Wilfried Eberhardt

Das Ganze im Blick

Der Chief Marketing Officer und Mitglied des Aufsichtsrats der Kuka AG in Augsburg ist Anfang Oktober zum Vorstandsvorsitzenden des VDMA-Fachverbands Robotik + Automation gewählt worden. Grund genug, den Robotik-Fan, wie er sich selbst bezeichnet, zum exklusiven Interview zu bitten.

05. Dezember 2018
Bild: Kuka AG
Bild 1: Das Ganze im Blick (Bild: Kuka AG)

Herr Eberhardt, ein Amt wie das des Vorsitzenden eines Fachverbandes muss man wollen. Was verbinden Sie mit diesem Amt, und weshalb haben Sie das Amt übernommen?

Ich bin nun seit mehr als dreißig Jahren im Bereich Robotik und Automation zu Hause und würde mich als echten Robotik-Fan bezeichnen. Es ist mir ein Anliegen, meine langjährige Erfahrung einzubringen, um unsere erfolgreiche Branche weiter zu stärken und voranzubringen.

Wir liefern weltweit die Technologien, die die industrielle Produktion fit für die Anforderungen von morgen machen. Durch Industrie 4.0 haben wir noch mehr an Fahrt aufgenommen und die Bedeutung der Robotik und Automation wird weiter zunehmen. Ich freue mich darauf, nun auch als Vorsitzender diese Entwicklung mit professioneller Verbandsarbeit und im engen Schulterschluss mit den Key Playern im Markt zu begleiten und voranzutreiben. Es lohnt sich, denn die Arbeit beim VDMA ist sehr praxisorientiert und industriegetrieben.

Welche neuen Akzente umfasst Ihr Regierungsprogramm?

Mir ist es wichtig, die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre in enger Abstimmung mit den Vorstandskollegen fortzusetzen. Schwerpunkte sind zum einen die Digitalisierung und hier vor allem die Fokussierung auf einen einzigen, gemein-samen OPC-UA-Standard. Der ist essenziell für die interoperable Kommunikation in der Smart Factory. Zum anderen lege ich einen Schwerpunkt auf die Chancen, die der wichtige Wachstumsmarkt China für unsere Branche eröffnet. Im vergangenen Jahr entfiel ein Drittel des weltweiten Roboterabsatzes auf den chinesischen Markt.

Außerdem ist es wichtig zu verstehen, dass wir uns in einem gesellschaftlichen Wandel befinden. Robotik, Automation und Künstliche Intelligenz bringen neue Möglichkeiten und werden unseren Arbeitsmarkt verändern. Das schürt Ängste, die wir adressieren müssen. Wir müssen den Menschen ihre Bedenken nehmen, sie auf diesen Wandel vorbereiten und begleiten. Gute und klare Kommunikation ist dabei bedeutend. Wir sehen immer den Menschen im Mittelpunkt dieser Entwicklung. Es gilt,die Stärken des Menschen mit den Stärken des Roboters intelligent zu kombinieren und dadurch den Menschen zu entlasten. Diese Botschaft müssen wir über den Verband offensiv nach außen tragen.

Absicht oder nicht: Ihr Stellvertreter repräsentiert einen Systemintegrator. Reicht das, um die Nähe der Hersteller zur Praxis zu dokumentieren?

Alle Vorstandsmitglieder sind sehr nah dran an der Praxis. Die gute Mischung macht uns stark. Der Verband besteht aus Komponenten- und Systemlieferanten, aus kleineren und größeren Unternehmen und komplementären Technologien. Neben der Robotik sind die Integrated Assembly Solutions und die Bildverarbeitung vertreten.

Was kann man im weltweiten Wettbewerb als Vorsitzender eines nationalen Fachverbandes bewegen?

Wir behalten weltweit die wirtschaftspolitischen Entwicklungen im Blick und identifizieren Handlungsfelder. Es ist wichtig, die richtigen Weichen für den künftigen Erfolg der Branche zu stellen und drohenden Schaden frühzeitig abzuwenden. Wir positionieren uns beispielsweise zur geplanten Gesetzgebung oder Standardisierungen. Der VDMA gibt uns eine starke Stimme, mit der wir die Zukunft gestalten können. Wir arbeiten auch eng mit dem europäischen Verband EUnited Robotics zusammen sowie mit der International Federation of Robotics. So konnten wir zum Beispiel durch den Dialog mit der EU-Politik in Brüssel die Robotersteuer abwenden.

Bei welchen Themen ist Ihre Moderatorenrolle im Verband gefragt?

Zum Beispiel, wenn es um das Thema des einheitlichen Kommunikationsstandards OPC UA geht. Es ist wichtig, die Mitgliedsfirmen zu sensibilisieren und zu mobilisieren, damit sie mitziehen, und wir uns als starke Einheit dafür einsetzen können, dass die richtigen Weichen gestellt werden. Wenn wir gemeinsam im Vorstand die Themenschwerpunkte ausarbeiten, kann es schon eine Herausforderung sein, allen Mitgliedsfirmen gerecht zu werden. Letztendlich müssen wir uns auf Querschnittsthemen fokussieren, die für die Zukunft der Branche als Ganzes von Bedeutung sind.

Welche Initiativen oder Anregungen können und müssen vom Verband in Bezug auf Aus- und Weiterbildung – Stichwort: Fachkräftemangel – kommen?

Das ist eine Aufgabe, die im VDMA von zentraler Stelle bearbeitet wird, beispielsweise mit Initiativen wie der Talentmaschine. Zudem sind wir auf der Ebene des Fachverbandes in der Nachwuchswerbung aktiv. Auf der automatica zum Beispiel organisierten wir zusammen mit dem Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft eine virtuelle Schnitzeljagd, die von den Schülern begeistert angenommen wurde.

Es gibt in der Robotik und Automation zahlreiche Start-ups. Weshalb sollte ein junges Unternehmen beim Fachverband mitmachen?

Start-ups sind im VDMA als Mitglieder herzlich willkommen. Um den Einstieg zu erleichtern und die Start-ups mit den Mitgliedsunternehmen in einen engen Austausch zu bringen, hat der Verband vergangenes Jahr die VDMA Startup-Machine lanciert. Der Maschinenbau trifft hier auf relevante Start-ups. Sie bringen nicht nur neue Technologien, sondern auch neue Arbeitsweisen mit – von Fablabs bis zu agilen Teams und UserX. Wir betrachten sie als wichtige Partner für die Zukunftssicherung der etablierten Maschinenbauunternehmen. Zugleich ist der Maschinenbau eine riesige Kundenindustrie mit breitem Anwendungsspektrum für deren Technologien. Dieses Matchmaking bringt viele Synergien und ist für die jungen Unternehmen ein toller Ein-stieg und Wachstumsmotor.

Bernhard Foitzik

Erschienen in Ausgabe: 08/2018

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