Adieu, geliebte Heißprägemaschine

Fertigungsautomation

Industrielle Kennzeichnung - Binder + Wöhrle ist überzeugt: Irgendwann ist es auch für die altbewährte Technologie Zeit, den Ruhestand anzutreten. Der Hersteller von Kunststoffrohren, Profilen und Bowdenzügen, die unter anderem in Fahrzeugen von VW zum Einsatz kommen, hat sich bei der Produktkennzeichnung von den alten Heißprägemaschinen verabschiedet. Zum Einsatz kommen jetzt CIJ-Drucker von Paul Leibinger. Sie sind flexibler, schneller und berühren die Produkte nicht.

18. September 2018
Bild: Paul Leibinger GmbH & Co.
Bild 1: Adieu, geliebte Heißprägemaschine (Bild: Paul Leibinger GmbH & Co. )

Als einer der Technologieführer auf dem Gebiet der Kunststoffrohre, Profile und Bowdenzüge ist Binder + Wöhrle darum bemüht, auf dem neusten Stand der Technik zu sein. Deswegen weichen alte Technologien regelmäßig dem Zeitgeist, so wie die Heißprägemaschinen, die für die Produktkennzeich-nung zum Einsatz kamen. Sie er-ledigten jahrelang einen zuver-lässigen Job, druckten mit vorge-heizten Prägezeichen auf Kunst-stofffolien, die sich ablösten und als Schriftbild auf dem Produkt kleben blieben. 

Die Heißprägemaschinen ließen sich zwar wirtschaftlich betreiben, allerdings nur in einer Zeit, in der auf Produkten wenig Daten erscheinen mussten. »Heute ist das anders«, erklärt Klemens Isele, Geschäftsführer von Binder + Wöhrle. 

Normierung fordert Innovationen

»Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, eine Vielzahl an Produktdaten aufzubringen – unter anderem Produktnummer, Materialkennzeichnung und Produktionsdatum«, so der Geschäftsführer. Die Heißprägemaschinen, bei denen sich das Schriftbild nur aufwendig ändern lässt, stießen an die Grenzen ihrer Flexibilität. Isele machte sich deswegen auf die Suche nach einem wirtschaftlichen und flexiblen Kennzeichnungssystem. Und um ein passendes System zu finden, musste Isele noch nicht einmal Baden-Württemberg verlassen. Er wurde gleich in der Nachbarschaft fündig. 

In Tuttlingen sitzt ebenfalls ein Weltmarktführer, nicht für Bowdenzüge, dafür aber für industrielle Kennzeichungssysteme: die Firma Paul Leibinger, gegründet 1948. Sie stellt den JET3up her, einen Drucker, der für die Anforderungen von Binder + Wöhrle wie gemacht schien.

Denn Informationen sind nicht wie bei einer Heißprägemaschine festgelegt, sondern lassen sich in Sekundenschnelle verändern – fünfzeilige Kleinschriften, Grafiken, Barcodes und alle gängigen Datamatrix-Codes mit einer Druckhöhe von bis zu 16 Millimetern inklusive. 

Schneller denn je

Isele ist begeistert: »Wir sind mit den Druckern nun dazu in der Lage, unsere Produkte schneller denn je zu kennzeichnen und können Produktwechsel noch schneller realisieren.« 

Einstellen lassen sich die Informationen über einen 10,4-Zoll großen Touchscreen, der sich so einfach bedienen lässt wie ein Smartphone. Das Prinzip lautet »what you see is what you get«. Die eingestellten Informationen erscheinen eins zu eins auf dem Produkt, ganz ohne nervenaufreibende Testläufe. 

Fliegende Tintentropfen

Ein weiterer Vorteil des JET3up: Anders als die Heißprägemaschine berührt der Drucker das Produkt nicht. Das ermöglicht eine schnelle Kennzeichnung, die zudem produktschonend ist und die Gefahr von Bruchstellen reduziert. Das Geheimnis dieser berührungslosen Kennzeichnung: Eine Technologie namens Continuous-Inkjet (CIJ).

Sie arbeitet im Inneren des zylinderförmigen Druckkopfs, der direkt von oben auf das Produkt blickt. Im Druckkopf, der über eine Kopfleitung mit der Hydraulik im Druckergehäuse verbunden ist, schießen 96.000 aufgeladene Tintentropfen pro Sekunde durch eine winzige Düse in Richtung eines Auffangrohrs. 

Beim Drucken kommen zwei Ablenkelektroden ins Spiel. Sie verändern die Flugbahn einzelner Tropfen, sodass sie als Bildpunkt auf der Produktoberfläche landen und innerhalb einer Sekunde trocknen. So entstehen wie von Geisterhand schwarze und weiße Aufdrucke auf den Produkten. Die restlichen Tropfen fliegen geradeaus in das Fängerrohr und zirkulieren im System.

Leistungsreserven

Die Drucker haben sogar noch Leistungsreserven: sie können mit Geschwindigkeiten von bis zu 600Metern pro Minute Schritt halten – das entspricht 36 km/h. Es ist also jederzeit möglich, die Anlagengeschwindigkeiten zu erhöhen, ohne die Kennzeichnungssysteme zum Nadelöhr werden zu lassen. 

Mittlerweile kommen dreizehn Drucker in der Produktion von Binder + Wöhrle zum Einsatz, und zwar nicht nur in der Bowdenproduktion, sondern auch in der Herstellung von Rohren und Schläuchen – ein weiteres Geschäftsfeld des Unternehmens. Überzeugt ist Isele auch von den niedrigen Betriebskosten der Drucker. Die Geräte verbrauchen mit einer Leistungsaufnahme von rund 30 Watt weniger Strom als eine Glühbirne. Ebenso gering ist der Verbrauch an Tinte. Mit einem Liter Tinte drucken die Geräte 160 Millionen Zeichen.

Das reicht fast für das gesamte Jahr. Zudem sind die Wartungs- und Reinigungskosten niedrig – dank eines automatischen Verschlusssystems namens Sealtronic, eine technologische Entwicklung von Leibinger, entfallen aufwendige Reinigungsarbeiten vor dem Produktionsstart. 

Kein Eintrocknen

»Ist der Drucker außer Betrieb oder im Stand-by-Modus, bleiben bei vielen CIJ-Druckköpfen Düse und Fängerrohr offen. Die Tinte trocknet ein und die Düse verstopft, sodass viel Reinigungsaufwand nötig ist, damit es beim nächsten Start nicht zu einem diffusen Spucken von Tinte und einem undeutlichen Schriftbild kommt«, erklärt Christina Leibinger, Geschäftsführerin der Paul Leibinger GmbH und Co. KG.

Nicht so bei Sealtronic. »Das Fängerrohr fährt in Produktionspausen auf die Düse und verschließt das System luftdicht. Beim erneuten Start ist das Schriftbild direkt klar und stabil – ohne Reinigungsaufwand und Spülzyklen läuft die Produktion sofort wieder an.«

Zuverlässigkeit

Auch die Ausfallsicherheit der Drucker Made in Germany war ein Argument, bei der Modernisierung der Kennzeichnungssysteme auf Leibinger zu vertrauen. »Die Zuverlässigkeit der Drucker spielt eine Schlüsselrolle«, erklärt Isele. »Versagt das Kennzeichnungssystem nur wenige Minuten, werden viele Meter wertvoller Rohre und Profile zu Ausschuss.« Und wenn es doch zu einem Ausfall kommt? Dann stehen Techniker von Leibinger vor der Tür – Tuttlingen ist schließlich nicht weit entfernt. »Wir sind mit dem technischen Service sehr zufrieden.

Bei Problemen müssen wir nicht erst tagelang auf Hilfe warten, sondern wissen, dass die Produktion schnellstmöglich weiterläuft«, sagt Isele abschließend. 

Motek: Halle 8, Stand 8115

Erschienen in Ausgabe: 05/2018

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