Herr Hamm, Digitalisierung ist zwar in aller Munde, aber es wird oft noch als Herausforderung gesehen und zum Teil eher zögerlich angegangen. Woran liegt das?

Digitalisierung ist ein sehr breites Feld. Dementsprechend gibt es nicht den einen oder den richtigen Weg. Außerdem ist es auch sehr kundenabhängig: Wie weit bin ich schon in das Thema vorgedrungen? Wo befinde ich mich in dem Prozess? Das führt natürlich dazu, dass damit bei den Kunden auch eine gewisse – ich will nicht sagen Skepsis – aber Vorsicht einhergeht. Das kommt auch nicht unbedingt auf die Größe des Kunden an, es ist eine generelle Geschichte.

Wie kann ich als Unternehmen den digitalen Wandel effizient vorantreiben?

Einmal fängt es mit der klaren Definition von Zielen an. Das ist aus unserer Sicht die Grundlage, um zu verstehen, was man erreichen möchte. Das können ganz unterschiedliche Ziele sein, es ist ja nicht jedes Unternehmen gleich. Jedes Unternehmen, egal ob Produzent oder Maschinenbauer, muss sich Gedanken machen, wo es hin will. Und danach gilt es, zu analysieren, was auf diesem Weg notwendig ist, um dorthin zu kommen. Und wie es seine Mitarbeiter dabei mitnimmt. Hier kommen wir ins Spiel. Wir können individuell beraten und mit unserer Expertise behilflich sein. Je nachdem, wo sie stehen, wo sie hin wollen auf der Reise der Digitalisierung.

Es ist also auch eine Bestandsanalyse durchzuführen ...

Genau, eine Ist-Analyse. Die kann sehr vielfältig sein. Die kann sehr techniklastig sein, die kann aber auch andere Dinge enthalten. Hier gilt es von unserer Seite aus, den Dialog zu führen und natürlich auch Empfehlungen auszusprechen. Soll heißen: Wir kennen Deine Industrie, Deinen Markt. Wir können Dir Hilfestellung dabei geben, welches eine optimale Lösung sein könnte, um Dein Ziel zu erreichen.

»Zu Industrie 4.0 gehört eine Vernetzung der Komponenten und Öffnung der Systeme.«

— Andreas Hamm, Geschäftsführer Rockwell Automation Deutschland

Nehmen wir mal an, der Kunde hat jetzt ganz andere Maschinen, Software oder Schnittstellen als das, was bei Ihnen im Portfolio ist. Können Sie trotzdem eine Lösung erarbeiten?

Absolut. Wir sind ein vollumfänglicher Lösungsanbieter. Das heißt, wir bieten nicht nur Produkte, sondern auch Softwarelösungen, Dienstleistungen, sogar ganze Projekte von A bis Z, bei denen Engineering mit dazugehört, oder Schaltschrankbau, oder das Erstellen von Plänen. Für den Kunden bietet das den Vorteil, dass es eigentlich gar nicht so wichtig ist, wo er steht. Sondern wir sind in der Lage, ihm in jeder Situation eine entsprechende Lösung sozusagen aus dem Baukasten zusammenzustellen – als Empfehlung oder als Unterstützung. Es gibt Beispiele, da reden wir nur von Produkten. Es gibt andere, bei denen es darum geht, mit Know-how zu unterstützen. Nehmen Sie etwa das Thema Netzwerkanalyse oder Cyber Security: Das Produkt steht da an zweiter oder dritter Stelle. Erst einmal geht es darum, die Infrastruktur zu analysieren, die Schwachstellen herauszufinden und zu überlegen, welches Produkt – wenn denn eins notwendig ist – wäre eine Lösung für diese Thematik. In diesem Bereich sind wir sehr flexibel aufgestellt.

Sie hatten vorhin angesprochen, dass mit dem Thema Digitalisierung bei einigen Kunden eine gewisse Vorsicht einhergeht. In welche Richtung geht diese, geht es um IT-Sicherheit?

IT-Sicherheit ist mit Sicherheit eins der Themen, die hier eine zentrale Rolle spielen. Cyber-Sicherheit ist natürlich ein allgegenwärtiges Thema, auch weil zum Thema Industrie 4.0 oder Digitalisierung eine Vernetzung der Komponenten gehört – und eine Öffnung der Systeme. Denn die Grundlage für die digitale Transformation ist es, die IT- und OT-Welt miteinander zu verbinden.

Im Bereich Cyber-Sicherheit sind wir sehr gut aufgestellt, weil wir nicht nur Produkte und Softwarelösungen anbieten, sondern auch Dienstleistungen. So analysieren wir Netzwerke über Assessments. Wir helfen unseren Kunden, zu erkennen, wo möglicherweise Schwachstellen liegen oder liegen könnten. Und über Partnerschaften versuchen wir, Mehrwerte zu generieren, um dem Kunden am Ende des Tages eine ganzheitliche Lösung anbieten zu können. Aus dem Grund besteht zum Beispiel auch unsere Kooperation mit Cisco. So befinden sich in unserem Portfolio Switche, die ein Cisco-Catalyst-System mit an Bord haben. Wir sind außerdem Gründungsmitglied der ISA Global Cybersecurity Alliance.

Was verstehen Sie denn unter künstlicher Intelligenz? Das ist ja ein sehr breites Feld ...

Sie haben recht, es ist ein sehr breites Feld. Es gibt keine klare Definition. Aber es ist so, dass wir das bereits zum Teil in industriellen Anwendungen realisieren. Ein Beispiel dafür ist unser FactoryTalk Analytics LogixAI-Modul. Das Zusatzmodul für Controllogix-Steuerungen übernimmt die Aufgabe eines Datenexperten. Es erstellt durch Streamen von Steuerungsdaten vorausschauende Modelle, hält Analyse-Funktionen für datengestützte Entscheidungen bereit. Das Modul macht vorausschauende Analysen leichter zugänglich. Das hilft dem Bedienpersonal, bessere Produktionsentscheidungen treffen zu können. Ein weiteres Beispiel ist Augmented Reality.

Im Bereich Digitalisierung haben Sie einige strategische Partnerschaften geschlossen und einige Investitionen im IoT-Bereich getätigt. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Bei den strategischen Entscheidungen, die unser CEO gemeinsam mit seinem Management-Team trifft, steht der Kunde im Fokus. Was können wir als internationales Unternehmen tun, um den Weg der Kunden bestmöglich mitzugestalten und zu unterstützen? Aus dem Grund ist es natürlich gut, wenn man strategische Partner hat, um das Portfolio oder die Möglichkeiten für den Kunden zu vergrößern. Insofern reden wir nicht nur von dem Produkt A, sondern von der gesamten Bandbreite der Digitalisierung. Wir ergänzen uns in dem Sinne, dass wir sagen: Im Mittelpunkt steht der Kunde. Und jeder bringt seine Expertise mit. Historisch gesehen kommen wir aus der Automatisierung, PTC oder auch Cisco zum Beispiel aus anderen Bereichen. Gemeinsam können wir mehr Wert liefern als jeder für sich individuell. Mit unseren strategischen Partnern arbeiten wir an Lösungen, um Lücken zwischen Produktionssystemen und IT zu schließen. Die Bereiche zu verbinden, die viele Jahre ein Stück weit parallel gelaufen sind. Denn das ist eine Voraussetzung dafür, die Daten überall verfügbar zu haben und bestmöglich nutzen zu können. PTC ist das beste Beispiel: Mit dem Unternehmen arbeiten wir an Lösungen wie der FactoryTalk InnovationSuite. Die MES-Lösung ermöglicht, Anlagen und Systeme automatisch zu erkennen sowie besser zu vernetzen. Sie bietet integrierte Analysefunktionen und unterstützt Augmented Reality. Unsere Zusammenarbeit beschränkt sich aber nicht nur auf PTC. Wir haben auch Partnerschaften etwa mit Softwareunternehmen wie Microsoft oder Cyber-Security-Unternehmen. Cisco hatte ich genannt. Ein anderes Beispiel ist Claroty; sie sind mehr auf Netzwerkanalyse und Bedrohungserkennung spezialisiert.

Anfang 2019 haben Sie die Auszeichnung als Overall IoT Company of the Year erhalten. Wie schaffen Sie es eigentlich, Ihren Innovationslevel hier hochzuhalten und sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen?

Erst einmal sind Auszeichnungen natürlich eine große Ehre. Aber ausruhen darf man sich nicht. Weil das bedeutet Stillstand. Unsere Aufgabe als deutsche Organisation ist es auch, lokale Trends und Anforderungen aus dem Maschinenbau mit unseren Entwicklungsabteilungen zu teilen. Das bezieht sich nicht nur auf Deutschland, sondern das ist der Weg, den wir global gehen, um weiterzukommen, einen Vorsprung zu halten. Dieses globale Programm ist sehr breit aufgestellt – da geht es nicht nur um einzelne Produkte, sondern auch um Dienstleistungen. Es geht zurück auf die Frage, wo bewegt sich der Markt hin, wo bewegen sich unsere Kunden hin? Wir haben zum Beispiel Initiativen, die nennen sich Voice of Customer, bei denen wir für gewisse Applikationen oder Produkte Gespräche mit Kunden führen, um zu verstehen, was diese denn in einem Produkt für Funktionen benötigen. So können wir diese Anregungen mit in unsere Entwicklung einfließen lassen.