22. JANUAR 2019

zurück

kommentieren drucken  

"Technik ist nie neutral"


Interview mit Dr. Janina Loh | Fertigungsautomation

Dr. Janina Loh - Die promovierte Philosophin arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Dort beschäftigte sie sich insbesondere mit der Roboterethik. Seit 2016 ist sie als Universitätsassistentin im Bereich der Technik- und Medienphilosophie an der Universität Wien tätig. Als Technikphilosophin gilt ihr besonderes Interesse der Verantwortungsforschung.
Mehrseitiger Artikel:
1 2  

Frau Dr. Loh, Sie sind Technikphilosophin. Mit was beschäftigen Sie sich genau?

Meine Schwerpunkte innerhalb der Technikphilosophie sind die Roboterethik, der Trans- und Posthumanismus, Feministische Technikphilosophie, Ethik in Technik und Wissenschaft sowie Verantwortungszuschreibung, beispielsweise in der Mensch-Maschine-Interaktion, im Umgang mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, in der Entwicklung einer starken künstlichen Intelligenz und so weiter.

Inwieweit ist die Diskussion, dass Roboter zum Beispiel in der Industrie einmal die Arbeit von heutigen Arbeitnehmern übernehmen – und sie nicht nur unterstützen – auch eine moralisch-ethische Diskussion?

Letztlich lassen sich Fragen nach der technologischen Transformation der Arbeitswelt darauf zurückführen, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen, was gute Arbeit ist, welchen Wert Arbeit im menschlichen Leben haben sollte und ob wir jegliche Arbeit – oder eben nur die Arbeit, die entfremdet – theoretisch von Robotern übernehmen lassen wollen.

Kann man den Begriff der Moral eigentlich auch auf die Technik übertragen? Oder anders gefragt: Ist es möglich, Dingen einen moralischen Wert zuzuschreiben?

Die kurze Antwort lautet uneingeschränkt ja. Und nicht nur das – wir tun es bereits. Menschen sind bewertende Wesen, ihrem Handeln liegen immer Intentionen, Zwecke und damit auch Werte zugrunde. Jedes technologische Artefakt verkörpert Werte – moralische, ästhetische, ökonomische und so weiter. Ein Maschinengewehr beispielsweise ist dafür gemacht worden, ein Gegenüber zu schädigen. Wenn man damit theoretisch auch einen Nagel in die Wand schlagen oder es als Gehkrücke benutzen könnte, ist es für einen anderen Zweck gemacht und verkörpert damit primär moralische Werte, die – im Fall des Maschinengewehrs – mit der Zufügung von Leid zu tun haben. Technik ist nie neutral.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff der Roboterethik?

Die Roboterethik ist die philosophische Disziplin, die sich mit den moralischen und ethischen Kriterien befasst, die im Bau von Robotern, im Umgang mit Robotern und im Verhältnis von Menschen und Robotern eine Rolle spielen. Sie stellt innerhalb des sogenannten westlichen Kulturraums eine verhältnismäßig junge Bereichsethik dar, eine Teilbereichsethik der Maschinenethik. Denn alle Roboter sind Maschinen, aber nicht umgekehrt alle Maschinen auch Roboter. In der Roboterethik wird darüber nachgedacht, inwiefern das fragliche Gegenüber, also der jeweilige Roboter, ein Wert- und vielleicht gar Rechtsträger und damit Objekt moralischen Handelns ist, und inwiefern ein Roboter sogar selbst als moralischer Akteur interpretiert werden muss. Außerdem diskutiert die Roboterethik Alternativen zu der klassischen Unterscheidung zwischen Subjekten und Objekten moralischen Handelns.

Wird oder sollte der Mensch seine Verantwortung an eine Maschine abgeben, zum Beispiel beim autonomen Fahren? Wie sieht es da mit dem Verständnis von Verantwortung aus?

Artifizielle Systeme – auch autonome Fahrassistenzsysteme – sind theoretisch in der Lage, in einem rudimentären Sinne Verantwortung zu übernehmen. Es hängt davon ab, um welche konkreten Roboter es sich jeweils handelt – und abhängig davon, inwiefern sie in der Lage sind, die für die Verantwortungsfähigkeit notwendigen Kompetenzen zu simulieren. Das wären unserem traditionellen Verständnis von Verantwortung zufolge Kommunikationsfähigkeit, Handlungsfähigkeit beziehungsweise Autonomie sowie Urteilskraft. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir unsere Verant-wortung gänzlich abgeben.
Verantwortung kann grundsätzlich geteilt werden und im Fall von Robotern, und konkret im Fall autonomer Autos, verbleibt die Hauptlast der Verantwortung bis auf Weiteres bei den involvierten Menschen; den Fahrzeuginsassen, den Besitzern der Autos, den Herstellern, den Designern und Programmierern – um nur ein paar verantwortliche Akteure in diesem Kontext zu nennen. Denn die invol-vierten Menschen verfügen über die gerade genannten Kompetenzen, die nötig sind, um jemandem Verantwortung zuzuschreiben, immer noch in einem deutlich größeren Ausmaß als jede noch so smarte Maschine.


Mehrseitiger Artikel:
1 2  
Ausgabe:
aut 08/2018
Bilder:
Bild: Andrea Vollmer

kommentieren drucken  


ANZEIGE

 

Diese Artikel könnten Sie ebenfalls interessieren...

Revolution in der Fertigungsautomation

Revolution in der Fertigungsautomation

Industrial Ethernet - Veränderungen im Bereich der industriellen Kommunikationstechnik bringen zurzeit eine Entwicklung in Gang, die vielfach als Revolution in der Fertigungsautomation bezeichnet wird. Das Industrial Communications Subsystem (ICSS) der AM335x-Mikroprozessoren von Texas Instruments (TI) ermöglicht über den Fertigungssektor hinaus die Anbindung an eine breite Palette von Anwendungsgebieten. » weiterlesen
»Der deutsche Markt hat viel Potenzial«

»Der deutsche Markt hat viel Potenzial«

Gerald Vogt, der neue Geschäftsführer von Stäubli Robotics in Bayreuth, gibt Einblicke in die Entwicklungs- und Marktstrategie, die den Schweizer Roboterbauer vom Nischenanbieter zum Global Player in der General Industry gemacht haben. » weiterlesen
Keyplayer der Revolution

Keyplayer der Revolution

ICs - Es ist nicht neu, dass wir uns in der vierten industriellen Revolution befinden. Allerdings gibt es einen namhaften Halbleiterhersteller, der diese Revolution maßgeblich mitbestimmt. Daher verdeutlichen wir im vorliegenden Fachbeitrag die Betätigunsfelder von Texas Instruments (TI). » weiterlesen
Grenzgänger

Grenzgänger

Drehgeber - Moderne Bodenfördersysteme wie Skid-Anlagen oder Skillet Conveyor in der Automobilindustrie sind nach Bedarf mit Hubtischen ausgestattet, die dem Werker eine ergonomische Arbeitsposition bieten. Zur Wegmessung für die vertikale Positionierung solcher Hubtische werden Seilzug-Drehgeber-Kombinationen von Pepperl+Fuchs eingesetzt. » weiterlesen
 
» Finden Sie weitere Fachartikel in unserem Artikelarchiv

  Jetzt Newsletter
abonnieren!


Aktuelle Ausgaben