Finale – Jochen Vetter

Pilz hat vor zwei Jahren ein Robotik-Team gegründet. Im exklusiven Interview verdeutlicht der Teamleiter unter anderem, welchen Stellenwert das Thema MRK im Unternehmen einnimmt.

15. Dezember 2016

Die MRK hat bei Pilz einen sehr hohen Stellenwert: 2014 hat Pilz ein Robotik-Team gegründet, das sich ausschließlich mit diesem Thema befasst. Auf der diesjährigen Automatica waren wir unter anderem mit unserer Forschungsarbeit im Bereich Robotik unterwegs. Ziel ist es, neue Technologien marktreif und industriefähig zu machen, und das auch für den Bereich MRK. Hier wollen wir zum Beispiel Sicherheitsaufgaben lösen, die sich aus dem engeren Miteinander von Mensch und Maschine ergeben. Unser Ansatz ist geprägt durch unsere Kernkompetenz Sicherheit: Es gibt keinen sicheren Roboter, sondern immer nur die Roboter-Applikation kann sicher sein.

 

In welchen Bereichen sehen Sie die größten Chancen für die Robotik?

Ganz klar in den Bereichen, in denen Roboter dem Menschen Arbeiten abnehmen können, die ergonomisch schwierig und anstrengend sind. Die Zukunftsvision von MRK ist im industriellen Umfeld das Daniel-Düsentrieb-Helferlein zu sein, das heute hier und morgen dort den Menschen bei der Arbeit unterstützt. Aber auch dort, wo durch eine manuelle Tätigkeit, die sehr genau sein muss, aber eine Vollautomation nicht wirtschaftlich ist, da sonst Probleme mit der Qualität des Produktes entstehen können, kann die sichere Robotik Qualität und Sicherheit miteinander verbinden.

 

Auf der Automatica 2016 hat Pilz zwei Modell-Anlagen gezeigt, was war jeweils der Fokus?

Wir hatten zwei unterschiedliche Modelle auf der Messe dabei: Zunächst einmal unsere Applikation, mit der wir sichere MRK nach der ISO/TS 15066 umgesetzt haben. An dieser MRK-Applikation haben wir die Merkmalskontrolle, die nach dem Prinzip der Leistungs- und Kraftbegrenzung sowie Geschwindigkeits- und Abstandsüberwachung abgesichert wird, gezeigt. Die Applikation besteht aus einem Industrie-Roboter mit sensitiven Fähigkeiten sowie Pilz Produkten. Das sind unter anderem die Steuerungen PSS und PNOZmulti, der Betriebsartenwahlschalter PITmode sowie das sichere 3D-Kamerasystem SafetyEYE, das den Arbeitsraum des Roboters überwacht und die Visualisierung über unsere Software PASvisu. An diesem Modell haben wir außerdem demonstriert, wie Roboterapplikationen auf ihre Konformität zur neuen ISO/TS 15066 geprüft werden können.

 

Unser zweites Modell hat den Aspekt Dynamik im Fokus. Dabei handelt es sich um eine Forschungsarbeit, die verschiedene Technologien aus Forschungsprojekten von Pilz vorgestellt hat. Wir hatten zum Beispiel den Prototyp eines von uns entwickelten, taktilen Gewebes als Trittmatte vor dem Roboter verlegt. Die sensitive Schicht befindet sich im Inneren. Dadurch ist es möglich, eine Ortsauflösung in der Matte selber zu integrieren. Die Trittmatte detektiert die Position und Bewegungsrichtung des Menschen und übermittelt die Daten an die Robotersteuerung, um ungewollte Kollisionen zwischen Mensch und Maschine zu verhindern. Zusätzlich wird die Position des Menschen als Heatmap auf einem Monitor angezeigt. Und wir haben hieran auch zwei eigenentwickelte, kompakte Stereokameras installiert, mit denen eine Hinderniserkennung in Echtzeit möglich ist.

 

Für die Validierung haben Sie ein handliches Kollisionsmessgerät entwickelt, das mit Federn und entsprechenden Sensoren ausgestattet ist. Damit können die auf den menschlichen Körper einwirkende Kräfte bei einer Kollision mit einem Roboter exakt erfasst und mit den Grenzwerten aus der neuen ISO/TS 15066 verglichen werden. Ab wann gibt es dieses zu kaufen?

Das Kollisionsmessgerät setzen wir momentan im Rahmen unserer Robotik-Dienstleistung ein – weltweit. Das Gerät stellen wir unseren Kunden über ein Mietkonzept zur Verfügung. Ein Mietkonzept deshalb, damit auch der Preis

keine Einstiegshürde ist. Vor allem aber möchten wir nicht, dass Messgeräte am Markt sind, die nicht den aktuellsten Normen und Regelwerken entsprechen. Die Kollisionswerte sind aktuell gerade wieder in der Überprüfung. Das muss passen.

 

Haben Cobots Ihrer Meinung nach eine echte Chance?

Ja, sicher. Durch neue, intelligente Sicherheitsfunktionen in den Robotersystemen, zum Beispiel eine sehr hohe Feinfühligkeit, kann man nun Bereiche erschliessen, die uns zuvor aus sicherheitstechnischen Gründen verwehrt waren. So kann die Kreativität und das Denkvermögen des „kollaborierenden“ Menschen mit dem des Cobots zusammengebracht werden, um Lösungen, die mit der traditionellen Komplettautomatisierung so nicht zu realisieren sind, auf den Weg zu bringen. Kurzum: ich sehe viel Potenzial, habe aber immer den vermeintlich sicheren Cobot im Blick, weil, so niedlich sie auch manchmal erscheinen, sind sie doch – wenn ihre Sensibilität ausgeschaltet wird – hoch effiziente, schnelle Maschinen, die ein sehr hohes Gefahrenpotenzial für den Menschen darstellen.

  - Was werden künftige Sicherheitstechnologien (von Pilz) leisten können?

Schnellere und dabei gleichzeitig sichere, hocheffiziente und wirtschaftliche MRK.

  - Ein spezielles Schulungsangebot zum Thema Robot Safety rundet Ihr Serviceangebot ab. Wen sprechen Sie damit konkret an, wie hoch ist die Nachfrage nach solchen Schulungen und welche Vorteile haben die Teilnehmer anschließend?

Der Wissensdurst nach kompetenter Beratung ist enorm. Das Thema ist in aller Munde – aber es ist schwer, Schulungen zu finden, die den Teilnehmern aus der Praxis heraus Tipps und Know-how vermitteln können. Bei Pilz haben Teilnehmer den Vorteil, dass alle Informationen aus der Praxis kommen. Unsere tägliche Arbeit an MRK-Applikationen, also die Ergebnisse der Aufgaben, die wir als Robotik-Team beim Kunden schon vorher in der Praxis „erprobt und gelöst“ haben, fließen ein. Das ist dann sehr pragmatisch.

 

Wir würden Sie gerne persönlich etwas besser kennenlernen. Worauf sind Sie stolz und warum? Welche Besonderheiten können Sie über sich erzählen?

Ich bin stolz auf das Vertrauen, das mir die Geschäftsführung, also die Familie Pilz entgegen gebracht hat, den Bereich MRK aufzubauen. Was mich antreibt und was mich begeistert, kann ich in meinen Job jeden Tag umsetzen: Die Neugier und der Spaß daran, neue Technologien zu entdecken und wirklich neue Wege zu gehen.

Das tue ich im übertragenen Sinn auch in meiner Freizeit: Statt auf der Erde zu gehen oder zu fahren, sitze ich gern im Segelflugzeug. Hoch über der Erde kann man perfekt abschalten. Na ja, und Besonderheiten: Man kann mich nur schwer meiner gute Laune berauben (und lacht).

Erschienen in Ausgabe: 08/2016