28. SEPTEMBER 2016

zurück

kommentieren drucken  

Senkrecht bleiben


Wälzlager Wer kann, der kann. So befördert ein Schweizer Luxushotel seine Gäste bald im eigenen Schienen-Coaster. Auch wenn es steil bergauf geht, sitzen diese immer aufrecht. Wie geht das?

Hohe Ansprüche erfordern herausragende technische Lösungen. Das trifft auch für die Entwicklung des »Tschuggen-Coasters« zu, der schon vor seiner Inbetriebnahme im schweizerischen Arosa als wegweisende Weltneuheit gilt. Dieses vollautomatische Transportsystem mit zwei selbst fahrenden, batteriebetriebenen Fahrzeugen wird bald die Gäste eines Luxushotels auf einer etwa 500 Meter langen Strecke befördern. Das Schienentaxi fährt dabei auf einer auf Stützen stehenden Schienenkonstruktion, die sich optimal in die Landschaft einpasst, und bringt die Fahrgäste in nur drei Minuten über 150 Höhenmeter zum Ziel. Zwei Kabinen befördern jeweils sechs Hotelgäste gleichzeitig. Die verglasten Alukabinen bieten einen einmaligen Panoramablick und lassen auch an Bequemlichkeit und Komfort keinen Wunsch offen. Das besondere Merkmal: Der Fahrgast sitzt bei Fahrten über Steigungen und Gefälle von bis zu 55 Prozent immer in aufrechter Position. Die Sitze müssen deshalb beweglich gelagert sein, um überhaupt die Richtungsänderungen auspendeln zu können. Eine aufwendige, aber trotzdem wirtschaftliche Aufhängung hält die Sitzbänke in den Fahrzeugen und auch die Fahrgäste immer in einer bequemen Position.

Geheimnis: Segmente
Um das zu erreichen, hat der Antriebsspezialist Rodriguez aus Eschweiler eine Radius-Segmentführung entwickelt. Sie musste allerdings nicht nur die für die Personenbeförderung speziellen technischen Vorschriften erfüllen, sondern auch in ihren Abmessungen genau den Verhältnissen im Inneren das Fahrgastraumes entsprechen. Projektleiter und Rodriguez-Produktmanager Thomas Rützler: »Der geforderte Komfort kann nur garantiert werden, wenn die im Fahrzeug befindlichen Sitze eine genau definierte Pendelbewegung ausführen können. Das ist zwar nicht neu, doch es ist sehr aufwendig, das Pendeln der Sitzbänke zu realisieren.« Die dafür notwendige Steuerung erfolgt zusätzlich über einen hydraulischen Bremszylinder. Die wirtschaftlichste Lösung des Problems ist eine Radius-Segmentführung, die auf einem handelsüblichen Rodriguez-Axial-Kugellager mit einen Radius von 500 Millimetern basiert. Dieser Wert ist durch die geometrischen Verhältnisse innerhalb der Kabine vorgegeben. Außerdem galt es, einen Schwenkwinkel von mindestens 28 Grad und einen Schlittenhub von 200 Millimetern einzuhalten. Das für diese Anwendung benötigte Lager funktioniert ähnlich wie ein Linearkugellager. Dieses ist ein Kugellager mit einem ungewöhnlichen, weil axialen Kugelumlauf. Sein Zweck ist nicht, wie bei allen anderen Wälzlagern, die Lagerung eines rotierenden Elementes, sondern die möglichst reibungsfreie Führung bei einer geradlinigen Bewegung.

Kein Standard
Ein Speziallager aber, wie es für die Pendelvorrichtung, das »Goniometer«, benötigt wird, liegt jedoch bei keinem Hersteller als Standardprodukt auf Lager. Hinzu kommt, dass nur ein Segment eines kreisrunden Sonderlagers benötigt wurde. Diese Segmente werden in Form eines Teilausschnittes aus fertigen Lagern gefertigt. Die Aufgabe, diese Radius-Segmentführungen zu entwickeln und herzustellen, hat Rodriguez übernommen. Grundlage für die Lösung war das Axialkugellager aus dem Rodriguez-Programm. Es wiegt nur 620 Gramm, hat den identischen Querschnitt wie Dünnringlager, weist ähnlich technische Eigenschaften auf und ist ebenso hoch präzise, geräuscharm und entsprechend tragfähig. Trotz des kleinen Querschnitts hat das ausgewählte Axialkugellager wegen seiner vier Kontaktpunkte - der Druckwinkel beträgt hier 90 Grad - eine sehr hohe axiale Tragfähigkeit. Die dynamische Tragzahl des eingesetzten Lagers beträgt 24,8 kN, die statische Tragzahl 182 kN. Herzstücke der Radius-Segmentführungen sind polierte und geschliffene Segmentlaufschienen aus gehärtetem Edelstahl. Kombiniert mit einem Polyamid-Kugelkäfig (PA 12) und mit Kugeln aus gehärtetem Wälzlagerstahl vom Typ 1.4034 ist das komplette Laufbahnsystem des Lagers sehr korrosionsbeständig. Auch die Grenztemperaturen von -40 °C und +100 °C prädestinieren die wartungsarmen Konstruktionselemente für fast alle Einsatzfälle. Für die Anschlusskonstruktion besteht freie Werkstoffwahl. Rodriguez hat die äußeren Teile der Radius- Segmentführung, bestehend aus Schienenkörper, Befestigungsplatten und Abdeckungen, aus eloxiertem Aluminium hergestellt. Dadurch erhält die Pendelsitzlagerung nicht nur die gewünschte Korrosionsbeständigkeit. Die hochsteife Lagereinheit ist zugleich, wie gefordert, gewichtsoptimiert, wartungsfrei und langlebig. Durch die hohe Anzahl der tragenden Wälzkörper ließ sich außerdem von Anfang an eine ausreichend hohe Tragkraft erreichen. Die Tragfähigkeit war groß genug, dass nachträglich sogar eine der 6-Millimeter-Kugeln herausgenommen werden konnte, um den Schwenkbereich noch weiter zu erhöhen. Die Rodriguez-Radius-Segmentführung kann nachträglich über seitlich angeordnete Stellschrauben im Lagerspiel nachgestellt oder vorgespannt werden, ohne das Konstruktionselement ausbauen zu müssen.
www.rodriguez.de

Ausgabe:
aut 02/2007
Unternehmen:
Bilder:

kommentieren drucken  


ANZEIGE

 

 
» Finden Sie weitere Fachartikel in unserem Artikelarchiv

  Jetzt Newsletter
abonnieren!


Vision 2016

Aktuelle Ausgaben

Über uns