Mehr als Nullen und Einsen

Digitalisierung - Ob Produkte, Produktion, Vertrieb oder Arbeitskultur – es ist wichtig, den digitalen Wandel aktiv anzugehen. Nur so lassen sich Chancen mit Blick auf entsprechende Geschäftsmodelle auch nutzen. Das zeigt sich am Beispiel von Wittenstein.

25. März 2019
Mehr als Nullen und Einsen
Mitarbeiter gestalten die digitale Transformation bei Wittenstein von innen heraus agil mit. (Bild: Wittenstein SE)

Die digitale Transformation löst einen tief greifenden Wandel im Maschinen- und Anlagenbau aus. Produkte, Produktion, Vertrieb und Arbeitskultur werden digitalisiert und können gerade mittelständischen Investitionsgüterherstellern Chancen und Zukunftsperspektiven bieten. Bei Wittenstein hat man dies bereits früh erkannt und schon vor Jahren mit der digitalen Transformation von innen heraus begonnen.

Digitale Roadmap

Das Unternehmen hat sich eigenen Angaben zufolge bereits vor mehr als zehn Jahren als Pionier der digitalen Transformation betätigt und die Erkenntnisse im Jahr 2012 mit der Gründung der Schaufensterfabrik »Urbane Produktion der Zukunft« am Standort Fellbach umgesetzt. In der Produktionsstätte für hochwertige Verzahnungstechnik wurden Konzepte von Industrie 4.0 implementiert, getestet, optimiert und nach und nach in Produktion und Logistik integriert.

Im November 2016 gründete der Hersteller dann das interne Digitalization Center. Mit seinen heute etwa 30 Sensorik-, Elektronik-, Software-, Daten- und Cloudspezialisten treibt das Zentrum die weitere Entwicklung der digitalen Transformation unternehmensweit voran. Hierzu hat man eine Strategie entwickelt, die vier wesentliche Stoßrichtungen auf dem Weg der Unternehmensgruppe vom Antriebshersteller und Mechatronikkonzern zum »Leader in Cybertronics« definiert: Digitalisierung der Produktwelt, digitalisierte Produktion der Zukunft, digitale Kundeninteraktion und integrative Gestaltung eines Digitalen Mindsets bei Wittenstein. Die dazugehörige Roadmap mit ihren Meilensteinen ist mittel- bis langfristig angelegt.

Ein Punkt ist die Digitalisierung der Produktwelt: So sind mechatronische Antriebssysteme, die Informationen eigenständig erfassen und kommunizieren können, eine Voraussetzung, um Industrie 4.0 umzusetzen. Sie ermöglichen es, bislang verborgene Datenschätze zu heben, daraus neues Wissen zu schaffen, Informationsflüsse effizienter zu gestalten und so in der Nutzungsphase der Produkte für Betreiber und Hersteller zusätzliche Mehrwerte zu generieren.

Sensordaten mit IO-Link übertragen

Cloud-Services und internetbasierte Zugriffe sind für Maschinen- und Anlagenbauer kein absolutes Tabu mehr, sie werden als Gateway für mehr Flexibilität und Verfügbarkeit verstanden und nach und nach akzeptiert. Für Wittenstein ermöglicht dies, Daten zu sammeln, zu analysieren und zu interpretieren. Das aus der Analyse gewonnene Wissen kann wiederum in datenbasierte Services überführt und den Kunden angeboten werden. Die Antriebslösungen des Herstellers werden so zunehmend smarter und für IoT und Cloud um digitale Services ergänzt.

Wie dies aussehen kann, zeigt beispielsweise die Entwicklung eines Sensorbausteins für ein smartes Getriebe, welches erstmals auf der Hannover Messe 2019 präsentiert wird. Die Sensorik erfasst Betriebsdaten rund um den Antrieb, kommuniziert sie über die IO-Link-Schnittstelle an einen IO-Link-Master, der die Informationen für die Maschinensteuerung wie auch eine Condition-Monitoring-Applikation oder andere internetbasierte Dienste sichtbar macht.

Für eine andere Anwendung hat der Antriebsspezialist für einen Maschinenbauer eine Verschleißermittlung durch Hysteresemessung entwickelt – das Getriebe ist direkt mit der Maschine vernetzt und in ein maschinenübergreifendes Applikations- und Diagnosetool eingebunden. Weitere Entwicklungsschritte im Rahmen der Digitalisierung der Produktwelt sollen zu einer produkt- und systemübergreifenden Interoperabilität führen – mit eigenintelligenten Produkten und selbstbestimmten Wertschöpfungsnetzwerken in der Smart Factory. Denn Kundenwünsche in der Smart Factory kurzfristig, flexibel und wirtschaftlich rentabel umzusetzen, ist eigenen Angaben zufolge das Ziel der Digitalisierung der Produktion des Unternehmens. Die vernetzte, virtuelle Fabrik soll eine transparente, reaktionsfähige und individuelle Fertigung und Montage ermöglichen – im Extremfall in Losgröße 1 in den Kostenstrukturen der sonst üblichen Serienfertigung mechatronischer Antriebslösungen.

Das Erfassen und Nutzen von Prozess-, Bewegungs- und Maschinendaten ermöglicht die Entwicklung digitaler Werkzeuge, mit denen die Wertschöpfungskette über deren virtuelles Abbild – den digitalen Zwilling – dirigiert werden kann. Relevante Informationen sind für zuständige Mitarbeiter über Access Points zugänglich. Daten werden die Effektivität der Produktion verbessern, indem sie etwa die Reaktions- und Durchlaufzeiten vernetzter Produktionssysteme reduzieren und eines Tages die gesamte Wertschöpfungskette bedarfsgerecht steuern.

Ein weiterer Punkt ist die digitale Interaktion mit dem Kunden. Digitale Berührungspunkte, wie sie das Unternehmen beispielsweise mit seinen abgestuften Auslegungstools als Pre-Sales-Angebot im Markt etabliert hat, ermöglichen es, die Suche nach dem passenden Produkt zu einem Kundenerlebnis zu machen und die Beziehung zu Wittenstein als Lieferanten positiv zu emotionalisieren, wie der Hersteller ausführt. Gleiches gilt für die neue Online-Serviceplattform. Sie unterstützt als After-Sales-Tool die Kunden bei der Inbetriebnahme, im Betrieb, beim Service sowie einer späteren Ablösung und wird zusätzliche Services bereithalten.

Orientierung im Wandel

Die Digitalisierung ist außerdem mehr als ein Schritt in die Zukunft neuer Technologien – sie beschreibt auch einen Wandel in der Gesellschaft: Dies hat Auswirkungen auf Werte, Vorstellungen und Bedürfnisse von Menschen und Mitarbeitern – und damit auch auf die Unternehmen, in denen sie arbeiten. Das Schaffen und Weiterentwickeln einer digitalen Arbeitskultur, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht, ist daher ein wesentlicher Inhalt der Roadmap, wie sie Wittenstein aktuell und künftig umsetzt. Das Unternehmen entwickelt intern einen am Menschen orientierten, strategischen Weg, der allen Mitarbeitern die individuell in der Digitalisierung liegenden Chancen aufzeigen soll und zugleich Orientierung im Wandel bietet.

Die digitale Transformation wird von innen heraus von den Mitarbeitern agil mitgestaltet – sie sind als Menschen aktiv in die Vernetzung mit neuen Technologien eingebunden. Gleichzeitig legt der Hersteller bei Mitarbeitern wie auch Management Wert auf eine aufbruchsbereite Geisteshaltung. Im Management werden Risiken und Fehler in diesem Mindset auch als Chancen interpretiert – deterministisch-nutzenorientierte Entscheidungen weichen beispielsweise beim Entwickeln neuer digitaler Geschäftsmodelle der Selbsterfahrung im Trial-and-Error-Prinzip. Allen Ebenen im Unternehmen fällt die Aufgabe zu, den digitalen Wandel aktiv umzusetzen.

Hannover Messe: Halle 15, Stand F10

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 78 bis 79