Rainer Waltersbacher

»Eine sanfte Integration«

Der Geschäftsführer bei Vega ist mit dem Unternehmen und seinen Produkten schon seit Studienzeiten verbunden. Im exklusiven Interview spricht er mit unserer Redakteurin Ragna Sonderleittner über die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung, neue Geschäftsmodelle und das richtige Augenmaß bei der Modernisierung von Bestandsanlagen.

05. November 2018
»Eine sanfte Integration«
(Bild: Vega Grieshaber KG)

Herr Waltersbacher, die Digitalisierung ist der Megatrend der Zeit. Woran merken Sie das in Ihrer Produktentwicklung?

Die Feldgerätehersteller sehen sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Bei der Digitalisierung geht es darum, immer mehr Informationen zur Verfügung stellen zu können. Für die Ermittlung des Messwertes, in unserem Fall hauptsächlich des aktuellen Füllstands oder Druckwertes, werden über die Elektronik und Software im Gerät weitere Daten erhoben und ausgewertet, um eine möglichst korrekte und sichere Messung zu gewährleisten.

Durch die digitale Signalübertragung können diese Zusatzinformationen weitergeleitet und dem Anwender zur Verfügung gestellt werden. Damit lassen sich zum Beispiel Prognosen über den Zustand des Messgerätes oder Prozesses erstellen sowie Aussagen über Reinigungs- oder Wartungsbedarf bis hin zu Ausfallwahrscheinlichkeiten der Messung treffen. Ein ganz anderes Thema ist es, dank der zusätzlichen Daten und neuen Übertragungsoptionen weiterführende, bisher nicht für möglich gehaltene Dienste und vor allem Dienstleistungen anbieten zu können. Dies stellt völlig neue Anforderungen an die Gerätehersteller und übersteigt nicht selten deren bisherige Möglichkeiten. 

Welche neuen Geschäftsmodelle lassen sich denn realisieren?

Es ist durchaus denkbar, dass ein Anwender das ganze Thema Monitoring der Feldgeräte auf den Lieferanten überträgt. Schließlich kennt dieser die eigenen Geräte und deren Möglichkeiten am besten. Am Ende werden aus der Datenflut die richtigen Schlüsse gezogen und diese verdichtet weitergegeben: Wartungsbedarf an Messstelle x, erhöhte Ausfallwahrscheinlichkeit an Messstelle y, Kalibrierungsbedarf an Messstelle z oder Ähnliches.

Bereits heute werden wir auf Mietlösungen für unsere Geräte angesprochen. Der Anwender hat Interesse an einer verlässlichen Messwertinformation und möchte sich mit der Gerätetechnik erst gar nicht auseinandersetzen, die Investition nicht selbst tätigen. Das Bereitstellen von Messwerten ist eine der neuen Dienstleistungen, an der wir aktuell bereits arbeiten. 

Kommt die Nachfrage für digitale Entwicklungen aus dem Markt?

Ja und nein. Mit neuen Funktionen ergeben sich neue Möglichkeiten; mit neuen Möglichkeiten neue Ideen und damit letztlich Nachfragen. Wir stellen fest, dass konkrete Anforderungen an zusätzliche Gerätefunktionen aus den Anwendungen der Prozessindustrie erwachsen. Darüber hinaus entstehen Ideen aber auch aus anderen Industriezweigen und Märkten.

Nicht selten kann der Anwender jedoch noch gar nicht abschätzen, was er möchte. Ein Beispiel, das ich in diesem Zusammenhang immer gerne zitiere, ist die Einführung des iPhones. Als Nokia Marktführer bei Mobiltelefonen war, lag der Fokus darauf, immer noch mehr Tasten auf den stets kleiner werdenden Geräten unterzubekommen. Hätte man Kunden zu jener Zeit gefragt, wie die nächste Gerätegeneration aussehen soll, hätten die wenigsten nach einem Mobiltelefon ohne Tasten gefragt. Apple hat es auf den Markt gebracht und Erfolgsgeschichte geschrieben. Der Markt weiß nicht immer, was er will. 

Welche Anforderungen stellt die Prozessindustrie an Produkte?

Zuverlässigkeit und Sicherheit, was letztendlich in einer hohen Verfügbarkeit der Anlage mündet, sind nach wie vor die wichtigsten Anforderungen. Dabei kommt es darauf an, die Messgeräte an bestehende Anwendungen und Prozesse zu adaptieren, sprich für jede Anforderung das passende Gerät zur Verfügung stellen zu können. Dies wird über eine hohe Variantenvielfalt in Messverfahren, Elektroniken, Materialien und mechanischen Ausführungen sichergestellt.

Vega bietet dies bereits seit mehr als 15 Jahren mit ihrer einheitlichen Geräteplattform Plics an. Das Anpassen eines Prozesses oder gar einer ganzen Anlage an ein Messverfahren erfolgt aufgrund des immensen Aufwands nur äußerst selten. Bewährte Prozesse und Verfahren haben Priorität.

Gleichzeitig kann und möchte man sich insbesondere aus Wettbewerbsgründen neuen Technologien nicht verschließen. Dieser scheinbare Konflikt kann durch hybride Lösungen überwunden werden: Bestehende Gerätetechnologien und Übertragungsverfahren werden beibehalten und ein paralleler Kanal für die Zusatzinformationen eröffnet. 

Lassen sich auch Bestandsmaschinen digitalisieren? Immer-hin sind analoge Schnittstellen nach wie vor sehr verbreitet…

Analoge Schnittstellen und Digitalisierung stellen nur im ersten Moment einen Widerspruch dar. Dem NOA-Modell der Namur folgend kann ein zweiter, paralleler Informationskanal geöffnet werden. Dieser Kanal liefert zusätzliche Informationen über eine digitale Kommunikation und ergänzt die eigentliche Messinformation, die nach wie vor über analoge Schnittstellen weitergegeben und ausgewertet werden kann. Die Namur spricht von der sogenannten Informationsdiode: Informationen können nur in eine Richtung weitergeleitet werden, hier vom Feldgerät zu übergeordneten Systemen. 

Eine Übertragung von Parametern zu den Feldgeräten über diesen Kanal wird aktuell ausgeschlossen. Dies verhindert den unbeabsichtigten und unbefugten Zugriff von außen und das Verändern von Prozessen. Ob dies auf Dauer auch im Sinne der Anwender ist, bleibt abzuwarten. Aus meiner Sicht können begrenzte Zugriffe auf das Feldgerät über diesen Kanal durchaus sinnvoll sein, wenn ein entsprechendes Sicherheitskonzept zugrunde liegt. Entsprechende Untersuchungen, Tests und vor allem praxisnahe Erfahrungen werden hier neue Erkenntnisse liefern und den erwartungsgemäß wachsenden Bedürfnissen der Anwender Lösungen eröffnen. 

Wie muss man sich so ein Digitalisieren vorstellen?

Bei Vega ganz einfach: Alle Geräte unserer einheitlichen Geräteplattform Plics lassen sich nachträglich mit Bluetooth aufrüsten. Dabei wird einfach ein bestehendes Anzeige-Bedienmodul Plicscom gegen eines der neuesten Generation mit integriertem Bluetooth-Chip ausgetauscht. So wird die digitale Kommunikation zu dem Feldgerät per Funk möglich. Der Anwender kann den Austausch ganz einfach selbst durchführen. Ebenso wie das Nachrüsten eines Gerätes, das bis dato kein Anzeige-Bedienmodul hatte.

Durch diese einfache Lösung können alle Plics-Geräte, die seit dem Jahr 2002 ausgeliefert wurden, ohne Austausch der Geräteelektronik, Aktualisierung der Gerätesoftware oder Veränderung der Parameter digitalisiert werden. Auf diesem Wege lassen sich zusätzliche Geräteinformationen drahtlos sammeln, verdichten und auswerten und die Geräte sich bei Bedarf und mit entsprechender Berechtigung mit einem Mobiltelefon oder Tablet aus der Ferne parametrieren. 

Kann es sinnvoll sein, erst das Monitoring zu digitalisieren und die Steuerung dann später?

Definitiv. Die Migration neuer Technologien in bestehende Anlagen ist stets ein Thema. »Never change a running system« steht den sich immer schneller verändernden Umgebungs- und Wettbewerbsbedingungen gegenüber. Wer heute eine Anlage von Grund auf neu erstellt, kann die neuesten Technologien einsetzen und sich dadurch Wettbewerbsvorteile sichern. 

Dem gegenüber stehen aufwendige Planungen und immense Investitionen, um schnellstmöglich eine vergleichbare Betriebsbewährtheit zu erreichen. Bei den Feldbussystemen Profibus PA oder Foundation Fieldbus wurden einzelne neue Anlagen oder unabhängige Anlagenteile komplett mit dieser damals neuen Technologie ausgestattet. Die Integration in bestehende Anlagen war wirtschaftlich kaum umsetzbar. Die Digitalisierung ermöglicht eine sanfte Integration, da die bestehende Infrastruktur unangetastet bleibt und Zusatzinformationen über einen parallelen Kanal zur Verfügung gestellt werden. Der Grad der Digitalisierung kann jederzeit und individuell nach Bedarf erhöht werden.

Daneben stellt sich jedoch auch die Frage, ob bestimmte Signale nicht weiterhin generell analog beziehungsweise festverdrahtet – durchaus auch digital gelöst– beibehalten werden. So würde ich zum Beispiel eine Überfüllsicherung nicht über einen Cloud-Dienst umsetzen wollen. Genau in diesem Spannungsfeld lässt sich durch Migration, durch den Start mit Monitoring-Aufgaben, die Sicherheit gewinnen, weiterführende Schritte umzusetzen. 

Welchen Preis zahlt man unter Umständen, wenn man eine Eigenentwicklung implementiert und in fünf Jahren feststellt, dass man im Grunde doch eine größtmögliche Vereinheitlichung und Standardisierung bräuchte?

Diese Problematik rund um Investitionsentscheidungen gibt es schon immer und ist aus meiner Sicht weder auf Eigenentwicklungen beschränkt, noch dort besonders kritisch. Letztlich geht es darum, zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem aktuellen Wissen die eigene Situation zu beurteilen und daraus die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Und da es keine pauschal richtigen oder falschen Entscheidungen gibt, kann für den einen die standardisierte und für den anderen eine maßgeschneiderte Lösung genau das Richtige sein.

Eine Investitionsentscheidung sollte aber stets auch die Zukunftsfähigkeit beleuchten. Hier sehe ich heute eher Vorteile durch die Digitalisierung, da ein Austausch beziehungsweise eine Migration von Daten heutzutage deutlich einfacher gelingen sollte.

Wie sieht es mit der Kommunikation aus? Prozessanlagen sind oft sehr raumgreifend. Ist eine Verkabelung, selbst wenn die erforderlichen Reichweiten erreicht würden, da noch zeitgemäß?

Unser Ansatz des parallelen Kommunikationskanals auf Bluetooth-Technik setzt auf drahtlose Kommunikation, die ohne Veränderung an bestehenden Installationen sogar noch direkt vom Sensor gespeist und auch im Ex-Bereich eingesetzt werden kann. Damit sind Distanzen in der Größenordnung von 25 Metern überbrückbar.

Anschließend kommen Datensammler zum Einsatz, die zum einen spannungsversorgt und zum anderen via Kabel, WLAN oder GSM mit dem Internet verbunden sind, womit sich dann jede Übertragungsdistanz abdecken lässt. Bereits heute gibt es Feldgeräte, die mit einer verbauten Batterie mehrere Jahre ein paar Messungen täglich durchführen und diese per Funk weiterleiten. Und es gibt durchaus viele Anwendungen, bei denen diese Funktionalität völlig ausreichend ist. 

Die Prozessindustrie hat jedoch andere Herausforderungen: Mess-werte müssen jederzeit zur Verfügung stehen, kritische Ereignisse ohne Verzögerung weitergeleitet werden. Dies ist auf absehbare Zeit kaum dauerhaft ohne permanente Stromversorgung zu lösen, welche auch künftig der Kommunikationskanal sein kann. Als Feldgerätehersteller stellen wir uns auf beide Szenarien ein.

Wer hat eigentlich mehr davon, die Prozessdaten zu erheben – der Kunde, der seine Abläufe optimieren kann oder der Sensorhersteller, der mit den Kundendaten seine eigene Produktentwicklung vorantreiben könnte?

Ich sehe den Nutzen auf beiden Seiten. Und da wir stets ein partnerschaftliches Verhältnis anstreben, übrigens sowohl mit unseren Kunden als auch unseren Lieferanten, kann auf lange Sicht nur ein ausgeglichenes Verhältnis Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sein. Daher sehe ich hier niemanden im Vorteil. 

Generell gefragt: Was sind die Alleinstellungsmerkmale Ihrer Produkte und Lösungen? 

Wir stellen den Kunden und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns. Dabei stellen wir eine langfristige, partnerschaftliche Beziehung zur Zufriedenheit beider Seiten über einen vermeintlich kurzfristigen Erfolg. 

Ein Schlüssel dazu ist Einfachheit. Wir möchten einfache Geräte anbieten, die die Bedürfnisse erfüllen: Einfach auszuwählen; einfach zu bestellen; einfach zu installieren; einfach in Betrieb zu nehmen; einfach zu warten. Die Art, mit uns zu kommunizieren und mit uns zusammenzuarbeiten, soll für unsere Kunden einfach sein: kurze, schnelle Wege, einfache Erreichbarkeit, einfache Unterstützung bei Problemen. So entstehen unsere Produkte und Dienstleistungen. 

Ob wir diesem Anspruch gerecht werden, liegt im Auge des Betrachters. Die Rückmeldungen, die wir vom Markt erhalten, von Interessenten, Kunden und auch Wettbewerbern, zeigen uns, dass uns dies oft gelingt. Auch der wirtschaftliche Erfolg und die Unternehmensentwicklung sprechen dafür. Aber natürlich können wir nicht alle Erwartungen erfüllen. Und unsere Wettbewerber machen auch einen sehr guten Job. Das gibt uns die Chance, uns stets weiterzuentwickeln. 

Was werden Sie auf der SPS IPC Drives ausstellen?

Auch auf der SPS stehen unsere Radargeräte im Vordergrund. In stündlichen Präsentationen unserer Produktmanager wollen wir den Besuchern den neuesten Stand der Technik und vor allem die daraus resultierenden Vorteile vermitteln. Daneben zeigen wir IIoT-Lösungen und unsere Ideen rund um die Digitalisierung, wie etwa das Maintenance-Portal.

Werden Sie wieder den Slogan »Wir lieben Radar« auf Ihrem Stand haben?

Selbstverständlich. An unserer Passion hat sich nichts geändert. Radar entwickelt sich in der Füllstandmesstechnik mehr und mehr zu einem Standardmessverfahren. Durch die 80-Gigahertz-Technologie wurde der Einsatz noch universeller, die Inbetriebnahme noch einfacher. Radar gehört die Zukunft.

Um den Menschen Rainer Waltersbacher besser kennenzulernen: Was zeichnet Sie aus, was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ich begeistere gerne Menschen, interessiere mich für technische Neuheiten jeder Art und esse leidenschaftlich gerne, am liebsten im Kreis von Freunden. Außerdem bin ich begeisterter Camper und nutze jede Gelegenheit, mit dem Wohnmobil Europa zu erkunden. 

Erschienen in Ausgabe: 07/2018