschutz. Das Phänomen der Manipulation wurde lange Zeit unterschätzt. Vor knapp drei Jahren zeigte eine Untersuchung bei 940 produzierenden Unternehmen, dass die Schutzeinrichtungen an mehr als einem Drittel der Maschinen ständig oder zeitweise manipuliert sind. Betriebe, in denen das passiert, sind oft nicht ganz unschuldig. Denn laut der Untersuchung sind Vorgesetzte nicht selten informiert, dulden Manipulation oder erwarten sie sogar.

Warum aber manipulieren Bediener »ihre« Maschine und begeben sich in Gefahr? Warum dulden manche Vorgesetzte das? Die Untersuchung gibt die Antworten: Manipulation wird dem Bediener leicht gemacht und erleichtert das Bedienen der Maschine. Aus Sicht des Anwenders und Betreibers der Maschine ist die Manipulation somit ein ganz rationaler Vorgang: Umgehen sie die Schutzeinrichtung, entfallen lästige Wartezeiten, bevor sich die Schutztür öffnen lässt. Oder der Blick auf den Prozess ist ungehindert, Maschinen sind leichter einzustellen und Arbeitsvorgänge besser zu überwachen. Besonders schwierig ist die Manipulation offenbar nicht: Rund 75 Prozent der Betreiber von manipulierten Maschinen geben an, dass die Schutzeinrichtung ohne großen Aufwand außer Kraft zu setzen war. Dies zu verhindern, ist vergleichsweise einfach: So sollten manipulationsanfällige Sicherheitsschalter mit nicht lösbaren Schrauben befestigt werden und Sicherheitsschalter mit codiertem Betätiger zum Einsatz kommen. Auch der verdeckte Einbau von Sicherheitsschaltern oder Sicherheitssensoren trägt zur Manipulationssicherheit bei, ebenso der Einsatz von Scharnier-Sicherheitsschaltern. Sie sind nur mit hohem Aufwand zu manipulieren, weil der Wirkmechanismus im Innern des Schaltergehäuses untergebracht ist.

Der Konstrukteur in der Pflicht

Mit konstruktiven Maßnahmen wird Manipulation erschwert – ganz verhindern lässt sie sich nicht. Deshalb ist es notwendig, noch früher im Konstruktionsprozess anzusetzen und Arbeitsabläufe und Ergonomie zu optimieren. Der Bediener darf gar nicht erst in die Versuchung kommen, Sicherheitseinrichtungen zu manipulieren. Konkret muss der Konstrukteur Schutzeinrichtungen so auswählen, anordnen und steuerungstechnisch einbinden, dass der Bediener seine Arbeit zügig und ungestört verrichten kann. Auch das ist teilweise ganz einfach zu realisieren. Einige Beispiele:

- Große Sichtfenster in Schutztüren bieten dem Bediener freie Sicht auf den Prozess.

- Der Bediener wird über den Betriebszustand der Schutzeinrichtung informiert. - Sonderbetriebsarten erleichtern den Einrichtbetrieb, indem die Maschine dann bei geöffneter Schutztür mit verminderter Geschwindigkeit und zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen betrieben wird.

- Eine sichere Stillstands- oder Geschwindigkeitsüberwachung erlaubt das Öffnen der Schutztür, sobald die gefahrbringende Bewegung gestoppt ist oder eine definierte sichere Geschwindigkeit erreicht hat.

- Das Einstellen, Einrichten und die Reparatur sollten ergonomisch ablaufen – hier gibt es in der Praxis überproportional häufiger Unzulänglichkeiten und Unfälle als im Automatikbetrieb.

Bewertungsschemata

Wie ernst die Experten für Maschinensicherheit dieses Thema nehmen, zeigt ein neues Bewertungsschema des Instituts für Arbeitsschutz (BGIA). Mithilfe dieses Schemas kann der Verantwortliche die jeweiligen Vorteile einer Manipulationshandlung ermitteln, um daraus einen Manipulationsanreiz (MPA) abzuleiten. Dazu sind die im Lebenszyklus einer Maschine vorkommenden Tätigkeiten aufgelistet und die möglichen Betriebsarten sowie etwaige damit verbundene Einschränkungen genannt. Es folgt eine Zusammenfassung, welche Vorteile bekannt sind, die dazu anregen, Schutzeinrichtungen zu umgehen. Am Ende jeder Zeile erscheint ein Manipulationsanreiz für die jeweilige Tätigkeit. Dabei wird jede Schutzeinrichtung separat betrachtet. Dieses Schema ist für den Konstrukteur hilfreich, weil er die Schutzeinrichtung so aus der Perspektive des Maschinenbedieners sieht und sich jeweils die Frage beantworten muss: Welche Vorteile hätte die Manipulation der Schutzeinrichtung für die Arbeit an der Maschine? Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt SUVA richtet sich mit ihrer Kampagne »Stop dem Manipulieren von Schutzeinrichtungen « an die Maschinenbetreiber. Eine Checkliste verschafft einen Überblick, ob und wie manipulationsanfällig eine Maschine ist. Drei Beispiele zeigen, wie sich Manipulationen durch konstruktive Maßnahmen vermeiden lassen. Sie betreff en Justier arbeiten bei laufender Maschine, Störungsbehebung via Monitor bei Förder- und Lageranlagen und die Einrichtsteuerung bei Förder- und Lageranlagen. Der Konstrukteur sollte sich auf jeden Fall mit diesen Fragen beschäftigen, denn eine optimale Integration der Schutzeinrichtungen schaff t nicht nur die Voraussetzung dafür, dass der Bediener wenig Anlass zur Manipulation sieht. Auch die Produktivität der Maschine wird dadurch verbessert – und eben die ist das wesentliche Kriterium des Anwenders bei einer Investitionsentscheidung. Somit kann der Maschinenbauer durch ein sorgfältig ausgewähltes und intelligent gestaltetes Sicherheitssystem auch die Wettbewerbsposition der jeweiligen Maschine verbessern.

Frank Schmidt, Schmersal/mk

Fakten

- Mehr als ein Drittel aller Maschinen ist ständig oder zeitweise manipuliert. Die Betriebe sind dabei nicht ganz unschuldig.

- Manipulationen werden oft leicht gemacht, Maßnahmen dagegen sind aber oft einfach durchzuführen,

- Konstrukteure müssen im Vorfeld Maschinen so gestalten, dass sie wenig Anlass zu Manipulation geben.

- Dazu gibt es verschiedene Bewertungsschemata und Kampagnen.

Erschienen in Ausgabe: DIGEST/2008