27. SEPTEMBER 2016

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VISION POSSIBLE


VITRONIC - Aus der Forschung und Lehre in die freie Wirtschaft. Das war der Weg von Dr. Norbert Stein, Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der Vitronic Dr.-Ing. Stein Bildverarbeitungssysteme GmbH. Im vergangenen Herbst feierte das Wiesbadener Unternehmen sein 20jähriges Bestehen.

An den ersten Auftrag 1981 erinnert sich der Vitronic-Chef noch heute: »Ich war damals Doktorand an der Technischen Universität Darmstadt und befaßte mich im Rahmen meiner Promotion an der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden mit medizinischer Bildverarbeitung, konkreter, mit der Optimierung der Analyse von Ultraschallbildern. In dieser Zeit wurde meinem Doktorvater, Professor Werner von Seelen, und mir die Entwicklung eines optisch geführten Flurförderzeuges angetragen. Auftraggeber war Professor Dieter Arnold, damals Abteilungsleiter der Carl Schenck AG in Darmstadt. Das obere Limit der Einkaufskosten lag bei 10.000 Mark und war zugleich ein Prüfstein, ob eine solche Anwendung mit den damals am Markt verfügbaren Komponenten überhaupt zu realisieren war. Die Bildverarbeitung steckte schließlich noch in den Kinderschuhen.«
Stein und von Seelen realisierten das Projekt der optisch geführten Flurförderzeuge. Die ersten ihrer Art transportierten zum Beispiel Kernbrennstäbe in einer Nuklearanlage.
Norbert Stein schien seine Profession gefunden zu haben. Ausgestattet mit Entwicklungsaufträgen medizinischer und universitärer Einrichtungen, gründete der mittlerweile promovierte Diplomingenieur 1984 die Vitronic GmbH, ein Ingenieurbüro für die Entwicklung von Bildverarbeitungslösungen und -systemen. Hier agierten er und eine Handvoll Mitarbeiter zunächst als Entwicklungs-Dienstleister für Anbieter medizinischer Bildverarbeitungslösungen wie Siemens, Toshiba und so weiter.
»Uns war aber sehr schnell klar«, so sagt Dr. Stein rückblickend, »daß wir in diesem kleinen, von wenigen großen Anbietern dominierten Markt mit dem Verkauf von Know-how mittel- und langfristig keine Überlebenschance haben. Deshalb konzentrierten wir uns auf die Entwicklung und Modifizierung sowie auf die Fertigung von Hard- und Software für die industrielle Bildverarbeitung und ihre Anwendungen: kundenspezifische Lösungen aus einer Hand, aus denen wir Standards entwickelt haben. Das war wohl das wichtigste Unterscheidungsmerkmal gegenüber unseren Wettbewerbern. Und das sichert uns auch heute noch Alleinstellungsmerkmale am Markt.«

Lehr- und Wanderjahre
Als frischgebackener Unternehmer reiste Norbert Stein in eigener Sache und als Missionar für die industrielle Bilderverarbeitung durch die Lande; hielt Vorträge in Unternehmen und Lehr- und Forschungseinrichtungen. Er wollte Vertrauen schaffen, aufklären, sensibilisieren für neue technologische Erkenntnisse. Dabei kam ihm entgegen, daß das Thema Bildverarbeitung mehrheitlich noch neutral besetzt war oder allenfalls negativ: Die damals dominierende Binär-Technologie hielt in praktischen Anwendungen nicht immer das, was ihre Anbieter versprochen hatten.
Die Kontakte, die Dr. Stein bei seinen Reisen knüpfte, sollten sich schon sehr bald in Aufträgen für sein junges Unternehmen niederschlagen. So lieferte Vitronic 1986 das erste kamerabasierte Lesesystem für Barcodes an den Schweizer Pharmakonzern Ciba Geigy und im gleichen Jahr das erste Robot-Vision-System an Reis Robotics in Obernburg. Die Anlage, in der dieses System zur Erkennung von Hydraulikkomponenten integriert ist, arbeitete bis vor kurzem in einem Fertigungswerk von Bosch Rexroth. Lediglich die Hardware-Komponenten wurden vor ein paar Jahren gegen solche »state of the art« ausgetauscht.
Eigenständig entwickelten Stein & Co. auch das eingangs genannte Navigationssystem für Fahrerlose Transportsysteme weiter und präsentierten das Ergebnis erstmals 1987 auf der Fachmesse Ident, Vorgängerin der späteren »Vision«. Als erste Interessenten daran klopften Automobil-Hersteller wie VW und Opel bei Dr. Stein an. Hieraus erwuchs 1991 die Zusammenarbeit mit Opel im Bereich der autonomen Fahrzeugführung.
Für die General Motors-Tochter ist Vitronic noch heute aktiver Entwicklungspartner für kamerabasierte, fahrerunterstützende Visionlösungen zur Erkennung von Fahrbahn, Hindernissen, Gefahren und so weiter. Projekte, die nur darauf warten, aus der Schublade gezogen zu werden. Weitere Meilensteine in der Entwicklungsarbeit von Vitronic waren 1989 eine Visionlösung für ein kombiniertes 2D/3D-Entpalettierungssystem für BMW Steyr, 1990 die 3D-Vermessung von Aluminiumbrammen sowie die Verarbeitung der dabei gewonnenen Ergebnisse in Echtzeit für eine Gießerei in Australien und 1992 das erste Farbbildverarbeitungssystem zur Montageprüfung für VW Kassel. 1995 brachte Vitronic den Prototyp Vitus pro zur 3D-Vermessung von Menschen auf den Markt.
1996 wurde das erste PoliScan System zur Verkehrs- und Geschwindigkeitsüberwachung an die Stadt Offenbach geliefert.
»Mit nahezu jedem Projekt haben wir gemeinsam mit unseren Kunden Neuland betreten und Pionierarbeit geleistet«, so Norbert Stein. »Beispielsweise bei der Integration von Bildverarbeitungslösungen in Fertigungsbereichen mit unkontrollierbar wechselnden Licht- und Beleuchtungsverhältnissen. An solche Applikationen hat sich damals kaum einer der etablierten Anbieter von Visionlösungen gewagt. Und jedes realisierte Projekt war für uns ›Türöffner‹ für weitere Aufträge. Wir haben ja keine konfektionierten Produkte verkauft, sondern immer die Bildverarbeitungslösung kreiert, die der jeweilige Kunde brauchte.«

Kernkompetenzen und Erfolge
So sukzessive, wie aus Sonder- Standardlösungen wurden, mit denen - zumindest was die Hardware anbetraf - Vitronic anfänglich auch schon mal Wettbewerber belieferte, kristallisierten sich langsam, aber sicher jene Anwendungsfelder heraus, auf denen das Unternehmen noch heute aktiv ist: Fabrikautomation, Qualitätsprüfung, Identifikation und Logistik, Verkehrstechnik sowie die 3D-Vermessung von Menschen.
»Im Bereich der Fabrikautomation«, erläutert Dr. Stein, »befassen wir uns vornehmlich mit der 2D- und 3D-Lageerkennung von Werkstücken, der 3D-Positionskorrektur im Bearbeitungsprozeß, mit der Typverifikation und Greifpunktbestimmung sowie mit der Roboterführung beim Schweißen, Kleben und Entgraten. Gerade hier sind wir mit Visionsystemen zur automatischen Inline-Schweißnahtprüfung, speziell von sicherheitsrelevanten Teilen, sehr erfolgreich.«
Die Qualitätsprüfung ist jedoch der Bereich mit den vielfältigsten Applikationen. Hier geht es vornehmlich um die automatische, optische, einhundertprozentige Inline-Inspektion von Oberflächen und einzelnen Typenkombinationen, um die Prüfung von Konturen und Geometrien, Farben und Texturen, um die Kontrolle auf Vollständigkeit sowie auf korrekte Montage und korrekten Einbau. Im Bereich Identifikation und Logistik befassen sich die Entwicklungsingenieure von Vitronic zur Optimierung der Materialflußsteuerung und Teileverfolgung mit kamerabasierten Identtechnologien im wesentlichen mit der Erkennung von Klarschriften (OCR), Barcodes, 2D- und Matrix-Codes, Handschriften und so weiter.
Die hier in den späten 90er Jahren geleistete Pionierarbeit, als Vitronic das größte UPS-Verteilzentrum in Frankfurt am Main mit Identtechnik ausstattete, wurde 2002 mit einem Folgeauftrag der amerikanischen Mutter zur Entwicklung und Lieferung des ersten kamerabasierten Sechs-Seiten-Lesesystems für Pakete honoriert. Ein absolutes Novum, mit dem die Gründung der Vitronic Machine Vision Ltd. in Louisville einherging. Das USA-Geschäft trägt inzwischen jährlich durchschnittlich 20 Prozent zum Gesamtumsatz des Unternehmens bei.
Die Verkehrstechnik ist das jüngste Standbein des Wiesbadener Unternehmens, und ein lukratives obendrein. Hierzu gehören nicht nur die Systeme der bereits genannte PoliScan-Familie, sondern auch TollChecker, die stationären Überwachungssysteme für die Lkw-Maut. Um Spekulationen gar nicht erst aufkommen zu lassen: An Vitronic lag es wahrlich nicht, daß das TollCollect-Projekt nicht planmäßig gestartet wurde. Und auch Norbert Stein hält sich mit Schuldzuweisungen zurück: »In nur elf Monaten Projektlaufzeit nach Auftragserteilung ein solches System mit einer vollkommen neuen Technologie zum Laufen zu kriegen, ist schon eine sehr große Herausforderung. Da sind Fehler nie ganz auszuschließen, egal wo sie passieren. Wir sind, angesichts des Auftragsvolumens, sehr stolz darauf, unseren Teil ohne Kreditaufnahme bewerkstelligt zu haben. Daran läßt sich ganz gut unsere Solidität bemessen.«
Freilich gibt es zwischen den verschiedenen Anwendungen und Kundenkreisen Synergien. Der 3D-Bodyscanner Vitus beispielsweise basiert in wesentlichen Teilen auf dem bereits erwähnten 3D-Vermessungssystem für Aluminiumbarren. Aber Dr. Stein wird nicht müde, das ausgemachte Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb - kundenspezifische Lösungen aus einer Hand - zu betonen: »Ohne eigene Hardware-Entwicklung und -Fertigung hätten wir nie die Chance gehabt, solche Projekte zu realisieren oder daran mitzuarbeiten.«
Derartige Innovationen finden nicht nur Lob bei den Kunden, sondern zwangsläufig öffentliche Anerkennung. Zur Jahrtausendwende wurde Vitronic für den 3D-Bodyscanner Vitus smart mit dem ersten Preis des Hessischen Innovationspreises ausgezeichnet. 2001 erhielt das Unternehmen den »Oskar für den Mittelstand« und war ein Jahr später, als es den IST (Information Society Technologies)- Preis der Europäischen Kommission erhielt, Finalist des Wettbewerbs »Entrepreneur des Jahres«. Im vergangenen Jahr endlich nahm Dr. Stein für sein Unternehmen den »Oskar der Oskars« entgegen.
Daß es so erfolgreich weitergeht, dafür setzen sich bei Vitronic mittlerweile über 250 Mitarbeiter ein, knapp die Hälfte davon sind Entwicklungsingenieure. Von einer derart geballten Kompetenz wagen viele Unternehmen hierzulande nicht einmal zu träumen. Für Norbert Stein ist sie dennoch zu gering: »Es hat uns nie an Ideen für Neues gemangelt, sondern eher an den Kapazitäten, sie umzusetzen.« Wir dürfen also gespannt sein.

Ausgabe:
aut 01/2005
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