Zykloidgetriebe

Nichts mehr von der Stange

Welches Getriebe brauche ich für meine Anwendung? Diese Frage lässt sich immer schwerer beantworten, da die Systeme komplexer werden. Damit spielen Engineering Services eine zunehmend wichtige Rolle. Nabtesco hat reagiert und baut seine Manpower weiter aus. Gemeinsam mit Kunden realisiert der Hersteller individuelle Projekte.

05. November 2018
Bild: Nabtesco Precision Europe GmbH
(Bild: Nabtesco Precision Europe GmbH)

Customizing liegt im Trend. Ob Robotik, Handling, Medizintechnik, Werkzeugmaschinenbau oder Fahrzeugtechnik: Immer öfter kommen keine Standardprodukte »von der Stange« zum Einsatz, sondern speziell angepasste, applikationsspezifische Sondergetriebe. »Wir beobachten in diesem Zusammenhang noch eine weitere Veränderung«, sagt Daniel Obladen, Head of Sales General Industries bei Nabtesco Precision Europe.

»Der Bedarf an Support im Engineering-Bereich steigt enorm. Früher wussten die Kunden ganz genau, was sie wollten und brauchten. Heute leisten wir bereits bei der Auswahl des richtigen Produkts verstärkt Unterstützung.«

Die Gründe dafür sind durchaus vielfältig: Die Applikationen werden immer komplexer, die Produktpaletten umfangreicher und die Entwicklungszyklen kürzer. »Eine Ursache sehe ich auch im allgemeinen Wandel, wie wir heute lernen und uns Informationen beschaffen«, berichtet Obladen. »Niemand hat mehr die Zeit, sich intensiv in die einzelnen, teilweise sehr komplizierten Technologien einzuarbeiten. Service und Beratung sind daher heute wichtiger denn je. Der Kunde möchte sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren und erwartet von uns schnelle Lösungen, eine fachkundige Betreuung sowie eine konstruktive Zusammenarbeit – und das völlig zu Recht.« 

Ziel: Serienfertigung

Nabtesco trägt dieser Entwicklung Rechnung und plant, seine Manpower im Bereich Engineering weiter zu verstärken. Als Systemanbieter kompletter elektromechanischer Antriebslösungen möchte das Unternehmen seine Kunden optimal betreuen – und dazu gehört nicht nur die Lieferung des Getriebes, sondern auch das entsprechende Engineering. »Entgegen dem Trend, im Servicesektor Chatbots und Künstliche Intelligenz einzusetzen, investieren wir daher in Ingenieure, die aktiv mit dem Kunden zusammenarbeiten«, erklärt der Vertriebsleiter.

»Dabei konzentrieren wir uns auf das, was wir können – und das sind Zykloidgetriebe.« Mehr als acht Millionen Präzisionsgetriebe des japanischen Herstellers mit Europazentrale in Düsseldorf sind inzwischen weltweit im Einsatz. Überall, wo es auf exaktes Positionieren und absolute Zuverlässigkeit ankommt, spielen die Getriebesysteme ihre Stärken aus. Vor allem aus der Robotik sind die leistungsstarken Zykloidgetriebe nicht mehr wegzudenken.

In sechs von zehn Industrierobotern stecken Nabtesco-Getriebe. Customizing ist hierbei ein großes Thema: »Gemeinsam mit dem Kunden entwickeln wir individuelle Lösungen, die perfekt an die jeweilige Applikation angepasst sind. Unser Anspruch dabei: Aus dem Customizing-Projekt wird eine Serienfertigung«, verdeutlicht Obladen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das RV-2800N.

Heute ist das Getriebe als Serienprodukt verfügbar, entwickelt wurde es jedoch speziell für einen namhaften internationalen Roboterhersteller. Für den Bau eines besonders großen Roboters suchte dieser ein passendes Präzisionsgetriebe, wurde aber auf dem Markt nicht fündig. Also wandte er sich an Nabtesco als Spezialisten im Bereich Robotergetriebe. »Der Herausforderung haben wir uns natürlich gern gestellt. Herausgekommen ist das RV-2800N«, erzählt Vertriebsleiter Obladen.

Größtes und robustestes Präzisionsgetriebe

Das kompakte Vollwellengetriebe unterstützt Nenndrehmomente von 28.000 Newtonmetern sowie Beschleunigungs- und Bremsmomente von 70.000 Newtonmetern. Es zeichnet sich dabei durch hohe Schockbelastbarkeit bis zum Fünffachen des Nenndrehmoments aus. Weitere Punkte sind seine extreme Steifigkeit sowie hohe Drehmomentleistungen. Zum Einsatz kommt das Getriebe überall dort, wo große Lasten punktgenau positioniert werden müssen. 

Anwendungen sind neben der Robotik unter anderem der Automobilbau, die Glasindustrie, der Bergbau sowie Kräne. Hier profitieren die Applikationen von Eigenschaften wie hoher Leistungsdichte, Präzision und Überlastfähigkeit. Das RV-2800N ist derzeit das laut Hersteller größte und robusteste Präzisionsgetriebe der Welt.

Modulare Einbausätze

Nicht immer muss es eine Getriebe-Neuentwicklung sein. Oft reicht schon die richtige Zusammenstellung bereits vorhandener Komponenten. In anderen Fällen werden Ritzel, Aufnahmebohrungen, Abdeckungen oder Antriebe verändert, um die speziellen Anforderungen der Maschine oder Robotikanwendung zu erfüllen.

Am gängigsten sind Adaptionen in Richtung Servomotoren, auch Anpassungen und Einstellungen für das optimale Zusammenspiel von Motor und Getriebe sind an der Tagesordnung. Oft dienen die kompakten, leichten und leistungsstarken Getriebe der Serien RV-N (Vollwelle) sowie RV-C (Hohlwelle) als Basis. »Aufgrund ihres modularen Konzepts sind diese Einbausätze geradezu prädestiniert fürs Customizing.

Natürlich können wir aber auch an all unseren anderen Produkten kundenspezifische Anpassungen vornehmen«, so Obladen. Die Spanne reicht von einfach bis komplex. So benötigt die Medizintechnik redundante Bremssysteme. »Mit normalen Antriebstechnologien sind wir nicht weit gekommen«, sagt der Vertriebsleiter. »Also haben wir Anpassungen an den Antriebselementen unternommen und somit den Sicherheitsfaktor deutlich erhöht. So konnten auf beiden Seiten des Getriebes Bremsen installiert werden.«

Sondergetriebe und individuelle Anfertigungen gehörten schon immer zur Leistungspalette des Unternehmens. Mit kompletten anwendungsspezifischen Lösungen, die mehr sind als nur ein Getriebe, gehen die Düsseldorfer noch einen Schritt weiter. So haben sie mit dem Zwei-Achs-Positionierer RSX-40K eine Alternative für anspruchsvolle Positionieraufgaben bei Schweißapplikationen geschaffen. Der variable Drehtisch positioniert genau mit einem geringen Spiel von unter einer Winkelminute und bewältigt selbst große Traglasten.

Schweißpunkte im Hundertstel-Millimeterbereich lassen sich punktgenau schweißen, ohne das Werkstück aus- und wieder einspannen zu müssen. Der Drehtisch kann Traglasten von vier Tonnen aufnehmen und verfügt über zwei Achsen: eine zum Drehen und eine zum Schwenken. Das erlaubt ein ergonomisches Arbeiten.

Bis zum Prozessplan

Wie weitreichend Customizing bei Nabtesco ist, zeigt ein weiteres Projekt aus der Medizintechnik. Sicherheit und Zuverlässigkeit sind hier sehr wichtig. So wurde für einen Kunden eigens ein spezieller Prüfstand in Kooperation mit einer Fachhochschule entworfen. »Auch haben wir gemeinsam mit dem Kunden und den Zulieferern einen kompletten Prozessplan aufgestellt – inklusive Qualitätssystem, Montagekonzept, Lieferketten, Labeling und Verpackung«, beschreibt Obladen. »Das ging weit über unser normales Geschäft – Auslegung und Verkauf – hinaus. Aber genau das ist für uns Customizing: in die Wertschöpfung der Kunden eingebunden und quasi zu einem Partner zu werden.«

Auf die Zukunft eingestellt

Die Vorteile von Customizing liegen auf der Hand: Anstatt die Bauteile von unterschiedlichen Lieferanten zu beziehen und selbst zusammenzubauen, bekommt der Kunde ein komplett fertig montiertes und vorgeprüftes System mit aufeinander abgestimmten Systemkomponenten. Inkompatibilitäten werden so vermieden und das System arbeitet praktisch wartungsfrei.

Das lokale Engineering von Nabtesco in Deutschland ist interdisziplinär aufgestellt und in der Lage, Kundenprojekte abteilungsübergreifend umzusetzen. Und wo geht die Reise in Zukunft hin? »Momentan fokussieren wir uns noch sehr auf die mechanischen Customizing-Prozesse«, führt Obladen aus. »Doch mit den enormen Entwicklungssprüngen, wie wir sie im Maschinenbau aktuell in den Bereichen Vernetzung und Software erleben, kann die Mechanik nicht mithalten.«

Stichworte sind unter anderem intelligente Getriebe, Integration von Sensoren, kontinuierliche Zustandsüberwachung und Open-Source-Technologien. »Auch beim Customizing werden künftig verstärkt Software- und Performance-Fragestellungen im Fokus stehen«, ist sich der Vertriebsleiter sicher. »Strategisch haben wir bereits die ersten Schritte unternommen, uns hier breiter aufzustellen. Wir haben noch viel vor.« 

SPS IPC Drives: Halle 3A, Stand 426

Erschienen in Ausgabe: 07/2018