Auf, aber nicht davon

Nach 19 Jahren an der Spitze von Endress+Hauser wechselte Klaus Endress Anfang 2014 in den Verwaltungsrat der Firmengruppe. Grund genug, um ihm ein paar (persönliche) Fragen zu stellen.

05. Februar 2014

Herr Endress, wie geht es Ihnen?

Wenn es allen so gut gehen würde wie mir, dann wäre die Welt in Ordnung.

Warum haben Sie sich zum Jahreswechsel 2013/2014 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen?

Am 9. Dezember 2013 bin ich 65 Jahre alt geworden – das ist in der Schweiz für Männer das reguläre Rentenalter. In Deutschland wäre es noch zwei Monate länger gegangen. Die Übergabe zum Jahreswechsel macht Sinn, weil dann die Verantwortung für das Geschäftsjahr sauber geregelt ist.

Welche Ziele haben Sie als Chef des Verwaltungsrates?

Ich möchte mit dem gesamten Verwaltungsrat einen „Mehrwert“ für das Executive Board darstellen und speziell meinem Nachfolger, Matthias Altendorf, ein guter Ratgeber sein. Der Verwaltungsrat soll aktiv sein, aber nicht operativ eingreifen.

Welche Stärken bringt Herr Altendorf für seine neue Herausforderung mit?

Matthias Altendorf ist ein kräftiger Mann, gerade mal 46 Jahre alt und topfit. Er ist über 25 Jahre durch die Endress+Hauser-Schule gegangen, auch durch andere, hat kleine und große Aufgaben erfolgreich gelöst und große Organisationen geführt. Er ist ein absoluter Vertreter unserer Werte. Wir kennen uns lange und gut und ich vertraue ihm.

Schon vor einigen Jahren war die Rede davon, womöglich ein Mitglied der Gesellschafterfamilie zum CEO von Endress+Hauser zu ernennen. Woran scheiterte dies?

Auf die Frage meiner Nachfolge – und diese wurde mir in jüngster Vergangenheit häufiger gestellt – habe ich immer geantwortet, dass es kein Endress sein wird. Denn unsere Kinder, Sarah ist jetzt 25 Jahre alt und Tobias 27, studieren beide noch mit Freude und teilen mit mir, nebenbei bemerkt, die Passion fürs Reiten. Zudem ist die junge Generation für diese Aufgabe noch viel zu jung. Aber: Ein guter Chef – und einen anderen würden wir nicht wollen – muss lange bleiben. Deshalb musste der neue CEO mindestens 15 Jahre jünger sein als ich, damit der zeitliche Horizont stimmt. Meine Geschwister waren aus diesem Grund alle schon zu alt.

Herr Altendorf soll also eine Brücke schlagen zu einem jungen Mitglied der Familie?

Diese Erwartung ist offen kommuniziert. Für Herrn Altendorf ist das Ansporn und Ehre – und für unsere Mitarbeiter unterstreicht dies, dass wir uns auch langfristig weiterhin mit dem Unternehmen verbinden wollen. Ein Mitglied der dritten Generation arbeitet bereits im Unternehmen, ein weiteres hat dies fest vor. Vielleicht kommen auch noch weitere Personen dazu, beispielsweise durch Heirat. Aber der Weg an die Spitze von Endress+Hauser ist nicht leicht. Wir haben in der Familie die Anforderungen genau definiert: Der CEO muss an einer technischen Hochschule studiert haben und er muss viel Erfahrung aus anderen Unternehmen mitbringen. Wer sich auf diesen Weg macht, braucht viel Zeit.

Als Präsident des Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden e.V. (wvib) besuchen Sie zahlreiche Unternehmen im Schwarzwald. Was genau führt Sie zu diesen Unternehmen und wie viel Zeit nehmen diese Besuche in Anspruch?

Manchmal habe ich in dieser Funktion viel zu tun, dann wieder sehr wenig. Es gibt immer Anlässe wie zum Beispiel die Kreise zum Erfahrungsaustausch, Pressekonferenzen, Jubiläen und vieles mehr. Ich schätze diese Termine, weil ich immer dazulerne – und es ist schön, dass ich auch selbst dazu beitragen kann.

Gibt es aktuell noch weitere Verpflichtungen, denen Sie nachkommen?

An meinem Wohnort bin ich weiterhin politisch tätig und auch bereit, da noch etwas zuzulegen. Als Stiftungsratspräsident des „Business Parcs“ in Reinach – das wohl einzige nicht öffentlich bezuschusste Gründerzentrum für Start-ups in der Schweiz – macht mir viel Freude. Des Weiteren bin ich noch Vizepräsident des Unirats der Universität Basel, Mitglied in zwei Beiräten und Vizepräsident eines Unternehmerkreises.

Auf welche Ihrer Entscheidungen sind Sie besonders stolz, wenn Sie auf Ihre berufliche Laufbahn zurückblicken? Was hat Sie am meisten bewegt und gefordert?

Wir nutzen SAP und sind heute weltweit vernetzt – das war, als ich ins Unternehmen gekommen bin, noch eine Vision. Nach 1997 haben wir unseren Vertrieb noch besser auf die Herausforderungen der Globalisierung ausgerichtet. Und seit Mitte der 90er-Jahre sind unsere produzierenden Unternehmen international geworden, indem sie in wichtigen Märkten ihre Produkte kundennah fertigen. Und schließlich noch der Eintritt der Endress+Hauser-Gruppe in das Geschäft der Laboranalyse in meinem letzten operativen Jahr. Selbstverständlich gibt es darüber hinaus noch viele andere Dinge und Projekte, die wir in all den vergangenen Jahren gemeinsam bewegt haben, aber die gerade genannten Themen haben mir persönlich viel Energie, Überzeugungskraft und Durchhaltevermögen abverlangt.

In einem Interview mit Ihnen habe ich unlängst gelesen, dass Sie Apple-Fan sind? Wegen der Produkte oder wegen des Unternehmenserfolges?

Ich bin tatsächlich ein Fan von iPhone und iPad, aber nur wegen der schlichten und schönen Form sowie der einfachen und intuitiven Bedienung. Dazu kommen dann noch die unzähligen Apps, die die Anwendungsmöglichkeiten nahezu grenzenlos erscheinen lassen. Trotzdem ersetzt das iPad nicht das Notebook. Verbindet man beide miteinander, erlebt man immer Überraschungen, die von der proprietären Apple-Philosophie herrühren. Diese finde ich nicht gut, denn ich bin ein Freund von offenen Systemen. Ebenso wenig schätze ich die Apple-Philosophie: möglichst keine Steuern zu bezahlen und die Mitarbeitenden der chinesischen Zulieferer schlecht zu behandeln. Apple wird so der langfristige Unternehmenserfolg abhanden kommen.

Anders als Endress+Hauser?

Ja, denn ich habe meine Vorbilder in der Natur. Größtmögliche Vielfalt mit der kleinstmöglichen Komplexität zu erreichen ist so ein Naturprinzip.

Die Fliege ist Ihr Markenzeichen. Wie viel Fliegen besitzen Sie und was bedeuten Ihnen diese?

Ich bin ein Ästhet und liebe das Besondere, das Schöne. Das ist der Farbtupfer auf einem überwiegend dunklen Anzug. Darum habe ich mir die Fliegen mit jeweils passendem Tuch ausgesucht. Einmal im Jahr reise ich nach München, um mir dort die schönsten auszusuchen. Mittlerweile habe ich natürlich sehr viele Fliegen.

Können Sie sich vorstellen, die Fliegen gegen Hausanzüge zu tauschen?

Nein, das ist nicht mein Stil.

Künftig werden Sie mehr Zeit für private Angelegenheiten haben. Wie sehen hier Ihre Pläne aus?

Wenn ich einige Tage in eine Richtung reiten kann und danach noch einige Tage in eine andere Richtung, dann habe ich es geschafft. Dies alles noch in einem guten Ausgleich mit meiner Frau und Familie, mehr gemeinsame Zeit und Reisen. Das wäre die Krönung des Ganzen.

Gibt es noch unerfüllte Träume?

Ja, aber nicht viele. Und ich möchte mir auch noch einige aufheben.