Dreidimensional denken

Zuführtechnik - Vibrationswendelförderer sind technische Kunstwerke. Ein Unternehmen mit über fünfzigjähriger Tradition und entsprechendem Know-how in diesem Metier ist die Schweizer Afag Automation AG.

31. August 2007

Sind die Kundenforderungen checklistenmäßig definiert und erfasst, werden aufgrund einer anschließenden Analyse in der Afag-eigenen Versuchsabteilung mit originalen Musterteilen Tests gefahren und deren Ergebnisse dokumentiert. Das geschieht zum einen als Nachweis der technischen Machbarkeit und dass man die Anforderungen des Kunden in vollem Umfang erfüllt hat, und zum anderen für die Angebotserstellung durch den jeweiligen Projektingenieur. Zwar kann der jeweilige Zuführungsbauer bei diesen Tests auf einen großen Fundus an fördertechnischen Komponenten zugreifen, wie sie jedoch einzusetzen und zu gestalten sind, obliegt ausschließlich seinen und seiner Kollegen Erfahrungen.

Dazu Gruppenleiter Markus Zimmermann: »Viele Normteile, wie Schrauben, Niete, Muttern, Sicherungselemente und so weiter stellen in der Regel kaum zuführtechnische Herausforderungen dar. Aber es kommen ja ständig neue Elemente hinzu, über die man sich permanent informieren muss, weil die Möglichkeit, mit diesen konfrontiert zu werden, relativ groß ist. Richtig interessant wird es jedoch dort, wo es kompliziert wird; beispielsweise bei komplexen Baugruppen, die bereits aus mehreren Einzelteilen bestehen, bei Bauteilen mit sehr unregelmäßig geformten Geometrien, mit exzentrischem Schwerpunkt, mit beschichteter Oberfläche, die nicht beschädigt werden darf, bei solchen, die mit Kühlschmiermitteln oder ähnlichem behaftet sind, bei biegeschlaffen Teilen wie O-Ringen und dergleichen mehr.«

Nicht überreden, sondern überzeugen

Um die Fertigungs- und Lieferzeiten kurz zu halten, und natürlich auch, um die eigenen Fixkosten zu reduzieren, hat man bei Afag bereits vor Jahren die Fertigungstiefe drastisch reduziert und alles, was nicht zum originären Kerngeschäft gehört, an ausgewählte Partner »delegiert«; den Stahl- und Gehäusebau etwa, die Lackiererei und so weiter. Gleichwohl ist man im Zuführungsbau von Afag gewohnt, unter Termin- und Preisdruck zu arbeiten. Der Wettbewerb schläft nicht.

»Unsere Kunden wissen Qualität, Termintreue und Service zu schätzen«, sagt Beat Käser, Leiter der Zuführtechnik, »ebenso eine fundierte Beratung. Deshalb wenden sie sich in Fragen der Zuführtechnik immer wieder an uns.« Neukunden hingegen - auch das verhehlt Käser nicht - hätten ab und zu allerdings technische und preisliche Vorstellungen, die sie bei irgendeinem Billiganbieter gesehen haben, und die Afag genauso umsetzen soll. Bei genauerem Hinsehen stellte man jedoch oftmals fest, dass unabdingbare Komponenten fehlen, wie etwa die Tischplatte, auf der der Förderer eigentlich montiert ist, die Minimal-Maximal-Füllstandsüberwachung und so weiter. »Da ist dann viel Überzeugungsarbeit notwendig«, so Beat Käser weiter, »um denen zu beweisen, dass manche Dinge technisch und preislich doch nicht so umsetzbar sind beziehungsweise dass eine andere Zuführlösung optimaler ist. Das hat etwas mit Seriosität zu tun, mit unserem Selbstverständnis, und das sind wir unseren Kunden einfach schuldig.«

Faszination Technik

Dass Beat Käsers Truppe ein eingeschworenes Team ist, in dem sich jeder einzelne hundertprozentig mit seinen Aufgaben identifiziert, erlebt man hautnah vor Ort: Die Mitarbeiter schauen sich gegenseitig über die Schultern, tauschen rege Erfahrungen aus, geizen nicht mit Lob und Anerkennung für jeden, der ein besonders kniffliges Zuführproblem gelöst hat. Deutlich wird das insbesondere bei den mehrheitlich in Handarbeit hergestellten konventionellen Schwingförderern und bei den Schikanen, welche die Kleinteile in den Töpfen fördern und lagerichtig geordnet einer nachgeschalteten Station zur weiteren Bearbeitung zuführen.

»Dabei ist trotz aller Erfahrungen vieles Trial and Error, weil jedes zu fördernde Bauteil eine neue Herausforderung darstellt«, weiß Gruppenleiter Hans Bättig, der mittlerweile seit 30 Jahren bei Afag Zuführlösungen baut. »Jeder von uns war schon irgendwann an dem Punkt, wo die eigenen Erfahrungen nicht mehr ausgereicht haben, um den vielbeschworenen »Teilewurf« optimal hinzukriegen. Dann bekommt man Unterstützung von den Kollegen und gewinnt so Erkenntnisse, die man selbst irgendwann weitergeben kann. Denn außer einem Nachschlagewerk über die Grundlagen und Anforderungen der Zuführtechnik gibt es keine Literatur. Aber jeder von uns ist natürlich so ehrgeizig, bei jedem Projekt selbst die optimale Lösung zu finden. Da bleibt man nach dem regulären Feierabend schon mal ein paar Stunden länger oder arbeitet selbst am Wochenende. Die zugesagten Liefertermine müssen schließlich eingehalten werden.«

Beat Käser könnte viele Geschichten erzählen von Mitarbeitern, die schon mitten in der Nacht aus ihren warmen Betten aufgestanden und in die Werkstatt gefahren sind, weil sie plötzlich die Idee zur Gestaltung einer Schikane hatten, die sie prompt ausprobieren mussten, von Mitarbeitern, die sogar aus dem Urlaub angerufen haben, um ihre spontanen Lösungsvorschläge für die jeweils aktuellen zuführtechnischen Probleme zu unterbreiten und zu diskutieren.

»Das ist bei weitem nicht selbstverständlich«, lobt er. »Ich jedenfalls habe einen derartigen Teamgeist, ein derartiges Problem- und Lösungsbewußtsein, eine derartige Anteilnahme am Erfolg oder gegebenenfalls Misserfolg eines jeden Projektes in dieser Form noch nirgendwo erlebt.«

Gruppenleiter Daniel Mürner pflichtet ihm bei: »Als Mitarbeiter im Zuführungsbau muss man schon von vornherein eine besondere Affinität zur Technik besitzen, experimentierfreudig sein, sehr geduldig und bereit, täglich Neues hinzuzulernen. Zuführungsbau ist nichts für Menschen, die gedanklich wenig flexibel sind oder die einen Beruf einzig als Mittel zum Gelderwerb ansehen. Bei uns ist das Passion.« Deshalb auch wählt und bildet Beat Käser seit etwa sechs Jahren seinen »Nachwuchs« im Zuführungsbau selbst aus. Die ersten beiden Jahre bräuchten die Eleven, um das theoretische Rüstzeug aus dem Handbuch peu à peu in funktionierende und praktikable Zuführlösungen umzusetzen, denn die Materie - das bestätigt auch der jüngste Gruppenleiter Jürg Tanner, seit fünf Jahren im Zuführungsbau - ist sehr komplex. Befragt nach ihren größten Problemfällen und damit technisch anspruchsvollsten Zuführlösungen, zucken Bättig, Mürner, Tanner und Zimmermann angestrengt nachdenkend die Schultern. Das seien mittlerweile so viele, dass man keines explizit herausgreifen könnte. Grundsätzlich sei jedes neue Projekt eine Herausforderung, die angesichts der Tatsache, dass die Vertriebsingenieure von Afag permanent daran arbeiten, neben den angestammten Branchen und Kundenkreisen neue zu erschließen. Sehr interessiert verfolge man aufkommende Trends, wie etwa die Mikromontage.

0,5 Millimeter Kantenlänge misst das kleinste Teil, für das man eine Zuführlösung entwickelt und gebaut hat. Nur - es ist halt eine Zuführ- und keine Montagelösung, für die Afag noch vor Jahren berühmt war. Anlagenbau wird wohl die Domäne der großen Afag-Schwester Feintool Automation bleiben. Die dazu nötigen Komponenten und Systeme für die automatische Teilehandhabung und -zuführung kommen dagegen weiterhin aus Huttwil. Oder steigt Afag erneut in den Anlagenbau ein?

www.afag.com

Erschienen in Ausgabe: 04/2007