Den Blutdruck hochhalten

Professor Dr. Friedhelm Loh Wie wird man Vorreiter bei Industrie 4.0? Dieser Frage ging unser Redaktionskollege Hajo Stotz von »:K« im Interview mit dem Inhaber und Vorstandsvorsitzenden der Friedhelm Loh Group nach. Eckpfeiler sind Innovationen, Investitionen, Kundenorientierung und Digitalisierung.

18. Juni 2019
Den Blutdruck  hochhalten
(Bild: Valéry Kloubert)

Herr Professor Loh, Sie haben 1974 die Führung von Rittal übernommen und das Unternehmen von einem 30-Millionen-D-Mark-Betrieb zur 2,6 Milliarden Euro starken Friedhelm Loh Group ausgebaut. Gibt es ein Rezept für diesen Erfolg?

Die ersten Jahre waren kein Zuckerlecken, der erste Abschnitt war von Überzeugungsarbeit geprägt. Erst als wir über Jahre den Beweis geliefert hatten, dass wir das, was wir sagen, auch wirklich tun, stellte sich der Erfolg ein. Die größte Herausforderung in einem Unternehmen ist es, über diese ganzen Jahre den Blutdruck hochzuhalten, um immer wieder die Innovationen nach vorne zu treiben. Sowohl bei den Produktinnovationen, als auch bei den Prozessen, wie in unserem neuen Werk. Die gelebte Kundenorientierung mit dem Anspruch der Innovations- und Kostenführerschaft treibt uns an und macht uns erfolgreich.

Was heißt Kundenorientierung?

Das heißt als Erstes, Kostenführerschaft in der Produktion und als Zweites, Kostenführerschaft in der Entwicklung, was ein ganz entscheidender Punkt ist. Wir differenzieren uns heute einerseits durch viele Innovationen und andererseits, dass wir ganz nah am Kunden sind. Die Mehrzahl der Patente, die wir heute halten, fußen auf Fragen unserer Kunden. Wir haben sie ernst genommen, mit unserem Know-how verbunden und in Produkte umgesetzt. Das Dritte ist die Internationalität. Wir sind das einzige Unternehmen, das mit diesen Produkten global unterwegs ist.

Heute sind Sie nicht nur Schaltschrankhersteller, sondern auch sehr stark im Bereich Software engagiert. Wie kam es dazu?

Wie gesagt – Innovationen. Es entsprach in den 80ern sicherlich nicht der gängigen Unternehmensstrategie, dass ein Schaltschrankhersteller, der sich im Wesentlichen mit Blechbiegen beschäftigt, in digitale Geschäftsbereiche einsteigt. Wir haben uns damals an einem Start-up beteiligt, das eine Engineering-Software entwickelte, die mich fasziniert hat. Heute ist Eplan ein wichtiger Baustein der gesamten Rittal-Strategie.

Damit sind Sie Vorreiter vieler Unternehmen, vor allem großer, die agiler werden wollen …

Nein, ich nenne uns nicht agil. Agilität heißt übersetzt die höchste Form der Anpassungsfähigkeit. Wir passen uns nicht an, wir wollen vorneweg sein. Wir wollen innovativ sein. Wir wollen Zeichen setzen. Wir wollen schnell sein. Wir wollen unsere Kunden immer wieder mit Neuem überraschen. Dass wir heute über 1.500 Patente halten und über 5.000 Standardprodukte anbieten, spricht für unsere Innovationskultur. Innovationen setzen immer Selbstkritik voraus, setzen Mut voraus, setzen Durchhaltewillen voraus und setzen Risikobereitschaft voraus. Das ist alles nicht agil.

Apropos Risiko: Sie haben in Haiger die – nach Ihren Worten – modernste Kompaktschaltschrank-Produktion der Welt für 250 Millionen Euro gebaut, schließen dafür aber das Werk in Herborn. Warum ein völlig neues Werk?

Diese neue Fabrik ist ganz sicher ein Risiko. Wir nutzen teilweise eine komplett neue Technologie in einer komplett neuen Welt: Das Werk in Haiger ist ein lebender Organismus. Das Werk in Herborn war bisher das modernste der Welt; die Möglichkeiten vor Ort aber waren begrenzt. Wir hätten dort allein vom Platz her die neue Produktion nicht aufbauen können. Trotz des Risikos habe ich die Entscheidung für diese Investition getroffen, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern.

Was verstehen Sie unter einem Werk als lebender Organismus?

Mit dem Werk setzen wir einen neuen Weltstandard in unserer Branche und weit darüber hinaus. Den zu halten ist aber dauerhaft eine große Herausforderung, denn das Werk muss sich ständig weiterentwickeln. Produktionswerke sind nicht mehr statische Gebilde, wo jeder Veränderung jahrelange Planungen vorausgehen; das sind lebende Organismen, die sich laufend verändern müssen. In dieser neuen Welt der Produktion sind Investitionen sehr, sehr hoch. Während wir uns früher vor allem mit Maschinen und Anlagen beschäftigt haben, geht es heute in der Produktionswelt um viel mehr.

Um was geht es denn heute?

Es geht um Verknüpfungen, Netzwerke, Daten. Für viele Unternehmen in Deutschland ist das eine enorme Herausforderung. Denn es reicht nicht mehr, den modernsten Maschinenpark zu haben. Dazu kommen nun hohe Investitionen in Form von IT, KI, Netzwerken, Datenmanagement. Vor allem aber gibt es das nicht einfach von der Stange zu kaufen. Ein Unternehmen wie Rittal, das ein ganz spezielles Produkt hat, hat auch ganz spezielle Anforderungen. Noch spezieller werden sie, wenn es – wie bei uns – um Digitalisierung vom Auftragseingang bis zur Kundenrampe geht. Was die Digitalisierung betrifft, neigen wir in Deutschland dazu, uns auf die Produktion zu konzentrieren. Aber Industrie 4.0 ist ein wesentlich breiteres Thema. Um das erreichen zu können, müssen wir sehr schnell an Kompetenz gewinnen.

Wo sehen Sie da die größte Herausforderung?

Man muss den Willen haben und auch die Führungsstärke, allen Mitarbeitern zu vermitteln, dass lebenslanges Lernen noch nie so wichtig war wie heute. Denn es ist meiner Meinung nach die Herausforderung schlechthin, den Mitarbeitern deutlich zu machen, dass diese neuen Strukturen, die auf sie zukommen, eine hohe Bereitschaft zur Aus- und Weiterbildung erfordern. Das ist ein Umdenken, das alle in diesem Hause sehr fordert.

Wie gehen Sie das an?

Allein für das neue Werk in Haiger haben wir über eine Million Euro für ein Aus- und Weiterbildungsprogramm zum Thema Digitalisierung investiert, damit die Mitarbeiter aller Bereiche die Prozesse und die Maschinen verstehen. Nur so kann Digitalisierung gelingen. Ohne Digitalisierung wird der Standort Deutschland auf Dauer nicht wettbewerbsfähig sein.

Investieren Sie deshalb in IT-Firmen wie Innovo Cloud und German Edge Cloud?

Industrie 4.0 bringt ein komplett anderes industrielles Leben mit sich. Deswegen haben wir die Firma Innovo Cloud gekauft und die German Edge Cloud gegründet. Innovo ist ein Cloud-Provider. Mit dem Erwerb von Innovo und dem Service für die Verwaltung von Daten sind wir bei dem größten unterirdischen Rechenzentrum in Europa, Lefdal in Norwegen, eingestiegen. Damit schaffen wir für unsere Kunden attraktive Angebote durch Wertschöpfungsketten für die Industrie und die IT-Welt.

Mit German Edge Cloud bieten Sie ja nicht nur Service an, sondern steigen in eine neue Technologie ein. Was ist hier das Ziel?

German Edge Cloud hat die erste KI-Edge-Cloud für echtzeitfähige industrielle Anwendungsfälle entwickelt. Denn so eine Fabrik wie unsere Neue können Sie nur in Echtzeit fahren. Die Systeme können nicht millisekundenlang auf Informationen warten. Ob es die digitale Produktion ist oder das autonome Fahren – wir werden in Zukunft das Thema Echtzeit immer häufiger hören. Denn die Antwortzeiten, um Daten zu verwerten und daraus Reaktionen abzuleiten, werden immer kürzer. Und dazu braucht man Edge Computing.

Sie sprachen das autonome Fahren an. Sehen Sie da ein neues Geschäftsfeld für Rittal?

Es hat immer Vorteile, wenn man selbst in einem Lernprozess ist, dessen Erfahrungen man dann auch Kunden anbieten kann. Beim Thema Echtzeit geht es um die Frage, wie man dezentrale Systeme sehr, sehr schnell machen kann – in der Fabrik, aber dann natürlich auch in der Elektromobilität. Hier arbeiten wir mit dem Fraunhofer-Institut zusammen, um ein Modell zu entwickeln, das für Deutschland gelten kann – gerade für Elektromobilität, aber auch zum Beispiel für Energieversorgung.

Können Sie ein wenig mehr verraten?

Wenn Sie an Tankstellennetze inklusive Digitalisierung der Tanksysteme denken, dann ist das ein riesiger offener Markt, für den Rittal vom Engineering und von der mechanischen Seite geradezu prädestiniert ist. Wir müssen nur noch die IT-Seite auf die Reihe bekommen.

Infobox

Vita

Prof. Dr. Friedhelm Loh

• ist Inhaber und Vorstandsvorsitzender der Friedhelm Loh Group.

• 1974 übernahm er die Geschäftsführung des von seinem Vater Rudolf Loh gegründeten Unternehmens Rittal mit damals rund 200 Mitarbeitern. Heute erzielt die daraus entstandene Friedhelm Loh Group mit rund 12.000 Mitarbeitern weltweit einen Gesamtumsatz von 2,6 Milliarden Euro (2018).

• Loh engagiert sich in Verbänden, unter anderem als Ehrenpräsident des ZVEI. Für besondere Leistungen erhielt er das Bundesverdienstkreuz sowie die Diesel-Medaille.

Erschienen in Ausgabe: 04/2019