Im Mittelpunkt des Interesses

Digitalisierung - Endress+Hauser, Anbieter von Prozess- und Labormesstechnik, hat eine Digitalisierungsstrategie entwickelt, die aus der virtuellen Welt einen realen Mehrwert für die Anwender generiert – unter anderem per App.

25. März 2019
Im Mittelpunkt  des Interesses

In der Industrie, vor allem im Prozessbereich, hält man sich hinsichtlich der Vernetzung von Geschäfts- und Produktionsprozessen bisher eher zurück. Zwar verfügen 90 Prozent der weltweit installierten Endress+Hauser-Messgeräte über eine Feldbusschnittstelle wie HART, Profibus, Foundation Fieldbus, Modbus, RS485, Ethernet/IP oder Profinet, wirklich genutzt wird diese Fähigkeit zur digitalen Kommunikation aber nur bei drei Prozent der Feldgeräte.

Doch ein Wandel ist absehbar. Endress+Hauser will von Anfang an dabei sein, um seinen heutigen und künftigen Kunden dieses brachliegende Potenzial zu erschließen und sich dabei als führender Anbieter im Industrial Internet of Things (IIoT) zu positionieren. Die Digitalisierungsstrategie setzt auf mehreren Ebenen an: in den messtechnischen Produkten, bei der Nutzung der von den Feldgeräten zur Verfügung gestellten Daten sowie in der Interaktion mit Kunden. »Wir sind die Ersten auf dem Markt mit diesem Ansatz«, hebt Christophe Pujol, Leiter des Produktmanagements für Serviceprodukte bei Endress+Hauser, hervor.

Auf der ersten Ebene, der Konnektivität der Messgeräte, sind die Voraussetzungen bereits gegeben, denn praktisch alle neueren Feldgeräte verfügen über die für die Vernetzung und den Datenaustausch erforderliche Ausstattung. Ein Beispiel: Die Durchflussmessgeräte der aktuellen Baureihe Proline 300/500 bringen nicht nur eine große Vielfalt an Signalausgängen und Feldbusprotokollen mit, sondern auch einen integrierten WLAN-Webserver. Über diese Schnittstellen können neben verschiedenen Prozessgrößen – in diesem Fall zum Beispiel Massefluss, Volumenfluss, Dichte, Konzentration, Viskosität und Temperatur – auch viele weitere Sensor- und Prozessdaten erfasst und abgefragt werden. Diese zusätzlichen Daten, die Aufschluss über den Zustand von Feldgeräten und Prozessen geben, stehen bei der Digitalisierung im Mittelpunkt des Interesses, denn sie eröffnen neue Möglichkeiten im Bereich der Instandhaltung und Prozessoptimierung. Ganz konkret im Blick ist dabei die vorausschauende Wartung, die einen messbaren Nutzen in Form einer höheren Anlagenverfügbarkeit und -effizienz hätte.

Einheitliche Struktur mit Analytics

Bevor sich ein entsprechender Mehrwert aus den Daten generieren lässt, müssen diese allerdings erst einmal in konsistenter Form vorliegen. Dies ist heute oftmals nicht der Fall, denn in vielen Betrieben sind Feldgeräte unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Hersteller installiert, zu denen nicht immer detaillierte Informationen verfügbar sind. Das führt spätestens dann zu Problemen, wenn Ersatzteile für ein obsoletes Gerät fehlen und eine Ersatzbeschaffung gestartet werden muss. An dieser Stelle setzt die digitale Anwendung Analytics des Anbieters an. Mit ihrer Hilfe werden die Daten aller verbauten Feldgeräte in einheitlicher Form erfasst und in einen cloudbasierten, passwortgeschützten Online-Hub übertragen. Dort werden sie mit der Endress+Hauser-Gerätedatenbank abgeglichen und fehlende Daten ergänzt.

Die Datenbank enthält detaillierte Informationen zu Feldgeräten aus der eigenen Herstellung und – unter Umständen mit geringerem Detaillierungsgrad – Angaben zu Geräten des Wettbewerbs. Die so erstellten digitalen Zwillinge der Feldgeräte sind dann für Befugte von beliebigen Endgeräten aus einsehbar.

Das Erheben der Daten im Feld kann auf zwei Arten geschehen: entweder durch einen Scan der Typenschilder mithilfe einer speziellen App oder vollautomatisch durch einen im Feldbus-Netzwerk installierten Schnittstellenbaustein, dem sogenannten Edge Device. In jedem Fall reduziert sich der Zeitaufwand für eine Bestandsaufnahme mit Analytics auf einen Bruchteil der für eine händische Analyse erforderlichen Zeit, wie der Anbieter betont.

Sind die Daten erst online, kann man sich den umständlichen Weg ins Feld künftig sparen. Die Gerätedaten lassen sich dann einfach per Mausklick einsehen. Doch der Nutzen der online verfügbaren Daten besteht nicht nur darin. Wurden die Daten mithilfe von Analytics erhoben und komplettiert, eröffnen sich weitere Möglichkeiten. Endress+Hauser liefert Anwendern zum Beispiel zusätzliche Wartungsinformationen. »Unser Servicepersonal berät die Kunden hinsichtlich kritischer Messpunkte. Wir identifizieren Obsoleszenzrisiken und Migrationsprioritäten. Dadurch erhalten unsere Kunden ein klares Verständnis für die Möglichkeiten der Standardisierung, einschließlich Empfehlungen für einen schnellen Gerätetausch und eine optimierte Ersatzteillagerung«, sagt Pujol. Ausfallrisiken würden somit auf der Anlage weitgehend minimiert. »Unsere Kalibrierberatung unterstützt zudem, die Betriebskosten zu optimieren, ohne dabei die Einhaltung von Qualitäts- oder Sicherheitsanforderungen zu gefährden.« Es gebe somit keine versteckten Risiken mehr, das gesamte Feld werde transparent.

Für die vorausschauende Wartung hat der Hersteller eine Anwendung namens Predict entwickelt, die gegenwärtig im Testeinsatz bei Pilotkunden optimiert wird. Sie erlaubt es, Kalibrier- und Wartungsintervalle an die realen Bedürfnisse des Betriebs anzupassen. Starre, auf Erfahrungswerten beruhende Intervalle gehören damit der Vergangenheit an – der digitale Zwilling des Messgeräts »weiß« jetzt selbst, wie lange noch sicher produziert werden kann und wann eine Rekalibrierung nötig ist. Die Anlagenverfügbarkeit steigt.

Zertifiziert durch Eurocloud

Analytics und Predict sind grundlegende Anwendungen, die für sämtliche Bereiche der Prozessindustrie relevant sind. Darüber hinaus ist eine Vielfalt von branchenspezifischen digitalen Services denkbar. Ein Beispiel: Die App »Water Quality Smart System« kommuniziert über das GSM-Mobilfunknetz mit Liquiline-Messumformern und kann so in Echtzeit Wasserqualitätsparameter wie Trübung, pH-Wert, Nitrat- oder Sauerstoffgehalt auf das Smartphone des Anlagenbetreibers funken. Diese Anwendung ist unter anderem für Aquakulturen interessant.

Denkbar ist sogar, dass künftig weitere Messgerätehersteller oder IT-Dienstleister über den Endress+Hauser-Hub nützliche Anwendungen anbieten. Auch als Community-Plattform für den Austausch mit anderen Anwendern soll der Hub dienen. All dies kommt einem aus dem privaten Bereich vertraut vor, aber in der Prozessindustrie ist man bei der Digitalisierung doch eher zurückhaltend. »Wir haben es in der Regel mit den IT-Abteilungen der Betriebe zu tun«, berichtet Pujol. Ein zentraler Aspekt sei daher die Datensicherheit, an die man in der Prozessindustrie ganz andere Anforderungen stelle als ein Privatanwender. »Bis die IT-Spezialisten überzeugt sind, ist es oft eine lange Reise.« Dabei kann Pujol seinen Ansprechpartnern versichern, dass bei der Datensicherheit nichts dem Zufall überlassen wurde. »Das Endress+Hauser-IIoT-Ökosystem wurde von der unabhängigen Organisation Eurocloud mit vier Sternen für besonders schützenswerte Daten zertifiziert. Außerdem haben wir als erstes Industrieunternehmen überhaupt eine Staraudit-Zertifizierung erhalten.« Das Unternehmen hofft daher, dass immer mehr Kunden Vertrauen in das neue Digitalangebot fassen und dessen Potenzial zur Optimierung ihrer Prozesse nutzen werden.

Auch für den Messtechnikhersteller selbst stellt die Digitalisierung alte Gewohnheiten infrage, denn über den Hub entsteht eine neue Art der Kundenbeziehung. »Wir werden noch mehr als bisher zum Ratgeber und Begleiter unserer Kunden. Da eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit«, ist Pujol zuversichtlich.

Hannover Messe: Halle 11, Stand C43

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 92 bis 93