Herr Dr. Köckler, Sie sind seit mittlerweile anderthalb Jahren Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Messe. Wie lautet Ihr Fazit nach dieser herausfordernden Zeit?

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Ich war zum Glück vorher schon fünf Jahre Mitglied des Vorstandes. Darauf konnte ich aufbauen und habe meine bestehenden Aufgaben fortgeführt. Hinzu kamen das Thema Personal und der Komplex Digitalisierung. Zudem sind wir seit Ende des vergangenen Jahres ja nur noch zwei statt drei Vorstände. Die zusätzliche Verantwortung als Vorsitzender macht mir Freude, ist aber natürlich auch fordernd. Kurz: Es waren sehr bewegende, intensive anderthalb Jahre.

Intensiv auch, da in den vergangenen Monaten die Einstellung der Cebit und die Neuausrichtung der Cemat auf der Agenda standen.

In der Tat. Ein kurzes Wort zur Cebit: Es kann immer sein, dass der Lebenszyklus einer Messe vorbei ist. Am Ende sind unsere Messen Spiegelbilder der Märkte. Digitalisierung ist heute das zentrale Thema auf nahezu jeder Messe, damit sinkt die Nachfrage nach einer vertikalen Veranstaltung wie der Cebit. Natürlich macht es keine Freude eine unpopuläre Entscheidung zu treffen und zu vertreten. Wir im Vorstand haben diese Entscheidung gemeinsam nach sorgfältigster Abwägung getroffen. Aufgrund der dramatisch schwachen Nachfrage auf Ausstellerseite bestand keine Aussicht auf ausreichend Besucher. Wegen dieser mangelnden Perspektive und der Tatsache, dass wir ein Wirtschaftsunternehmen sind, war die Absage konsequent.

Wie hat sich das Messegeschäft in den vergangenen Jahren verändert?

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Da gibt es zwei große Linien: Globalisierung und Digitalisierung. Das halte ich auch nicht für leere Schlagworte, wie man das immer wieder liest und hört. Im Gegenteil, das sind zwei gigantische Trends, die nicht wieder weggehen. Für uns bedeutet das beispielsweise: Wir haben auf vielen Messen den Riesenmarkt China in einer großen Selbstverständlichkeit hier als Aussteller und als Besucher. Das zweite große Thema ist die Digitalisierung. Die Kommunikationsmöglichkeiten im Vorfeld und während einer Messe haben sich in den vergangenen fünf Jahren dramatisch verändert. Wir müssen unsere Messen sehr genau an diesen beiden Megatrends ausrichten und fragen: Wo ist da unser Platz?

Und, wo ist der Platz der Deutschen Messe?

Für uns gilt es, das Alleinstellungsmerkmal einer Messe herauszuarbeiten. Menschen wollen sich auch im digitalen Zeitalter physisch treffen. Sie wollen sich austauschen, diskutieren. Zum Beispiel im Rahmen der Hannover Messe: Die Besucher wollen an konkreten Anwendungsfällen verstehen, wie sie die Digitalisierung der Industrie meistern können. Wenn wir es richtig machen, werden Globalisierung und Digitalisierung gute Messen eher befeuern und besser machen. Schließlich können wir dem Besucher im Vorfeld präzise sagen, welcher Content wann und wo drin ist. Und das schätzt er.

Infos kann ich auch aus dem Netz bekommen. Geht es dann in Zukunft auf der Messe eher um Networking?

Nein. Wir verschieben unser Geschäft dahin, dass die Messe für die Entscheider Erlebnisse schafft, die sie vor einem Bildschirm nicht bekommen. Wenn ich investieren möchte, dann ist das Erlebnis des Eintauchens in eine Messe einfach anders. Als Investor will ich meine Geschäftspartner sehen, wenn ich zum Beispiel drei Millionen Euro ausgebe. Aber es stimmt schon: Uns Messemachern muss klar sein, dass es nicht reicht zu sagen: Ich mache eine Messe und schließe die Tore auf, bitte kommt mal alle. Es geht mehr in Richtung eines besser vorbe- reiteten Besuchers, es geht darum, das Messe- erlebnis zu inszenieren und sich als Wissensplattform zu präsentieren.

Vita - Dr. Jochen Köckler

-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe AG in Hannover

-seit 2012 im Vorstand, seit Juli 2017 Vorsitzender

-geboren 8. August 1969 in Hamm

-verheiratet, zwei Kinder

Kommen wir zu einem Thema, über das in den vergangenen Monaten kontrovers diskutiert wurde: die Cemat als Teil der Hannover Messe. Mit dem Verlauf der letzten Cemat waren einige Aussteller nicht zufrieden. Wie sehen Sie das: Wie ist die Cemat gelaufen?

Viele Jahre war die Logistik Teil der Hannover Messe, dann gab es Anfang dieses Jahrhunderts 2002/2003 die Idee, eigenständig zu werden. Die Cemat wurde in einem dreijährigen Rhythmus als Leitmesse aufgesetzt. Als ich die Verantwortung übernommen habe, stand gerade fest, dass die Cemat wieder in den zweijährlichen Rhythmus neben die Hannover Messe geht. Beides ist auf Wunsch der Aus- steller erfolgt. Zunächst wollten sie die Eigen- ständigkeit, dann wollten sie wieder näher an die Hannover Messe heranrücken. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Hannover Messe heute als weltweit wichtigste Industriemesse ganz anders dasteht, als sie das Anfang dieses Jahrhunderts tat.

Im vergangenen Jahr lief das aber nicht wie geplant.

Ja, das ist so. Wir haben die beiden Messe- Marken parallel aufgesetzt und während der Messe gemerkt, dass im Cemat-Bereich weniger Besucher waren, als erwartet. Und auf der anderen Seite war im Bereich Hannover Messe deutlich mehr los. Das haben wir nach der Messe sehr ehrlich mit Ausstellern wie Toyota oder Still in unserem Beirat besprochen. Viele Aussteller wünschen sich eine noch nähere, bessere Integration.

Was ist das Ergebnis Ihrer Überlegungen mit den Ausstellern?

Die Logistik wird ein noch bedeutenderer Teil der Hannover Messe. Alleine schon deshalb, weil die Themen »Automation« und »Digital Factory« boomen. Da ist jede Menge Logistik drin, die Übergänge sind fließend. Das sehen wir jetzt schon auf der kommenden Hannover Messe. Wir werden die Logistikthemen als festen Bestandteil in die Hannover Messe integrieren und haben damit die einzigartige Chance, die Synergien zu den Themen Automation und Digital Factory auf einer globalen Plattform abzubilden. Im März gibt es hierzu noch eine Beiratssitzung und dann wird das neue Konzept zur Hannover Messe 2020 kommuniziert. Wir arbeiten daran mit allen Beteiligten intensiv.

»Wir werden uns, was die Industrie angeht, nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Das ist unser Anspruch.«

— Dr. Jochen Köckler, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe AG

Reden wir von einem jährlichen Rhythmus?

Das entscheiden wir gemeinsam mit unseren Ausstellern. Die Themen Automation, Digital Factory und Energy finden jährlich statt. Die Logistik kann mit anderen Themen atmen, die ebenfalls in einem Zweijahresrhythmus ausgerichtet werden. Durch die Digitalisierung haben wir so schnelle Innovationszyklen, dass wir das sensibel steuern.

Im Jahr 2019 lautet der Leitspruch der Hannover Messe: »integrated industry, industrial intelligence«. Was bedeutet dieser englische Slogan ganz konkret?

Was wir bei der Hannover Messe sicherlich richtig gemacht haben, ist, dass wir seit 2013 konsequent auf »integrated industry« gesetzt haben. Wir haben die Industrie wieder in den Mittelpunkt gestellt. Mit integrierten Lösungen. Die Fabriken und die Produktion wurden mit Sensoren immer stärker vernetzt, es werden große Datenmengen gesammelt. Heute ist man in der Lage, die erfassten Daten nicht nur richtig zu nutzen, sondern daraus auch Zukunftsszenarien zu entwickeln. Viele tun sich mit dem Thema künstliche Intelligenz schwer. Aber genau das wird jetzt passieren. »Machine learning« ist ein wichtiges Thema auf der Hannover Messe in diesem Jahr.

Das steht über allem: künstliche Intelligenz?

Ja, auf jeden Fall.

Wo befinden wir uns denn auf dem Weg zum Internet der Dinge, welches gerade in der Verzahnung von Produktion und Logistik ein großes Schlagwort ist?

Wie im Privaten ist es auch in der Industrie so: Durch Vernetzung entstehen Vorteile. Vor fünf Jahren ging es noch darum, die Roboter hinter dem Schutzzaun hervorzuholen. Heute programmieren wir diese wie ein iPad. Wichtig ist, dass das Internet der Dinge kein Selbstzweck ist. Die Firmen machen es nicht, weil es schön und modern ist, sondern am Ende geht es immer um Wettbewerbsfähigkeit. Der Besucher investiert in Zukunftstechnologien, wenn seine Prozesse dadurch optimiert werden.

Gibt es nicht immer noch ein Silodenken, das der Vernetzung entgegensteht?

Wenn man auf die digitalen Plattformen guckt, Beispiel Microsoft, dann würde ich die Frage mit »nein« beantworten. Diese Firmen unterscheiden gar nicht mehr zwischen Produktion und Logistik. Wir als Messe müssen aus Besuchersicht denken. Ein Beispiel: Es kommt jemand, der seine Produktion erweitern und modernisieren möchte. Der Besucher wird nach einem Gesamtkonzept suchen, in dem die Dinge miteinander verknüpft sind. Viele Dinge kann man nur integriert denken. Logistik und Industrie sind aus Kunden- und Besuchersicht nicht getrennt.

Seit vielen Jahren reden wir im Markt über die Themen Industrie 4.0, Digitalisierung, Big Data und künstliche Intelligenz. Stand heute gibt es aber immer noch Unternehmen, die gar nicht automatisieren. Was bietet die Hannover Messe denn einem Besucher, der sich dem Thema der Automatisierungstechnik erst ganz langsam nähert? Einem Besucher, für den die High-End-Lösung nicht interessant ist?

Alle Besucher, die auf die Hannover Messe kommen, stellen am Ende etwas her. Ein Produkt. Und hier verschwimmt die virtuelle Welt schon heute mit der realen. Wir bauen mit der Messe eine Plattform, in der es nicht nur um Bits und Bytes und Digitalisierung geht. Sondern es geht immer um das Zusammenbringen der virtuellen mit der realen Welt. Und auch die, die im Moment nichts Digitales anbieten oder benötigen, sind sich völlig darüber klar, dass die Fabrik und die Logistik der Zukunft sehr, sehr digital sein werden.

Am Thema Automatisierung kommt also niemand vorbei.

Genau so ist es.

Es gibt auch eine Namensänderung auf einer der Leitmessen: Neu ist die IAMD. Ist mit der Namensänderung eine inhaltliche Neuorientierung verbunden?

Vieles von dem, was wir schon besprochen haben, spiegelt sich in dieser Namensänderung. Wir wollen keine künstliche Trennung von Automatisierern und von denen, die Komponenten bieten. »Integrated automation, motion and drives« heißt, dass die Dinge zusammenkommen. Dass auch die Antriebstechnik einen Bezug zur elektrischen Automation hat. Alles wächst rasend schnell zusammen.

Es gibt Unternehmen aus dem Automatisierungsumfeld, die nicht mehr in Hannover ausstellen. Auf der SPS in Nürnberg läuft es gut. Wie beurteilen Sie den Wettbewerber?

Ich äußere mich grundsätzlich nicht zu anderen Messen. Wir in Hannover sind im Automationsbereich so positioniert, dass wir Automation und digitale Plattformen sehr offensiv spielen, weil sie nebeneinander gehören. Die Hannover Messe ist in diesem Bereich absolut der Treiber. Wir punkten mit Internationalität und den Topentscheidern bei den Besuchern.

Erwarten Sie dieses Jahr ein Besucherplus für die Hannover Messe?

Wir haben ein voll besetztes Messegelände und erwarten wieder über 200.000 Besucher. Für uns gilt: Qualität vor Quantität. Es geht uns nicht darum, auf Gedeih und Verderb Leute hierher zu holen, sondern es ist wichtig, 200.000 qualitativ hochwertige Fachbesucher in Hannover zu haben.

»Vor fünf Jahren ging es noch darum, die Roboter hinter dem Schutzzaun hervorzuholen. Heute programmieren wir diese wie ein iPad.«

Die Hannover Messe ist groß, hat sechs Leitmessen, was auch zu langen Laufwegen führt. Wie versuchen Sie, der Unübersichtlichkeit Herr zu werden?

Das geht nur durch optimale Vorbereitung. Wir haben eine große Presse-Preview veranstaltet mit 130 Journalisten. Wir sind eine gut sortierte Messe. Das heißt, der Spezialist, der sich nur für Sensoren interessiert oder nur für Roboter, der kann hier fünf Tage in zwei Hallen verbringen und ihm wird es nicht langweilig. Der Besucher weiß natürlich vorher sehr genau über Homepage und App, was auf der Hannover Messe wo geboten wird. Aber natürlich gibt es auch den Generalisten, der sich für mehr interessiert. Wenn dieser für die ganze Messe dann nur einen Tag Zeit hat, dann sollte er sich schon sehr gut vorbereiten (lacht).

Wo sehen Sie die Hannover Messe in zehn Jahren? Wo soll der Fokus liegen, nachdem man Cebit und Cemat integriert hat?

Wir sind der jährliche internationale Treffpunkt für die Zukunft von Industrie, Logistik und Energie. Mit maximalem Anspruch an das, was hier gezeigt wird. Wir wollen einen globalen Marktplatz entwickeln. Wir müssen die absolute Innovationsspeerspitze in der Kommunikation bleiben. Wenn man sich anschaut, was andere Veranstaltungen wie die CES in Las Vegas mit viel weniger Content machen: Wir werden uns, was die Industrie angeht, nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Das ist unser Anspruch. Dem wollen wir unbedingt gerecht werden.