Herr Marks, Turck hat Mitte vergangenen Jahres einen Minderheitsanteil an Asinco übernommen – ein Unternehmen, das auch im Bereich Radarsensorik unterwegs ist. Der Frequenzbereich der Technologie liegt bei 60 bis 120 Gigahertz. Aus welchen Grün- den haben Sie sich für die Beteiligung entschieden?

Einerseits sehen wir Asinco als Know-how-Träger beim Thema Radarsensorik. Andererseits sehen wir auch Asincos F&E-Kompetenz, gerade im Bereich der Softwareentwicklung, die rund 50 Prozent ihres Geschäftes ausmacht.

Softwareentwicklung – in welche Richtung?

In Richtung Automatisierungstechnik generell. Im Bereich Radarsensorik betrifft das im Wesentlichen die Auswertung der Signale ... Warum hat Asinco überhaupt Radarsensoren entwickelt? Die Ursprünge des Unternehmens liegen in der Walzwerkautomatisierung. Die dazu benötigten Messsignale hat Asinco anfangs im Wesentlichen über Lasersensorik eingesammelt. Diese war aber für die Applikationen nur bedingt geeignet und im hochgenauen Radarsensorik-Bereich gab es schlicht noch nichts auf dem Markt. Daher haben sich die Entwickler auf das Thema hochgenaue Radarsensorik spezialisiert und die entsprechende Sensorik entwickelt.

Die spezielle Radartechnologie von Asinco erscheint uns deutlich einfacher auf industrielle Bedürfnisse skalierbar als die Sensorik, die sich in Millionenstückzahlen in Pkw findet. Das hat den Ausschlag für unsere Entscheidung gegeben.

Wie gestaltet sich denn die Zusammenarbeit mit Asinco? Gibt es gemeinsame Projekte?

Wir haben einen Minderheitsanteil an Asinco erworben, um uns das Know-how und die Entwicklungskapazität zu sichern. Natürlich haben wir auch entsprechende Projekte be- auftragt, quasi als normaler Auftragnehmer, um industrielle Sensorik zu entwickeln. Und da geht die Entwicklung stark Hand in Hand. Aktuell gibt es bereits Projekte, in denen wir mit Asinco sehr, sehr eng zusammenarbeiten.

Können Sie dazu etwas Konkreteres sagen?

Wir haben uns im Bereich Fluidsensorik stark weiterentwickelt und auf Basis dieser neuen Turck-Sensorplattform wird es auch einen Füllstandssensor mit Radartechnologie geben. Weniger für die reinen Applikationen aus der Prozessautomation, sondern vielmehr für den Bereich Fabrikautomatisierung. Und dort vor allem bei Hydraulikanwendungen. Wo man im Moment geführte Mikrowelle verwendet oder kapazitive Stäbe, die technologische Nachteile haben, weil sie mediumberührend sind, können Radarsensoren große Vorteile bieten. Wir sind überzeugt, unseren Kunden mit neuen Pro- dukten einen deutlichen Mehrwert bieten zu können.

Durch die berührungslosen Möglichkeiten ...

Genau. Und auch im Bereich Abstandsmessung als Alternative zu Ultraschallsensoren in höheren Reichweiten sowie als Alternative zu relativ teuren und störanfälligen Laserdistanzmesssensoren können Radarsensoren punkten.

Können Ultraschallsensoren nicht in Einzel- fällen eine bessere Wahl sein?

Nicht nur im Einzelfall. Es ist eine andere Technologie, die auch in Zukunft neben der Radarsensorik ihre Berechtigung haben wird. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt ist der Ultraschallsensor auf der Kostenseite noch im Vorteil. Das Gleiche gilt auch für bestimmte Umgebungsbedingungen. Es gibt Materialien, die ein Radarsensor nicht erkennen kann. Alles, was aus Kunststoff ist, Beton, Gips, ist je nach Ausprägung mit Radar schwieriger zu erfassen. Je nachdem, wie die Struktur von dem ist, was Sie sehen wollen, ist ein Ultraschallsensor technisch noch im Vorteil. Anders bei der Reichweite: Sobald Sie deutlich über sechs bis acht Meter hinauskommen, werden Sie mit Ultraschall nicht viel ausrichten können. Insofern werden die Technologien immer nebeneinander existieren.

Wo sehen Sie weitere Grenzen von Radar? Wo würden Sie zu einer anderen Technologie raten?

Zunächst einmal sind die Kosten ein Thema. Außerdem muss man zum jetzigen Zeitpunkt, zumindest im industriellen Umfeld, auch bei sicherheitsrelevanten Applikationen vorsichtig sein. Denn bisher gibt es noch keinen Radarsensor mit Sicherheitszulassung. Wenn Sie etwa einen Kollisionsschutz an einem Fahrzeug in einem sicherheitsrelevanten Bereich ent- wickeln, in dem Sie auch auf Personenschutz achten müssen, dann ist das derzeit mit Radar einfach noch nicht möglich. Aber ich glaube, das wird kommen.

»Wir haben uns im Bereich Fluidsensorik stark weiterentwickelt.«

— Oliver Marks, Geschäftsbereichsleiter Automation Products, Turck

Was braucht es dafür?

Zunächst müssen Sie das Thema Redundanz beherrschen. Vor allem muss die nachgeschaltete Elektronik redundant ausgelegt sein, sodass eine Zulassungsstelle am Ende die Zulassungsfähigkeit bescheinigt. Dass das technisch funktionieren wird, da bin ich mir ziemlich sicher. Es ist nur eine Frage der Zulassung.

Wo sehen Sie die größten Potenziale für Radarsensorik, momentan und in Zukunft?

Das Thema Füllstandssensorik halte ich immer noch für potenziell. Das Thema Abstandsmessung wird jetzt schon durch existierende Radarsensoren oder Technologien sehr gut abgedeckt. Da wird sich sicher in den nächsten zwei, drei Jahren auf dem Markt eine Menge tun. Ein Stück weit liegt das Potenzial auch darin, dass sich mit Radar so etwas Ähnliches wie bildgebende Verfahren realisieren lassen, indem man 2D- oder 3D-Abstandsbilder generieren kann. So etwas ist zum Beispiel für Kollisionserkennung – nicht nur für Fahrzeuge, sondern auch für Roboter – hoch spannend. Dazu laufen Forschungsprojekte. Auch hier wird sicherlich die Herausforderung darin liegen, so etwas zugelassen zu bekommen.

Da geht es darum, dass man aus der Rückstrahlung mit einer Software die Gestalt der Objekte erkennen kann? So ähnlich wie eine Fledermaus, die nutzt Ultraschall, aber beides sind Strahlen, die zurückgeworfen werden ...

Genau. Und die Fledermaus kann das deswegen so gut, weil Sie zwei Ohren hat. Genauso muss man das bei einer räumlich sehenden Radarsensorik auch lösen: also mindestens zwei Empfangsantennen einsetzen, vielleicht sogar mehrere Sendeantennen. Das ist technisch realisierbar, zum Teil tatsächlich auch schon realisiert. Es gilt nur noch, dies in industrialisierte Produkte umzusetzen. Hier steckt die Herausforderung in der Datenaufbereitung. Der Kunde will wissen, wo welche Gegenstände im Weg stehen oder welche Teile seiner Maschine sich in welche Richtung bewegt haben. Bei diesen Applikationen besitzen wir dank unserer Kundennähe eine Menge Wissen, das wir auch in Produkte umsetzen können.

Welche Rolle können Sensoren in einem Industrie-4.0-Umfeld einnehmen? Auf welche Kommunikationstechnologien setzen Sie?

Für uns ganz entscheidend ist IO-Link. Es macht die Datenübertragung auf dem letzten Meter kosteneffizient und mit Com3 und IO-Link 1.1 auch schnell genug und entsprechend breitbandig. Es ermöglicht, mehr als das reine Sensorsignal an die übergeordnete Ebene zu übertragen. Zum Beispiel, wenn Sie die integrierte Temperaturkompensation mit übertragen können, die Informationen darüber liefert, wie warm es dort gerade ist, wo der Sensor eingebaut wurde. Dann können Sie Maschinendaten erfassen, die Sie vorher nicht erfasst haben. Und auch Informationen über den Zustand des Sensors sind so einfach abrufbar. Unser berührungsloser Encoder beispielsweise gibt nicht nur die Encoder-Position an, sondern sagt Ihnen auch, ob das darüber befindliche Positionsgeberteil noch nahe genug oder zu weit weg ist vom Sensor und daher bald ausfallen wird. Bei diesem Thema gibt es beliebig viele Möglichkeiten. Da kann man eine Menge zusätzlicher Informationen herausholen, die Predictive Maintenance überhaupt erst möglich machen und das Thema Industrie 4.0 befeuern.

Die Hannover Messe wirft ihre Schatten voraus. Können Sie schon etwas dazu verraten, welche neuen Produkte oder Weiterentwicklungen Sie zeigen werden?

Einen kleinen Ausblick auf künftige Produkte möchte ich Ihnen hier schon einmal geben: Vor allem im Bereich Füllstandssensorik, aber auch bei der Abstandssensorik bis zu 15/20 Meter, hoffen wir, dass wir Produkte serienreif haben und auf der Messe zeigen können. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass Produkte, die Interesse beim Kunden wecken, auch direkt verfügbar sein müssen. Insofern: Wenn etwas lieferbar ist, dann zeigen wir es auf der Messe.