Finale | Sechs Fragen an ...

Andreas Schaarschmidt

Schaarschmidt ist bei Bildverarbeitungsspezialist SVS-Vistek unter anderem für das Marketing verantwortlich. Der Experte sagt spannende Zeiten voraus. automation wollte es genauer wissen.

02. Mai 2019
Andreas Schaarschmidt
Andreas Schaarschmidt: Der Elektrotechniker ist seit 2010 Mitgesellschafter und CMO bei der SVS-Vistek GmbH in Seefeld bei München. (Bild: SVS-Vistek, Roland Maier)

Herr Schaarschmidt, SVS-Vistek hat das vergangene Geschäftsjahr positiv abgeschlossen. Dennoch warnen Sie zur Vorsicht. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Die Besucher- und Ausstellerzahlen der Vision Shanghai, die im März stattgefunden hat, wuchsen deutlich: über  400 Aussteller und mehr als 50.000 Fachbesucher. Generell ist zu spüren, dass sich die Automatisierung in China rapide verbreitern wird. Dies hängt eindeutig mit der Förderung der Ausbildung für technische Berufe zusammen. Im Moment ist jedoch in den gut erschlossenen Bereichen wie der Elektronikfertigung eine eindeutige Dämpfung zu merken. Ob dies an der unglücklichen politischen Situation liegt oder ob eine gewisse Sättigung des Marktes mit immer noch funktionierenden Smartphones oder 4K-Fernsehern vorliegt, müssen wir weiter analysieren. Vielleicht warten die Konsumenten auch nur auf den nächsten treibenden Technologiesprung.

»Wir müssten nur wieder ein bisschen mehr Technikbegeisterung in der Öffentlichkeit säen.«

— Andreas Schaarschmidt, Mitgesellschafter und Chief Marketing Officer bei SVS-Vistek

Sie erwarten einen zunehmend stärkeren Konkurrenzkampf aus China. Woran machen Sie das fest, und was halten Sie dagegen?

In den vergangenen drei Jahren zeichnete sich bereits ab, dass der sogenannte 29x29-Millimeter-Kamera-Shape mit C-Mount-Objektivanschluss in Form-Fit-Function aus dem Westen übernommen wird. Die Eroberung der lokalen Märkte mit eigenen Brands ist bereits deutlich spürbar. Das Angebot für den hochauflösenden Bereich wird heute bei den lokalen Anbietern so gut wie komplettiert. Unser Angebot – hohe Auflösungen, schnelle Bildraten, zur Applikation passende Interfaces, Qualität, große Flexibilität und interessante Features, verteilt auf drei hervorragende Serien – ermöglicht uns im Moment gute neue Designs. Aber wir haben die Nachricht verstanden. Daher müssen wir uns ständig mit Innovationen zum Vorteil des Kunden nach vorne bewegen. Deutschland sehe ich hier persönlich durchaus in einer guten Position, da immer noch viele Ideen, Grundlagen und neue Standards von uns ausgehen. Wir müssten nur wieder ein bisschen mehr Technikbegeisterung in der Öffentlichkeit säen.

Mittlerweile gibt es in der Bildverarbeitung ein Überangebot an Kameras. Selbst hochauflösende Geräte sind zu günstigen Preisen zu bekommen. Das Thema 10-Gigabit-Ethernet spielt hier eine Rolle. Dem gegenüber stehen langsame Sensoren. Wie passt das zusammen?

(Lacht.) Ja, die Wanne ist voll. Im Ernst, ein schnelles Interface mit einem langsamen Sensor zu kombinieren, wäre schlichtweg falsch. Richtiger ist, die neuen schnellen Sensoren mit zwei, vier und acht parallelen Datenkanälen mit bis zu bald 38 Gigabit pro Sekunde durch ein geeignetes schnelles Interface zu nutzen, sodass die Formel »1/Bildrate = Bildübertragungszeit« möglichst viel Zeit zum Rechnen auf dem Bild ermöglicht. Bei hohen Auflösungen und hohen Bildraten müssen die Daten auch verarbeitet werden. Da ist eine kurze Übertragungszeit immer von Vorteil. Das 2,5- bis 10-Gigabit-Ethernet-Interface und auch das CoaXPress-Interface nehmen durch die neuen Chips deutlich an Fahrt auf. Dies passt hervorragend zu den aktuellen CMOS-Sensoren diverser Hersteller. Eine Kombination aus industriellem hochauflösenden Sensor mit hoher Datenrate und einer adäquaten leistungsfähigen Elektronik und entsprechender Firmware hat aber eben auch seinen Preis. Bei vielen Aufgaben ermöglicht dann die Summe aller Teile erst die Machbarkeit und damit wird die Sache wieder preiswert.

Wie begleitet SVS-Vistek seine Kunden und Interessenten auf den Weg durch den »Was für eine Kamera in welcher Kombination«-Dschungel?

Wir sind heute in der guten Position, ein Anbieter von VGA bis 151 Megapixel mit nahezu allen relevanten digitalen Schnittstellen zu sein. Unser Anliegen ist es, die Aufgabe unserer Kunden wirklich im Detail zu verstehen und unsere Denkleistung bei der Auswahl aller Komponenten anzubieten. Für den deutschen Markt bieten wir daher zum Bildpunkt und zur Auflösung passende Objektive und Beleuchtungen an. Auch beim Daten-Interface haben wir sehr enge Partnerschaften. Es klingt vielleicht altmodisch, aber wir verstehen uns als »Partner für das beste Bild« und nehmen daher das gute alte Value Add oder Slogans wie »aus einer Hand« sehr ernst. Im weltweiten Vertrieb sind wir auf Partner vor Ort angewiesen, die diese Bedeutung im Sinne des Kunden mit uns teilen. Daher legen wir besonderen Wert auf eine enge und loyale Beziehung zu unserem Netzwerk.

»Will ich mit der Bildverarbeitung sehr genau messen, dann wäre Deep Learning nicht meine Wahl.«

— Andreas Schaarschmidt, Mitgesellschafter und Chief Marketing Officer bei SVS-Vistek

Das Thema Deep Learnig ist allgegenwärtig – alles soll einfacher werden. Dies wird Ihrer Meinung nach aber nicht überall funktionieren. Würden Sie dies bitte begründen oder an einem Beispiel festmachen?

Deep Learning, KI, AI ist ›der‹ mächtige Hype in der IBV. Auch hier muss man wissen, was man erwarten kann respektive vorher seine Zielsetzung bei der Inspektionsaufgabe definieren. Das ist eigentlich ganz einfach: Will ich mit der Bildverarbeitung sehr genau messen, dann wäre Deep Learning nicht meine Wahl. Möchte ich jedoch beispielsweise organische Objekte, etwa Orangen, Äpfel, Birnen oder sogar Menschen auseinanderhalten oder in Klassen einteilen, dann wäre Deep Learning ein guter Ansatz hierfür. Die Einrichtung, Bedienung einer Anlage zur Qualitätssicherung kann zudem bei Aufgaben aus der Welt der Vollständigkeitsuntersuchung deutlich vereinfacht werden – sofern die Software-Anbieter dafür anwenderfreundliche grafische Benutzeroberflächen anbieten.

Bereits Anfang 2015 war die Rede davon, dass Sie expandieren wollen. Wie ist hier der aktuelle Stand der Dinge?

Richtig! Ich kann verraten, während dieses Interview entsteht, wurde der Vertrag für einen schönen Bauplatz in Gilching unterzeichnet. Es soll nun bald an die Erstellung eines zeitgemäßen Büro- und Produktionsgebäudes gehen. Hier wollen wir übrigens mit einer weitgehend digitalen Organisation der Gewerke ganz neue Wege gehen, welche so in dieser Form ›am Bau‹ noch nicht Usus sind. Im Münchner Südwesten, in besonders reizvoller Lage, werden wir dann ab 2020 an dem Kompetenzzentrum für die Bildverarbeitung, zusammen mit Zulieferern und Partnern, engagiert weiter arbeiten. Natürlich wollen wir mit diesem Schritt auch ein motivierendes Signal an unsere heutigen und zukünftigen Kollegen senden, um in dieser spannenden Branche eine gute gemeinsame Zukunft zu gestalten.

Erschienen in Ausgabe: 03/2019