17. NOVEMBER 2018

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Anziehendes aus dem Schwarzwald


Kendrion Binder - Etwa 140 Millionen Euro Umsatz, 900 Mitarbeiter weltweit - das sind die wirtschaftlichen Eckdaten der international agierenden Kendrion Electromagnetic Gruppe, zu der auch das deutsche Traditionsunternehmen Binder Magnete in Villingen-Schwenningen gehört.

Gegründet wurde Kendrion-Binder 1911 von Wilhelm Binder, der zunächst Präzisionsteile für die Uhrenindustrie fertigte. Knapp zehn Jahre später - Binder hatte sich im Selbststudium und Abendkursen in die Wissenschaft des Elektromagnetismus eingearbeitet - wurden auch Aufspanngeräte, Schutzmagnete, Magnettrommeln, Hubmagnete und Spulen hergestellt. Während des 2. Weltkrieges trat Wilhelm Binder jun. in das elterliche Unternehmen ein und erfand einen proportional gesteuerten Elektromagneten, mit dem sich verschiedene Positionen präzise anfahren ließen.

Er war es auch, der bis weit in die 80er-Jahre hinein immer wieder neue Entwicklungsprojekte angestoßen hat. Die Folge: Binder expandierte und diversifizierte. Man entwickelte und fertigte Frequenzumrichter und sogar Drucker. Die Fertigungstiefe war immens, ebenso die Mitarbeiterzahl: Ende der Achtzigerjahre arbeiteten bei Binder 1.300 Menschen. Dann kam die Rezession Anfang der 90er-Jahre. Für über die Hälfte der Belegschaft wurden Sozialpläne erstellt, bislang für unverzichtbar gehaltene Geschäftsbereiche und Abteilungen, wie etwa der eigene Betriebsmittel- und Werkzeugbau, aufgelöst oder ausgelagert.

Glücklicherweise hatte die Familie Binder kein Geld aus dem Unternehmen abgezogen, sodass die notwendig gewordene Restrukturierung mit Eigenkapital finanziert werden konnte. Federführend bei dieser Restrukturierung war der damalige Geschäftsführer und heutige Holding-Geschäftsführer Heinz Freitag. 1997 übernahm der holländische Konzern Schuttersveld N.V. - heute Kendrion - das Unternehmen und in den Folgejahren noch einige Binder-Wettbewerber, wie beispielsweise Thoma Magnettechnik in Donaueschingen und Neue Hahn in Engelswies.

Drei Geschäftsbereiche bilden die Säulen der Unternehmensgruppe: Magnetic Systems (etwa 50 Millionen Euro Umsatz), Automotive Systems (55 Millionen Euro Umsatz) und Power Transmission (35 Millionen Euro Umsatz). Für die beiden letztgenannten entwickeln und fertigen etwa 300 Mitarbeiter im Werk Villingen-Schwenningen - nahezu paritätisch aufgeteilt - beispielsweise Hub-, Nockenwellen-, Steuer- und Proportionalmagnete sowie unterschiedlichste Ventile, die für mehr Sicherheit, Komfort im Kraftfahrzeug und für eine sauberere Umwelt sorgen. Daneben sind für industrielle Anwendungen elektromagnetische Bremsen, schaltbare Kupplungen, Vibratoren, elektromagnetische Hub-, Spreiz- und Haftmagnete bestimmt.

In einem Zweigwerk im österreichischen Eibiswald bei Graz produzieren etwa 250 Mitarbeiter für alle drei Geschäftsbereiche, ebenso in Spanien. Ein weiteres Zweigwerk in Tschechien fertigt ausschließlich für die Automotive Systems Division. Ein viertes schließlich in China fungiert als verlängerte Werkbank für alle Gruppenunternehmen. Verschiedene Vertriebsniederlassungen komplettieren den Magnete-Verbund von Kendrion Binder. »Der Bereich Power Transmission setzt im Prinzip die Tradition von Binder Magnete fort«, erzählt der für diesen zuständige Geschäftsführer Dr.-Ing. Ralf Gfrörer und erklärt: »Unsere Kunden sind beispielsweise für Bremsen - die Hersteller von Servomotoren, die damit wiederum Maschinen- und Anlagen- sowie Roboterbauer beliefern. Häufig ist es so, dass der Kunde besondere Anforderungen an die Bremse hat und insofern sind wir bei der Entwicklung neuer Motorengenerationen bereits ab der Designphase mit im Boot.«

Durch das Vordringen dezentraler Antriebskonzepte in Verbindung mit elektronisch gesteuerten Servomotoren ist das Geschäft mit Kupplungen mittlerweile etwas rückläufig. Für den Geschäftsführer ist dieser Bereich aber im Service- und Ersatzteilbereich immer noch interessant, »weil wir weltweit einen riesigen Bestand haben, der zum Teil sogar noch aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren stammt. Typisch Binder eben: Unkaputtbar.« Wesentliche Marktanteile kann das Unternehmen auch bei Federdruck- und Aufzugbremsen sowie bei explosionsgeschützten Bremsen vorweisen, wobei die beiden letzten Produkttypen besonders im Nachrüst- und Retrofittinggeschäft unter Aspekten der Zuverlässigkeit und Sicherheit gefragt sind. Ein weiterer Produktbereich sind Gleichrichter mit integrierter Abschaltelektronik.

Bei der Entwicklung eines neuen Bremsentyps zur Integration in Servomotoren beschritt Binder Magnete vor Jahren einen neuen Weg. Das Ergebnis war eine Permanentmagnetbremse, die im Falle einer Havarie, wenn der Strom ausfällt, ausgezeichnete Halte-Eigenschaften -bietet. Inzwischen hat die Permanentmagnetbremse diverse Anpassungen und Optimierungen hinsichtlich Baumaße, Einbauort, Magnetkräfte, Drehmomentmaximierung und Fertigungsverfahren erlebt, und der Umsatzanteil mit diesen Antriebskomponenten beträgt mittlerweile mehr als 50 Prozent. Die drei größten Abnehmer der Permanentmagnetbremsen sind die Elektromotorenhersteller Siemens, Bosch Rexroth und Lenze. Aber ein Mehr ist möglich: Die Schwarzwälder haben schon die Märkte in Fernost und Nordamerika im Visier.

Zudem dringen sie mit ihren Bremsen in neue Anwendungen beziehungsweise Zielgruppen vor -Kleinstgetriebemotoren etwa, die Medizintechnik, die Mikroskopie und so weiter. Zwar kommt die neueste Generation dieser Bremsen heuer auf den Markt, aber laut Ralf Gfrörer hat man bereits die nächsten Entwicklungsprojekte in der Pipeline. »Dadurch«, sagt der Geschäftsführer »dass Binder Magnete zu den Pionieren dieser Technik gehört und die Firmeninhaber wie die Geschäftsführung Entwicklungsprojekte mit allerhöchster Priorität vorangetrieben haben, verfügen wir über vielfältigstes Know-how und Erfahrungen, die einmalig sein dürften. Unser Budget für Forschung und Entwicklung beläuft sich durchschnittlich auf etwa zehn Prozent vom Umsatz, wobei der Geschäftsbereich Automotive Systems aufgrund der Menge an Anfragen und Aufträgen momentan am meisten davon profitiert.«

Was die Fertigungsphilosophie bei Binder Magnete anbelangt, so hat man einen effektiven Mix aus manueller, halbautomatischer und vollautomatischer Montage und Prüfung gefunden. Der Automatisierungsgrad ist dem Charakter der Auftragsfertigung angemessen: Sonderbauformen sowie Klein- und Kleinstserien werden in Handarbeit montiert, unterstützt von Maschinen und Halbautomaten. Das Magnetisieren inklusive Messen und Abgleichen sowie die Hochspannungsprüfung aller Spulen erfolgen vollautomatisch in einer separaten Anlage. Auch die komplette Jahresproduktion der Permanentmagnetbremsen wird vollautomatisch produziert und geprüft. »Dieser Mix«, so Gfrörers Fazit, »sichert uns volle Flexibilität in der Fertigung und hat dazu beigetragen, dass wir unsere Lieferzeiten drastisch reduziert haben.«

www.kendrion-electromagnetic.com

Ausgabe:
aut 05/2006
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