»Fernwartung ist Mehrwert«

Automatisierungstreff

Siegfried Müller - Der Geschäftsführer von MB Connect Line erklärt, warum Fernwartung via Internet für jedes Industrieunternehmen sinnvoll ist und wo die Chancen und Grenzen der Technologie liegen.

27. Februar 2012

Herr Müller, Sie beschäftigen sich seit den 90ern mit Fernwartung. Was hat sich seitdem auf diesem Gebiet technologisch verändert?

Die Kommunikationstechnik hat sich gewandelt. Wir haben 1997 mit der klassischen Modemtechnik angefangen. Mit unseren MB-Point-Geräten war die Punkt-zu-Punkt-Fernwartung über Wählverbindungen möglich. Damals war beispielsweise das Update eines Steuerungsprogramms per Modemverbindung mit 33,6 kBit/s üblich. Das war zu dieser Zeit ein echter Fortschritt. Es hat dem Servicetechniker die Reise zur Anlage erspart. Allerdings war die Technik an sich nicht so einfach handhabbar. Unterschiedliche Telefoniestandards selbst innerhalb Europas und die schlechte Übertragungsqualität bei Fernverbindungen machten einem das Leben schwer. Die Bedeutung des Internets für die Fernwartung haben wir früh erkannt und 2006 unsere ersten Industrie-Router MB Net herausgebracht. Die Latenzzeiten sind damit extrem gesunken. Durch die Internetinfrastruktur kann man heute weltweit in ein paar Sekunden eine sichere und stabile Verbindung herstellen.

Wann ist es für ein Industrieunternehmen sinnvoll, Fernwartung einzusetzen?

Fernwartung ist Mehrwert und daher für jedes Unternehmen sinnvoll. Früher galt Fernwartung in erster Linie als Kostenblock, der die Anlage verteuerte, ohne etwas zur Funktion beizutragen. Ein Fernwartungsgerät benötigt man nur, wenn ein Servicefall eintritt. Das kann jeden Tag passieren, vielleicht auch nur einmal im Jahr. Allerdings rentiert sich die Investition normalerweise schon bei der ersten Betriebsstörung. Heute setzt sich die Erkenntnis durch, dass Fernwartung viel mehr bietet als nur die Einsparung von Reisekosten beim Servicepersonal. An erster Stelle steht die Verkürzung der Stillstandszeit durch die schnelle Reaktionsmöglichkeit der Servicezentrale des Herstellers. Und falls doch mal ein Servicetechniker persönlich zur Maschine reisen muss, kann er gleich die richtigen Ersatzteile einpacken, wenn man im Vorfeld den Fehler genau eingrenzen kann. Der Maschinenbauer kann durch Service- und Wartungsverträge einen zusätzlichen Deckungsbeitrag erwirtschaften – im Idealfall wird die Serviceabteilung von der Kostenstelle zum Profit-Center.

Fernwartung erhöht aber auch die Gefahr von unerwünschten Zugriffen. Was kann man dagegen tun?

Daten, die wie bei der Fernwartung über das Internet übertragen werden, sind grundsätzlich für alle einsehbar. Darum ist es wichtig, sie zu verschlüsseln. Das läuft via VPN-Verbindungen, die gleichzeitig die Datenintegrität sicherstellen. Zudem muss man sich abschotten, etwa mit Firewalls. Der zentrale Server ist somit hermetisch abgeriegelt und wird überwacht. Und die Feldgeräte sind gesperrt, Daten von außen anzunehmen. Sie können Daten nur verschicken und dies auch nur zum zentralen Server hin. Man muss sich aber bewusst sein, dass es keinen 100-Prozent-Schutz gibt.

Arbeiten Sie auch mit Smartphones?

Ja, das ist heute kein Problem mehr. An den Maschinen und Anlagen befinden sich industrielle Router, die die Verbindung zum zentralen Server aufbauen. Auf der anderen Seite baut der Servicemitarbeiter ebenfalls eine Verbindung zum Server auf. Und das ist auch mit einem Smartphone möglich – wenn auch nicht mit voller Funktionalität. Meistens sind auf dem Smartphone Anwendungen installiert, um die erste Diagnose zu stellen. Smartphones sind vor allem praktisch, weil man sie so gut wie immer betriebsbereit bei sich trägt.

Lassen sich mit Ihrer Lösung Anlagen auch aus der Ferne steuern?

Grundsätzlich sind über unsere Systeme alle Funktionen freigeschaltet, die der Programmierer oder Servicetechniker kennt, wenn er direkt mit der Anlage verbunden ist. Es existieren somit keine Einschränkungen, die gewisse Aktionen aus der Ferne nicht zulassen würden. Hat man auf der Anlagenseite über die Visualisierung beispielsweise Schalter eingebaut, die ein Aggregat ein- beziehungsweise ausschalten, dann ist ein Fernsteuern auch via Smartphone möglich.

In welchen Branchen kommt Ihre Fernwartungslösung zum Einsatz?

Das lässt sich nicht auf eine Branche beschränken. Derzeit kommen 70 Prozent unserer Anwender aus dem Maschinen- und Anlagenbau. Das reicht von Druck- oder Verpackungsmaschinen bis hin zu Spezialbaumaschinen. Die erneuerbaren Energien bringen uns im Moment zusätzlich einen neuen Schub.

Wie genau unterstützt Ihre Lösung den Verpackungsmaschinenbauer?

Er baut unser System in seine Maschine ein und kann im Servicefall sofort reagieren. Über eine im Display eingebaute Taste kann der Bediener Unterstützung anfordern. Daraufhin gibt die Maschine ein Signal an unseren Router, der sich in die Zentrale einwählt und dort eine E-Mail an einen Servicetechniker des Maschinenbauers verschickt. Der loggt sich in das System ein, hat dann Einblick auf das Bediendisplay vor Ort und kann das Problem mit dem Maschinenbediener zusammen lösen.

Auf dem Automatisierungstreff in Böblingen bieten Sie einen Workshop an. Was lernen Besucher dort?

Zunächst vermitteln wir die Grundlagen rund um Internet, VPN und Mobilfunk. Im Hauptteil des Workshops lernen die Teilnehmer, wie man unsere Geräte installiert und konfiguriert. Der Workshop richtet sich an Mitarbeiter im Maschinen- und Anlagenbau, die unsere Geräte verbauen und administrieren wollen.

Erschienen in Ausgabe: 01/2012