Matthias Meyering

Immer einen Schritt voraus

Seit knapp 20 Jahren ist der Leiter Product Management Electronics bei Stöber Antriebstechnik in Pforzheim tätig. Im exklusiven Interview mit automation-Chefredakteur Joachim Vogl berichtet er unter anderem von den Vorzügen des neuen Antriebsreglers SC6 und von künftigen Entwicklungen.

07. Mai 2018
Matthias Meyering, Leiter Product Management Electronics bei Stöber Antriebstechnik Bild: automation/jv
Bild 1: Immer einen Schritt voraus (Matthias Meyering, Leiter Product Management Electronics bei Stöber Antriebstechnik Bild: automation/jv)

Herr Meyering, das jüngste Mitglied in Ihrem Produktportfolio ist der Antriebsregler SC6. Welche Besonderheiten und welche Vorteile bietet dieser?

Mit dem SC6 haben wir einen Antriebsregler entwickelt, der passgenau auf moderne Maschinenkonzepte mit bis zu vier Antrieben konzipiert ist. Für dieses Marktsegment sind die integrierte Netzversorgung, die im Gerätestandard enthaltene Profinet- oder EtherCAT-Schnittstelle, und die hoch performante Regelung ausgelegt. Die schmale Bauweise der Antriebsreglerbaureihe SC6 mit Einzel- und Doppelachsreglern macht platz- und kostensparende Antriebskonzepte möglich. Mit der Sicherheitsfunktion STO, die per Klemmen oder auch über FSoE angesteuert werden kann, steht Sicherheitstechnik auf höchstem Level – Performance Level e, Kat. 4 und SIL 3 – zur Verfügung.

Wo wird der neue Antriebsregler bereits eingesetzt, und welche Rückmeldungen gibt es dazu?

Der SC6 ist vor allem für die Ansteuerung der von uns zur SPS IPC Drives 2017 vorgestellten Lean-Motoren entwickelt worden, verfügt aber auch über Steuerarten für Synchron-Servomotoren mit unterschiedlichen Encodern und für Drehstrom-Asynchronmotoren. Speziell in Verbindung mit Lean-Motoren haben wir seit der Messe in Nürnberg viele neue Anfragen erhalten. Ganz konkrete Anwendungen haben wir zum Beispiel mit einer Extruderanwendung in der Keramikindustrie, wo Asynchronmotorantriebe durch energieeffizientere Lösungen mit Lean-Motoren und SC6A261 ersetzt wurden. Auch in neuen Anwendungsbereichen, wie mobilen Arbeitsmaschinen, haben wir bereits mit den kompakten und robusten Lean-Motoren und den SC6-Antriebsreglern Prototypmaschinen ausgerüstet, die die Kundenerwartungen mehr als erfüllen. Der Ersatz der Asynchronmotoren erzielte insbesondere einen erheblich gesteigerten Wirkungsgrad. Gutes Feedback bezüglich der Durchgängigkeit gibt es mit den Antriebsreglern aus unserem Hause. Wir bekommen aber auch Rückmeldungen, die für unsere Entwicklung noch neue Aufgaben ergeben.

Im B2B-Bereich ist der Produktpreis nicht das entscheidende Kaufkriterium. Trotzdem: Was kostet der SC6 – auch im Vergleich zu Produkten Ihrer Mitbewerber?

Einerseits haben Sie recht, andererseits aber auch nicht. Die Produktkosten werden immer relevanter. Mit dem SC6 stehen wir in etwa auf dem Niveau unserer Mitbewerber, bieten aber einige Features an, die diese nicht anbieten.

Zum Beispiel?

Zum einen, dass wir mit dem SC6 auch die Möglichkeit haben, einen STO über Fail Safe over EtherCAT zu realisieren. Wir waren einer der Ersten, der diese Funktion zertifiziert hatte – FSoE über die ETG. Zum anderen die entsprechende Baumusterprüfung durch die IFA. Da bieten wir eine Funktionalität, mit der wir zeigen, dass wir in Richtung moderner Feld-bussysteme etwas entwickeln, was der Wettbewerb in der Form so noch nicht hat oder jetzt erst bringen wird.

Welche Märkte adressieren Sie mit dem SC6?

Der SC6 richtet sich eher an die Hersteller von kompakten oder modularen Maschinen. Über die Ansteuerung mittels Profinet oder EtherCAT können Drive-based- und auch Controller-based-Applikationen realisiert werden. Die Anwendungen dazu reichen von einfachen Förder- und Transportaufgaben bis zu achsübergreifenden Bewegungen in der Automation und Robotik. In Verbindung mit den neuen Lean-Motoren bieten wir mit den Antriebsreglern SC6 eine energie- und kosteneffiziente Alternative zu Drehstrom-Asynchronmotoren, die schon heute IE5 nach IEC TS 60034-30-2 ermöglicht.

Welche Bedeutung hat für Sie und Ihre Kunden die fünfte Antriebsregler-Generation? Wie relevant ist in diesem Zusammenhang das Thema Abkündigung?

Mit dem Posidrive MDS 5000 haben wir 2003 einen innovativen Stand-alone-Umrichter präsentiert, der eine sehr leistungsfähige grafische Programmierschnittstelle für kundenspezifische Anpassungen bietet. Auch die Ansteuerung von Drehstrom-Asynchron-motoren und Synchron-Servo-motoren mit derselben Umrichter-baureihe war zum damaligen Zeit-punkt eine Neuerung sowie die Möglichkeit der Speicherung aller applikationsrelevanten Daten im Paramodul, das die einfache Über-nahme dieser Daten auf andere Umrichter ermöglicht. Mit einer Vielzahl an neuen Eigenschaften hat der Posidrive MDS 5000 bis heute großen Anklang bei unseren Kunden gefunden. Diese Eigenschaften haben wir weiterentwickelt und in die sechste Antriebsregler-Generation übernommen. Diese bietet auf Basis modernster Controllerplattformen deutlich höhere Leistungsfähigkeit, im Gerätestandard integrierte Schnittstellen für die Ethernet-basierten Feldbusse EtherCAT und Profinet und elektronische Sicherheitsfunktionen, die wir in Performance Level e und SIL 3 realisieren konnten. Wir sind davon überzeugt, dass die sechste Generation hochmodern ist und aktuelle Anforderungen abdeckt. Die fünfte Generation ist jedoch von einer Abkündigung weit entfernt. Wir werden aber das Produktsortiment der fünften Generation in den nächsten Jahren etwas straffen.

Wie weit sind Sie aktuell noch von der siebten Antriebsregler-Generation entfernt? Welche Ideen verbinden Sie damit?

Der Ausbau der sechsten Generation wird mit Sicherheit bis ins Jahr 2021 andauern. Wir haben noch einige Ideen, die sich derzeit in der Realisierungsphase be-finden – sowohl im Bereich der Applikationen als auch im Bereich weiterer Hardwareplattformen.

Ideen für künftige Antriebsregler-Generationen sehe ich vor allem in den Bereichen der durchgängigen Kommunikation, zum Beispiel OPC UA, TSN und so weiter, von der Leitebene in die Aktorebene, sprich Antriebsregler, und der weitergehenden Integration von antriebsreglerrelevanten Sicherheitsfunktionen. Zudem wird das Thema Energieeffizienz auch bei Antriebsreglern von immer größerer Bedeutung werden.

Mit welchen Neuheiten und Weiterentwicklungen werden Sie in der zweiten Jahreshälfte 2018 – insbesondere zur SPS IPC Drives in Nürnberg – aufwarten?

Das wird bei uns auch dieses Jahr wieder richtig spannend. Nach der sehr erfolgreichen Vorstellung der neuen Lean-Motoren der Baureihe LM und dem Antriebsregler SC6 im vergangenen Jahr, werden wir auf der SPS in diesem Jahr Neuerungen aus dem Bereich antriebsreglerbasierter Sicherheitsfunktionen vorstellen. Integriert in die Antriebsreglerbaureihe SD6 werden wir ein umfangreiches Portfolio an Sicherheitsfunktionen mit hohem Safety-Level und Kundennutzen präsentieren. Die sicherheitsrelevanten Funktionen haben wir gemeinsam mit einem Kooperationspartner entwickelt.

Mit wem arbeiten Sie da konkret zusammen?

Bei der Antriebsreglerreihe SD6 haben wir mit Pilz zusammengearbeitet. Und auch in diesem Fall kooperierten wir wieder mit dem Sicherheitsexperten aus Ostfildern.

Was fehlt in Ihrem Produktportfolio noch?

Im Bereich der Antriebsregler der sechsten Generation haben wir bis dato drei Baureihen für den Schaltschrankeinbau vorgestellt. An einer weiteren Baureihe hoher Schutzart für den Einsatz außerhalb von Schaltschränken arbeiten wir bereits mit Hochdruck. Es wird aber keine Kopie marktbekannter Lösungen sein, sondern ein innovatives Konzept geben. Die Anfragen aus für Stöber neuen Branchen, die wir parallel zur Vorstellung der neuen Lean-Motoren LM erhalten, bestätigen, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind.

Gibt es Antriebsaufgaben, von denen Sie – vielleicht sogar lieber – die Finger lassen? Wenn ja, welche und warum?

Das ist eine richtig gute Frage. Als technisch orientierter Mensch interessiert mich bei allen Anwendungen, egal was mir auf den Tisch kommt, vor allem die Frage: »Können wir das technisch lösen?« Gerade in der Diskussion mit den Produktspezialisten in meiner Abteilung und unserer Entwicklungsabteilung entstehen immer wieder innovative Produktideen und Lösungsansätze für immer neue Applikationsanforderungen. Bei der Vielzahl an Antriebsaufgaben, die an uns herangetragen werden, verzichten wir aber auf Anwendungen aus den Bereichen Militärtechnik und Personenbeförderung.

Warum?

In diesen Anwendungsbereichen sind schlicht andere prozessuale Abläufe gefordert, zum Beispiel in der Qualifizierung gelten von Maschinenbau abweichende Regeln und Normen. Da wir jede Menge Potenzial in unseren bestehenden Märkten und Lösungen haben, konzentrieren wir uns in den nächsten Jahren auf diese.

Im Bereich der Antriebstechnik stehen untern anderem die Themen Sicherheitstechnik, Energieeffizienz, Langlebigkeit und geräuscharme Motoren im Fokus. Was beschäftigt Sie derzeit am meisten?

Mit dem Lean-Motor bedienen wir genau diese Themen. Unsere größte Herausforderung besteht darin, einem in 20 bis 30Jahren gewachsenen Markt-bild ein Produkt anzubieten, das in keine Schublade passt. Insbesondere die jüngere Generation, die ihre Laufbahn bei den Maschinenbauern jetzt beginnt, tut sich da womöglich leichter.

Womit generieren Sie den größten Umsatz, und warum?

Stöber Antriebstechnik ist mit seinen Lösungen als System-anbieter im Bereich der Automatisierungs- und Antriebstechnik in vielen unterschiedlichen Branchen zu Hause. Die größten Umsätze verzeichnen wir mit Kunden aus den Bereichen Werkzeugmaschinen, Verpackungsmaschinen sowie der Automation und Robotik.

Nach wie vor bilden Getriebemotoren den Hauptteil unseres Umsatzes. Dafür ist der Name Stöber seit Jahrzehnten einfach bekannt, und wir glauben, dass dies auch zu Recht der Fall ist. Wir erleben aber mehr und mehr, dass erst das ganze Spektrum aus einer Hand, also inklusive der Elektronik, dem Maschinenbauer Wettbewerbsvorteile verschafft.

Wie viele Antriebe verlassen denn jährlich Ihre Fertigung?

Ungefähr achzig- bis neunzigtausend Antriebe. Wir sind bei circa zwanzigtausend Antriebsreglern, die wir im Jahr verkaufen. Es ist immer noch ein großes Maß, was ohne Antriebsregler raus geht.

In welchen Ländern kommen Ihre Produkte besonders gut an, und wo sehen Sie weitere Absatzchancen?

Weltweit bekannt ist Stöber Antriebstechnik für seine spielreduzierten Industrie- und Planetengetriebe. Mit Automatisierungs- und Antriebssystemlösungen fokussieren wir aktuell den europäischen Markt. Traditionell ist Deutschland der wichtigste Absatzmarkt. In Europa, besonders in Frankreich und Österreich, können wir in den letzten Jahren ebenfalls sehr gute Erfolge vorweisen. Wir sind aber auch international mit zehn Tochterfirmen und Partnern ausgerichtet und fokussieren uns besonders auf Asien und Amerika.

Welche Trends sehen Sie im Bereich Antriebs- und Automatisierungstechnik generell?

Ein wichtiger Trend, der die Zukunft der Automatisierung beeinflussen wird, ist aus meiner Sicht die immer weitergehende Vernetzung von Technologien und Informationen. Ob Sensorik, Aktorik, Regelungen oder Leitebene – alle Automatisierungsebenen werden zur Analyse von Daten genutzt und damit Teil der Industrie 4.0.

Um beim Informationsfluss immer flexibler zu werden, werden auch Wireless-Lösungen wie WLAN in industriellen Anwendungen an Bedeutung gewinnen. Themen wie Kompetenz in IoT, Kommunikation und stärkere Interoperabilität mit Wettbewerbsprodukten werden in Zukunft den Anwendernutzen erhöhen.

Worauf sind Sie besonders stolz, und warum?

Bei Stöber Antriebstechnik haben wir sehr frühzeitig die Relevanz der industriellen Kommunikation auf Basis ethernetbasierter Feldbusse für die Zukunft der Automatisierungstechnik erkannt und in unsere Produkte einfließen lassen. Im Jahr 2016 waren wir als eines der ersten Unternehmen in der Lage, unsere Sicherheitsbaugruppe SY6 für Fail Safe over EtherCAT zu zertifizieren und im Anschluss auch die Baumusterprüfung bei der IFA zu bestehen. Durch diese Innovationsfreudigkeit können wir uns als mittelständisches inhabergeführtes Unternehmen in einem Markt behaupten, in dem viele wesentlich größere Unternehmen agieren.

Was treibt Sie persönlich an? Womit kann man Sie begeistern?

Grundsätzlich jede Form von Innovation. Neue Ideen. Als technikaffiner Mensch mit Bezug zur elektrischen Antriebstechnik sehe ich noch sehr viele Anwendungsbereiche, nicht nur bei Elektromobilität für Personen und Güter, in denen die elektrische Antriebstechnik in Zukunft Einzug halten wird. Hierzu immer neue Lösungen mit zu entwickeln, ist für mich ein starker Antrieb.

Aktuell arbeiten wir an einem Projekt für wirklich neuartige autonom fahrende, mobile Arbeitsmaschinen mit. Maschinen dieser Art könnten künftige Arbeitsabläufe komplett verändern.

Inwiefern?

Mit kompakt bauenden elektrischen Antrieben und moderner Positionsbestimmung über zum Beispiel GPS sind neue Generationen von mobilen Arbeitsmaschinen denkbar, die völlig autonom Aufgaben ausführen können. Die Anwendung entscheidet dann, ob die Versorgung über Akkumulatoren, kabelgebunden oder anderweitig ausgeführt wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Für die nahe Zukunft wünsche ich mir, dass wir der großen Nachfrage Herr werden, die wir seit fast zwei Jahren sehen und die eine schwierige Herausforderung für unser Unternehmen darstellt.

Wie lösen Sie diese Herausforderung?

Wir investieren in den letzten Jahren massiv in neue Produktionsgebäude, Maschinen und Anlagen. Vor allem aber arbeiten wir daran, Mitarbeiter zu qualifizieren und neue hinzuzugewinnen. Nur um ein paar Ansätze zu nennen. Das beschäftigt uns über alle Bereiche hinweg.

Was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit?

Ich bin leidenschaftlicher Heimwerker und mache die meisten Umbauten und Renovierungen an unserem Haus selbst. Der Kamin-ofen wird in der kalten Jahreszeit natürlich auch nur mit selbst gesägtem und von Hand gespaltenem Brennholz betrieben. Außerdem gehen meine Frau und ich gern wandern, weswegen wir unseren Urlaub gerne in den Bergen in Österreich oder Südtirol verbringen.

SC6 Antriebsregler

Einzel-/Doppelachsregler (Stand-Alone-Gerät)

  • Konzipiert für moderne und hocheffiziente Multiachs-Anwendungen
  • Ermöglicht kompakte und wirtschaftliche Applikationskonzepte
  • Sicherheitstechnik auf höchstem Level
  • Performance Level e, Kat. 4 und SIL 3
  • Integrierte Leistungsversorgung
Erschienen in Ausgabe: 03/2018

Schlagworte