Bewegung aus einer Hand

INTERVIEW - Eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch: Sie beginnt mit dem Aufstieg einer in einem ehemaligen Kuhstall gegründeten mechanischen Werkstatt. Heute ist daraus ein Unternehmen gewachsen, das an vier Produktionsstandorten mit zehn Vertriebstöchtern und 800 Mitarbeitern weltweit über 25. 000 Kunden betreut. Greifen, Schwenken und neuerlich die Linearbewegung gehören zum Repertoire von Schunk. Dabei gibt sich der Greiferspezialist bescheiden in Sachen Lineartechnik. Zwar sind seine Miniaturschlitten konstruktiv mit vielen durchdachten Extras ausgestattet: „Eben typisch Schunk“, wie ein Kunde bemerkt. Allerdings will das Unternehmen aus Lauffen nicht den Wettbewerb aufmischen, sondern nur den Kundenwunsch nach „Bewegung aus einer Hand“ erfüllen. Welche Strategie dahinter steckt, erläutern Verkaufsleiter Ralf Steinmann, Entwicklungschef Andreas Schuster sowie der Vertriebs- und Marketingverantwortliche Rainer Bauer.

02. April 2002

FA:Auf einen Zug, in dem man schon sitzt, braucht man nicht aufzuspringen. Die Linearachsen waren letztes Jahr die Neuigkeit aus Lauffen. Nun scheint Lineartechnik ein fruchtbares Terrain zu sein - denn auch zur diesjährigen factory automation gab es Nachwuchs. Heuer haben Sie unter anderem mit den Führungsschlitten Twin (FST) und den flachen FSF aufgewartet. Wie lebt es sich in den Reihen der Lineartechniker?

Steinmann:Wir als Greifer-Hersteller haben dem Kundenwunsch Rechnung getragen, Systeme aus einer Hand kaufen zu können. Also entwickeln wir das Produktprogramm in die Breite, und wir mußten uns auch der Lineartechnik stellen. Wir sehen dieses Engagement von der Greiferseite her, deshalb war es für uns nicht entscheidend, daß sich auf diesem Gebiet schon sehr viele Mitbewerber am Markt tummeln. Ausgehend von dem Greifer-Programm und den meist verwendeten Greifern bieten wir deshalb entsprechende Lineartechnik für unsere Kunden, das sind Standardmodule, die zueinander passen.

Fa:Jeder will heute alles - bietet alles aus einer Hand und nennt sich Komplettanbieter für seine Kunden. Warum machen sie diesen Trend mit? Bleibt Schunk nicht besser bei seinen Greifern?

Steinmann: Innerhalb dieses Trends kommt es sehr wohl zur Differenzierung, denn nicht jeder kann in allen Disziplinen der Beste sein. Wir sind dem Kundenwunsch „alles aus einer Hand“ einfach ein Stück weit entgegen gekommen - mit der Maßgabe, die wir auch an die Greifer-Entwicklung stellen: Wir wollen eine gute Technik bieten, die qualitativ hochwertig und zuverlässig ist. Das hat Schunk in der Vergangenheit am Markt ausgezeichnet. Durch die eigene Entwicklung im Haus und den direkten Draht zum Markt über unsere Vertriebssystem können wir uns bei allen Produkten an den Wünschen des Marktes orientieren. So haben wir alle nachfolgenden Entwicklungsprozesse, wie Prototypenfertigungen und Versuche, bei uns im Haus angesiedelt - das ist konzentriertes Know-how auf engstem Raum und bedeutet kurze Informationswege. Und wir können genau die Produkte bringen, die der Markt braucht.

FA: Des Kunden Freud& pos; ist des Wettbewerbers Leid. Wie haben die Wettbewerber auf den Schunk-Einstieg in die Lineartechnik reagiert?

Steinmann: Die Wettbewerber beobachten natürlich mit kritischem Blick, welche Alternativen Schunk entwickelt. Unsere Strategie war jahrelang die Konzentration auf die Greifertechnik. Wir wollten auf diesem Gebiet der Spezialist mit dem umfangreichsten Programm sein, der zumindest die meisten Anwendungen abdeckt. Die Handhabungstechnik sollte anderen Firmen vorbehalten bleiben.

FA: ... und dann war& pos;s vorbei mit der Konzentration aufs Kerngeschäft?

Steinmann: Dieser Trend wurde irgendwann unterbrochen, Vorreiter waren hier die großen Pneumatikhersteller, die als Vollsortimenter ein breites Programm bieten. Mit Erfolg, wie man sieht, denn der Kunde kauft die Ventile und Zylinder für eine Sondermaschine bei einem Hersteller und möchte auch die anderen Teile dort ordern. Der Trend geht in Richtung Baukasten. Vom Greifer bis hin zum Ventil wird alles eingesetzt. Deshalb müssen wir uns ein Stück weit den typischen Bewegungselementen in der Automation widmen. Das sind neben dem Greifer die Rotation und die Translation - also Bewegungen, die immer wieder vorkommen, wenn wir das auf die Handhabungstechnik beschränken. Daher liegt das Thema Lineartechnik mit Hinblick auf die Translation nahe.

Fa: Herr Schuster, jetzt zur Technik: Was zeichnet die zu den Linearachen passenden Miniaturschlitten aus? Welche zeichnet diese Schunk-Neuheiten aus?

Schuster:Wir sind gleich mit zwei grundlegenden Typen ins Rennen gegangen: Das eine ist der FST-Schlitten, der zwei nebeneinanderliegende Kolben und eine darüberliegende Führung hat. Er zeichnet sich insbesondere durch die höhere Kraft aus, die er aufnehmen kann. Typ zwei ist der FSF-Schlitten. Er besitzt nur einen Kolben. Allerdings haben wir dort die Führung des Systems parallel zum Kolben anordnet und den Schlitten sehr flach gebaut. Weiterhin haben wir bei jedem diese Typen die Kolbendurchmesser 6, 10, 16 und 25 parallel umgesetzt. Natürlich ist die Führung das Kernstück des Systems, sie macht die Steifigkeit aus - und hier liegt der Clou: Wir haben nicht wie üblich die Schiene fest am Gehäuse verschraubt und fahren nicht mit den Führungswagen über die Schiene. Wir haben das Prinzip umgekehrt und befestigen die Wagen am Gehäuse.

FA:Was bingt dieser konstruktive Umkehrschwung?

Schuster:Wenn die Schiene ist am Schlitten befestigt ist, hat das mehrere Vorteile: Zum einem versteift die Stahlschiene die Schlittenplatte, - was eine höhere Präzision bringt. Zum anderen bewegt sich das System immer zu besseren Führungsverhältnissen hin. Wir haben ein Führungsverhältnis gewählt, das immer besser als eins zu eins liegt. Das heißt auskragende Länge zu Führungslänge ist immer besser als eins zu eins. Alle Schlitten - auch der kleine mit dem Durchmesser 6, sind mit hydraulischen Dämpfern erhältlich.

FA: Wo werden diese Mini-Schlitten eingesetzt?

Schuster: Einsatzgebiete sind in erster Linie die Montageautomation - für schnelle und genaue Anwendungen, auch Mehrfachanwendungen, wo viele Schlittenpaare parallel für Parallelbestückungen geschaltet sind. Der Vorteil ist hier die flache Bauweise.

Konstruktiv zeichnet sich der Schlitten außerdem durch seine Stoßdämpfung aus: Gewöhnlich wird der hydraulische Stoßdämpfer mit der Schlittenplatte mitbewegt, wenn der Schlitten in der vordere Endlage bremsen soll. Oder er ist im vorderen Bereich angeordnet - mit dem Nachteil, daß es zur Kollision kommen kann. Wir haben den Stoßdämpfer beweglich gelagert, so kann er beim Rückhub nicht mit dem Schlitten kollidieren. Diese kleine Feinheit haben wir zum Patent angemeldet.

Optisch unterscheiden wir uns natürlich auch vom Wettbewerb und zu unseren bisherigen Modulen. Wir setzen keine Eloxalschicht mehr ein, sondern eine chemische Nickelschicht.

Fa: Hat hier der Schlitten-Designer das Sagen?

Schuster:Sicherlich spielt das schönere Design eine Rolle. Ausschlaggebend ist auch, daß wir hier Profiltechnik einsetzen, und Aluprofile werden aus weichen Aluminiumlegierungen hergestellt. Darauf schneiden die harten Eloxalschichten deutlich schlechter ab.

Fa:Ihre Entwicklungsabteilung gilt in der Branche als eine Ideenküche. Was brodelt zur Zeit in den Töpfen? Gestatten Sie uns einen Einblick?

Schuster:Wir möchten das Lineartechnikprogramm weiter ausbauen. Zum Beispiel durch Zwischengrößen, um noch spezifischer auf Kundenwünsche eingehen zu können. Das Thema Sonderhübe wird sicherlich noch interessant. Auch bei der automativen Antriebstechnk werden wir sehen, wo die Reise hingeht - ohne hier zuviel zu verraten. Außerdem sind Zubehörteile geplant, wie Aufspannwinkel und Schnellspann-Vorrichtungen. Hier werden wir unser Angebot komplettieren. Steinmann:In der Lineartechnik geht auch bei der Steuerung der Trend in Richtung Dezentralisierung: Mit unserer Energie-Durchführung ist es möglich, Ventile direkt an den Verbrauchern zu plazieren, also beispielsweise an der Achse, am Drehmodul oder am Greifer. Die Sensorsignale werden über ASI-Bus übertragen. Das reduziert den Montageaufwand wesentlich. Das Verschlauchen, Verkabeln der einzelnen Module entfällt, weil der Anwender nur noch seine Zuleitung, also seine Druckleitung bei der Pneumatik anschließen und das ASI-Kabel auflegen muß. Damit ist im Prinzip die Installation vom Ventil zum Verbraucher schon abgeschlossen. Und im Service-Wartungsfalle gibt die ASI-Technologie über das Protokoll an, wo ein Signal sein sollte, das noch nicht angekommen ist. Man kann dann ganz gezielt auf fehlende Nährungsschalter-Signale eingehen und mit der Fehleranalyse beginnen.

Fa:Wer setzt heute bereits auf die Schunk-Lineartechnik?

Steinmann:Referenzen in Sachen Lineartechnik haben wir in unserem angestammten Greifermarkt, das heißt überall, wo Maschinen be- und entladen werden. Beispielsweise bei der Firma Index, um einen Kunden zu nennen. Durch die Spanntechnik, aus der wir entstanden sind, gibt es enge Verbindungen zum Bereich Werkzeug-Maschine - und hier vornehmlich im Automatisierungsbereich. Beispiele sind das automatische Be- und Entladen der Maschine. Hier gibt es erste Verkaufserfolge.

Fa: Be- und Entladen - das kann doch nicht alles sein?

Steinmann:Gut, unsere Achssysteme können auch höhere Gewichte transportieren. Es ist durchaus möglich, Werkstücke bis 50 Kilo zu handhaben. Außerdem ist der Vorstoß der ganz kleinen Minischlitten geplant, um den Markt Montage und Automation bedienen zu können. Dort werden heute schon viele dieser Komponenten eingesetzt. Unsere Zielrichtung geht auf das Motek-Publikum.

Fa:Alles Bereiche mit lebhafter Konkurrenz. Wird dort die Luft nicht ziemlich dünn?

Steinmann: Doch, das kann man schon so sagen, aber wir heben uns über eine Produktdifferenzierung vom Wettbewerb ab. Dann zählen solche Kleinigkeiten, wie unsere Konstruktion des Lagers. Wir haben als einzige die Führungsschiene so angeordnet, daß sie die Biegesteifigkeit des Führungsschlittens unterstützt. Das sind zwar Kleinigkeiten, aber in einem hart umkämpften Marktsegment gewinnen wir dadurch entscheidende Punkte.

Fa:Wie haben die Kunden diese pfiffige Variante der Lineartechnik aufgenommen?

Steinmann:Die Reaktion war eindeutig. Auf der Hannover Messe gab es Vorschußlorbeeren: „Ihr habt euch wieder was tolles Einfallen lassen. Typisch Schunk“.

Fa:Herr Bauer, gute Ideen zahlen sich früher oder später aus, wie läuft das Geschäftsjahr?

Bauer:Also das Geschäftsjahr verlief für Schunk außerordentlich erfolgreich, wir erfreuen uns im Bereich Automation seit Jahren eines starken Wachstums, aber auch in unserem Unternehmensbereich Spanntechnik profitieren wir im Moment vom Boom im Werkzeugmaschinemarkt. Wir können diesen positiven Trend auch 2001 fortsetzen, denn wir werden verglichen mit dem Vorjahr im ersten Halbjahr 2001 voraussichtlich etwa 25 Prozent bei Auftragseingang und Umsatz zulegen. Wir gehen davon aus, daß wir dieses Wachstum auch bis zum Jahresende fortsetzen - und das, obwohl 2000 bereits ein Rekordjahr für Schunk war. Diesem positiven Trend tragen wir auch dadurch Rechnung, daß wir weltweit unsere Fertigungs-, Vertriebs- und Entwicklungskapazitäten ausweiten. Die Fertigungskapazitäten wachsen durch den Neubau dieses Werkes in Brackenheim. Auch die Niederlassung in den USA wird momentan um 1800 qm erweitert und im Juli werden neue Fertigungshallen bezogen. Die Vertriebskapazitäten weiten wir aus, indem wir pro Jahr ein bis zwei Vertriebstochter-Gesellschaften im Ausland gründen. Wir sind in diesem Jahr in den Niederlanden mit einer eigenen Vertriebstocher gestartet und haben auch in Indien ein Büro eröffnet. Die Entwicklungskapazität werden wir ausweiten und die Kräfte forcieren durch den Bau eines Entwicklungszentrums in Lauffen, das wir Anfang 2002 beziehen wollen.

Fa:Wie schlägt sich die Lineartechnik zu Buche?

Bauer: Unsere Lineartechnik kommt sehr gut am Markt an. Mit den Achsen sind wir sehr gut gestartet und erwarten den gleichen Erfolg bei den Minischlitten. Kurzum, wir sind auf den besten Weg, ein etablierter Anbieter auf diesen hart umkämpften Markt zu werden, und gewinnen ständig Marktanteile dazu.

Fa: Welche Ziel hat Schunk in den kommenden Jahren, wo geht die Reise hin?

Bauer:Schunk ist nach wie vor der größte Anbieter und Marktführer auf den Gebiet der Greifsysteme und Handhabungskomponenten - diese Stellung gilt es zu verteidigen. Wir werden ständig beobachtet und gehetzt vom Wettbewerb. Diese Beobachtung treibt uns an und spornt uns an, die Marktführerschaft zu verteidigen, aber wir wollen neben der Marktführerschaft auch eine Technologieführerschaft erreichen und intensivieren anderem deshalb unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit.

Fa: Markt- und Technologieführerschaft - das klingt nach Superlativen. Steigt auch die Zahl der Mitarbeiter?

Bauer: Wir beschäftigen im Moment weltweit knapp 800 Mitarbeiter und wachsen noch. Wenn es so weitergeht, werden wir die Tausendergrenze bald durchbrechen.

Erschienen in Ausgabe: 03/2001