Erfolgreich bleiben

STUDIE In kaum einer anderen Branche in Europa ist der Wettbewerb härter als in der Automobilzulieferindustrie. Trotzdem arbeiten die meisten Unternehmen profitabel und wachsen. Eine Studie sagt, woran das liegt.

28. Februar 2008

Etwa 145 Milliarden Euro setzten die befragten Unternehmen der Studie »Hochleistungsbranche Automobilzulieferer« im letzten Jahr mit Komponenten, Modulen und Systemen um. Eine gewaltige Zahl, der die Initiatoren Hypo Vereinsbank (HVB) und die Strategieberatung Oliver Wyman auf den Grund gehen wollten. Dazu untersuchten sie, wie sich rund 50 unternehmerische Erfolgsfaktoren auf die Automobilzulieferindustrie auswirken und welche Bedeutung sie dort haben.

Mehr als 40 Geschäftsführer und Vorstände der Zulieferindustrie gaben in Interviews ihre Einschätzung der zukünftigen Erfolgskriterien ihrer Branche wieder. Im Wesentlichen gelten für alle Befragten die gleichen Erfolgsfaktoren: Kundenorientierung, unternehmerisches Handeln, Kosten, Mitarbeiterqualifikation und Innovationskompetenz. Erfolgsfaktor für die Aussagekraft der Studie ist die Datenbank der HVB, die das notwendige Basismaterial lieferte.

Wie ist man erfolgreich?

Im Zentrum steht die Frage, was den erfolgreichen vom erfolglosen Automobilzulieferer unterscheidet. »Die ermittelten Erfolgskriterien tragen zur Qualität der Beratung unserer mittelständischen Firmenkunden bei. Nur wer inhaltlich mit dem Kunden diskutieren kann, berät kompetent«, begründet Vorstandsmitglied Dr. Stefan Schmittmann das Engagement der HVB. Obwohl die Zulieferer Erfolg unterschiedlich messen, nennen alle langfristige Wirtschaftlichkeit als wichtigstes Maß für den Erfolg: operativer Gewinn, Cashflow, Umsatzrendite, Umsatzwachstum. Auch »weiche« Faktoren sind wichtig, vor allem das Schaffen von Arbeitsplätzen und Mitarbeiterzufriedenheit (86 Prozent) sowie Innovations- und Technologieführerschaft (44 Prozent). Drei Viertel der Manager würden zugunsten dieser Kriterien kurzfristig auf die Optimierung des ökonomischen Erfolgs verzichten.

Die wirtschaftlichen Eckdaten zeigen, dass die Branche die Herausforderungen der vergangenen Jahre mit Erfolg gemeistert hat. Die europäischen Zulieferer sind zwischen 2001 und 2005 durchschnittlich um 2,9 Prozent pro Jahr gewachsen und trotzen dem jährlichen Preisdruck von durchschnittlich 2,4 Prozent. Sie verbessern ihre Produktivität um drei Prozent und investieren über fünf Prozent vom Umsatz in Forschung und Entwicklung. Die Leistungsunterschiede im Wettbewerb sind denkbar gering. »Zulieferer sind wie Spitzenathleten, bei denen Hundertstelsekunden über Sieg oder Niederlage entscheiden«, sagt Dr. Jan Dannenberg, verantwortlich für den Bereich Automotive bei Oliver Wyman. Trotzdem liegen die Besten der Branche bei allen Kriterien über dem Durchschnitt. »Es reicht nicht mehr aus, nur Kosten- oder Innovationsführer zu sein.

Wer zu den Top-Performern gehören will, muss bei allen Erfolgsfaktoren gleichzeitig eine Spitzenposition einnehmen. Für den zukünftigen Erfolg werden vor allem Kostenposition und Globalisierungskompetenz weiter an Bedeutung gewinnen«, erklärt Dr. Guido Schacht, Risikomanager der HVB und Koautor der Studie. Unabhängig von der Eigentümerstruktur stehen jene Unternehmen besonders gut da, die die Nachhaltigkeit ihrer Geschäftsaktivitäten in den Vordergrund stellen, vor allem dann, wenn sie ihre wirtschaftlichen Ziele langfristig verfolgen. Gerade hier erreichen Automobilzulieferer im Besitz von Private-Equity mit durchschnittlich 6,8 Prozent eine doppelt so hohe Gesamtkapitalrendite wie Familienunternehmen.

Kosten als wichtigster Faktor

Vor allem die Manager der erfolgreichsten Zulieferer ordnen dem Kostenfaktor künftig eine immer größere Rolle zu. Ihre eigene Position stufen sie dabei als gut ein, wissen aber, dass dies nicht mehr ausreichen wird. Wer jetzt schlank und leistungsfähig ist, muss morgen noch einmal deutlich besser sein. Doch schon heute übersteigen die Forderungen der Automobilhersteller nach Preissenkungen mehrheitlich die Möglichkeiten der Zulieferer. Ihre größte Lücke sehen die Unternehmen in der globalen Abdeckung. Top-Performer beurteilen ihre eigene Position hier als befriedigend bis gut, Low-Performer sogar als schlecht.

Gerade Mittelständler scheuen die hohen Risiken einer Internationalisierung und befürchten eine Überbeanspruchung ihrer vorhandenen Managementkapazitäten. Die Studie sieht zudem einen Zusammenhang zwischen Kundenorientierung und Unternehmenserfolg. Dabei ist sowohl die Ausrichtung am Automobilhersteller als auch die am Autofahrer relevant. Die befragten Top-Manager bewerten die Orientierung am Hersteller als sehr erfolgreich. Bei der Ausrichtung am Endkunden besteht allerdings noch Handlungsbedarf. Derzeit betreiben nur etwa 50 Prozent der Zulieferer Marktforschung, und die wenigsten Entwickler richten ihre Produktstrategien an den Wünschen der Autokäufer aus.

Trotz der positiven Entwicklung der Leistungsfähigkeit der Automobilzulieferindustrie und des klaren Verständnisses der entscheidenden Erfolgsfaktoren hat die Mehrzahl der Zulieferer das Gefühl, am Limit zu operieren. Einer der befragten Manager nannte es einen »Ritt auf der Rasierklinge«. Der hohe Preisdruck seitens der Automobilhersteller, Vorfinanzierungszwänge, Gewährleistungsrisiken, die neuen Wettbewerber aus Niedriglohnländern, Materialkostensteigerungen und eine zunehmende Produktkomplexität führen dazu, dass die wenigsten Zulieferer noch Reserven für etwaige Fehltritte sehen.

Erschienen in Ausgabe: 01/2008